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Krise am Golf Koalition der Kleinen und Einflußarmen

19.03.2003 ·  Von Isolierung könne keine Rede sein, lautete die Botschaft. Sage und schreibe 30 Staaten hätten ihre aktive Mitarbeit an der „Koalition der Willigen" zur Befreiung des Iraks von Massenvernichtungswaffen.

Von Matthias Rüb, Washington
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Von Isolierung könne keine Rede sein, lautete die Botschaft. Sage und schreibe 30 Staaten hätten ihre aktive Mitarbeit an der "Koalition der Willigen" zur Befreiung des Iraks von Massenvernichtungswaffen und vom Joch Saddam Husseins versprochen, sagt Außenminister Colin Powell. Weitere 15 Staaten hätten der amerikanischen Regierung ihre Unterstützung zugesagt, wollten dies aber nicht an dem von Washington verwalteten Schwarzen Brett der internationalen Beziehungen verkündet wissen. Das macht zusammengerechnet 45 Staaten: eine stattliche Zahl von Willigen.

Das Argument ist bei näherem Zusehen freilich nicht so schlagend - ähnlich wie jenes, wonach in Europa nach den Worten von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die "alt-europäischen" Staaten wie Frankreich und Deutschland mit ihrer Haltung zum Irak-Krieg isoliert seien und nicht die "neuen Europäer" wie Polen, Bulgarien, Ungarn und viele andere, die an der Seite Amerikas stehen. Denn es sind die Staats- und Regierungschefs der großen und einflußreichen Staaten Europas, die, von einer Welle der Zustimmung in der eigenen Bevölkerung getragen, an der Spitze einer breiten europäischen Oppositionsbewegung zum Irak-Krieg stehen. Denn auch den Ministerpräsidenten Italiens, Spaniens und Großbritannien, die in der Irak-Frage Solidarität mit dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush zeigen, weht der Wind einer "friedensbewegten" Mehrheitsmeinung entgegen.

Ähnlich schrumpft auch Powells imposante Liste zu einem kleinen Häuflein der Getreuen zusammen: Zu den 30 Ländern, die sich öffentlich zur Unterstützung Amerikas beim Krieg gegen den Irak bekannt haben, gehören etwa Staaten wie Afghanistan, Albanien, Aserbaidschan, El Salvador, Eritrea, Estland, Lettland und Litauen, Georgien, Mazedonien, Nicaragua, die Slowakei, Ungarn und Usbekistan - allesamt keine politischen oder gar militärischen Schwergewichte. Auch unter den 15, die ihre Hilfszusage an die Vereinigten Staaten lieber nicht aller Welt verkündet hören wollen, dürften keine Großmächte gehören - immerhin aber, wie Außenamtssprecher Richard Boucher durchblicken ließ, Staaten aus der Region selbst wie Jordanien, Qatar, die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und natürlich Kuweit.

Letztlich können die Zahlenspiele der amerikanische Regierung den Umstand nicht verschleiern, daß Amerika fast alleine dasteht - militärisch und politisch. Neben den etwa 250 000 amerikanischen Soldaten stehen in der Region noch 45 000 britische Soldaten und 2000 australische Spezialeinheiten zum Angriff bereit. Dänemark steuert noch ein U-Boot und einen Zerstörer bei. Von den übrigen Mitgliedern der "Koalition der Willigen" wurden nur symbolische Kontingente, etwa zu Bekämpfung der Folgen eines Angriffs mit biologischen oder chemischen Waffen, an den Golf geschickt.

Ganz anders war das Bild beim Golfkrieg von 1991 zur Befreiung Kuweits. Damals reihten sich ebenfalls 30 Staaten hinter Amerika ein - und unter einem Mandat des UN-Sicherheitsrates. Seinerzeit unterstützten Koalitionskräfte mit zusammen fast 300 000 Soldaten die 430 000 amerikanischen Soldaten am Golf. Saudi-Arabien beteiligte sich damals mit 66 000 Soldaten, Ägypten schickte 35 000 Mann, und Syrien ließ 50 000 Soldaten an seiner Ostgrenze zum Irak aufmarschieren. Auch Frankreich war damals mit 17 000 Soldaten, 350 Panzern, gut drei Dutzend Flugzeugen und 14 Kriegsschiffen dabei.

Weil in Amerika "leadership" (Führerschaft) eine allseits bewunderte und geforderte Eigenschaft ist, sind trotz des weltweiten Widerstands nach jüngsten Erhebungen etwa zwei Dritteln der Befragten für die gewaltsame Entwaffnung Saddam Husseins: Wer führen will, muß auch allein sein können - und darauf vertrauen, daß die anderen später schon folgen werden. Doch das wird angesichts immer weiter wachsenden Zorns auf die "Hypermacht" Amerika nicht leicht werden. Die jetzt veröffentlichten Ergebnisse einer umfassenden Umfrage des Pew Research Centers vom 10. bis zum 17. März zeigen, daß in aller Welt die allgemeine Zustimmung zu Amerika im Vergleich zu Mitte 2002 drastisch gefallen ist. Selbst in Großbritannien und Polen, traditionell engen Verbündeten Amerikas, sank die Rate von 75 beziehungsweise 79 Prozent auf jetzt 48 und 50 Prozent. In Deutschland ist im gleichen Zeitraum eine Abnahme der Zahl derer, die eine im ganzen positive Einstellung zu Amerika haben, von 61 auf 25 Prozent zu verzeichnen. Das gleiche Bild in Frankreich (von 63 auf 31 Prozent), Spanien von 50 auf 14 Prozent), in Italien (von 70 auf 34 Prozent) und auch Rußland (von 61 auf 28 Prozent). In der Türkei ist ein Rückgang der allgemeinen Zustimmung zu Amerika von 50 Prozent im Jahre 2000 über 32 Prozent im vergangenen Jahr auf jetzt nur noch zwölf Prozent zu verzeichnen. Andere repräsentative Umfragen in Asien, Afrika und Lateinamerika zeigen, daß die Stimmungslage in anderen Erdgegenden nicht wesentlich anders ist als in Europa. "Die Welt steht nicht auf unserer Seite", bilanziert der Direktor des Pew Research Centers, Andrew Kohut, nüchtern.

Die Befragung von mehr als 5500 Menschen in neun Staaten ergab jedoch noch einen weiteren interessanten Befund. In fast allen Ländern - außer in der Türkei und in Rußland - vertrat eine Mehrheit der Befragten die Ansicht, daß es dem irakischen Volk nach einem Krieg und ohne den Diktator Saddam Hussein besser gehen werde. Und selbst das von der amerikanischen Regierung prophezeite Szenario, daß ein Regimewechsel im Irak einen stabilisierenden Einfluß auf den gesamten Nahen Osten haben und dort zu einem Demokratisierungsschub führen werde, hält eine Mehrheit der Befragten für plausibel. Selbst in Deutschland glauben 56 Prozent, daß der Nahe Osten nach dem Sturz Saddam Husseins stabiler sein werde, 32 Prozent sind gegenteiliger Meinung. Auf dem Marsch in den Irak mögen die amerikanischen Truppen so gut wie alleine sein. Doch wenn sie erst einmal in Bagdad sind - und zwar rasch und möglichst ohne große Katastrophe für die Zivilbevölkerung -, werden sie von dort aus Amerika den Weg zurück "in die Herzen der Menschen" in aller Welt ebnen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2003, Nr. 67 / Seite 5
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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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