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Krise am Golf Bushs Mann für den Irak

28.02.2003 ·  Zalmaj Khalilzad war schon Amerikas Beauftragter in Afghanistan / Von Matthias Rüb

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Am Ende ist er doch rechtzeitig angekommen. Die ohnedies ein ums andere Mal verschobene Konferenz irakischer Oppositioneller wurde erst eröffnet, nachdem Zalmaj Khalilzad endlich in Salahuddin im kurdisch kontrollierten Norden des Iraks eingetroffen war. Eigentlich hätte die Zusammenkunft der wichtigsten Kräfte der irakischen Opposition - von den Vertretern der schiitischen Bevölkerungsmehrheit und der sunnitischen Minderheit über die politischen Gegner Saddam Husseins im Exil und die Partei- und Milizenführer der kurdischen Minderheit im Nordirak bis zu den Repräsentanten der kleinen Volksgruppen der Turkmenen und Assyrer - schon im Januar stattfinden sollen. Doch die notorisch zerstrittenen Gruppen konnten nicht einmal ihren Zwist über die Tagesordnung beilegen und vertagten die Tagung immer wieder noch vor deren Eröffnung.

Am Mittwoch war es dann endlich so weit, und bis zum Freitag wurde in dem verschneiten Ort in den Bergen im kurdisch geprägten irakisch-türkischen Grenzgebiet weiter debattiert. Was Präsident Bushs einstiger Sonderbotschafter für Afghanistan und derzeitiger Beauftragter für den Irak den knapp fünf Dutzend Delegierten mitzuteilen hatte, dürfte den wenigsten unter ihnen gefallen haben. Zwar versicherte Khalilzad, die amerikanische Regierung habe "nicht den Wunsch", den Irak nach dem Sturz Saddam Husseins zu regieren und zu verwalten. Aber für eine Übergangszeit von unbestimmter Dauer würden amerikanische Truppen und eine Art Gouverneur die Geschicke des Landes hin zur Entwicklung einer Demokratie schon lenken.

„Bis der Job erledigt ist“

Khalilzad bekräftigte die in Washington seit mehreren Wochen gebräuchliche Sprachregelung, dies werde so lang wie nötig, aber so kurz wie möglich dauern: Die von den Vereinigten Staaten geführte Militärkoalition werde "den Irak nicht eine Minute eher verlassen, als bis der Job erledigt ist. Aber sie wird auch keine Minute länger bleiben, nachdem der Job erledigt ist". Ein weiterer Teil der Botschaft Khalilzads lautete, daß trotz schwerer Bedenken und offener Feindseligkeit der vier bis sechs Millionen Kurden im Nordirak - beim Oppositionstreffen am deutlichsten von KDP-Chef Massud Barsani geäußert - auch türkische Truppen an der erwarteten Invasion von Norden her in den Irak teilnehmen werden. Doch auch die türkischen Truppen, versicherte Khalilzad, würden nicht länger bleiben als unbedingt nötig - und vor allem nicht länger als amerikanische Soldaten. Eine türkische Sonderrolle bei der Befriedung des Nordiraks - in der Formulierung Khalilzads: "einseitige Schritte irgendeines Landes" - werde man nicht dulden. Die schrittweise Übergabe der politischen Verantwortung an Vertreter der verschiedenen irakischen Volksgruppen könne etwa zwei Monate nach dem Ende der Feindeseligkeiten beginnen. Wie lange die Übergangszeit dauern und welches Modell der Machtübergabe an gewählte Volksvertreter gewählt wird, vermag bisher niemand verläßlich vorherzusagen.

Afghanisch-amerikanische Biographie

Offenbar konnte Khalilzad mit seinen Versicherungen und mit seiner bloßen Gegenwart die besorgten Vertreter der irakischen Opposition und zumal der Kurden vorerst beschwichtigen. Als Vertreter der Regierung in Washington entspricht der schillernde Khalilzad ganz und gar nicht dem herkömmlichen Bild eines amerikanischen Karrierediplomaten. Umso mehr ist sein Aufstieg zu einem der wichtigsten Berater für die Entwicklungen in der Region in Präsident Bushs Nationalem Sicherheitsrat ein Musterbeispiel für die Integrationsfähigkeit der Washingtoner Diplomatie und der amerikanischen Gesellschaft im ganzen.

Geboren wurde Khalilzad 1951 in Mazar-i-Sharif im Norden Afghanistans als Sprößling einer ethnisch paschtunischen Familie mit guten Verbindungen zur Herrschaftselite in Kabul, wohin die Familie später übersiedelte. Er studierte an der amerikanischen Universität in Beirut und später in Chicago, wo er 1979 - im Jahr der sowjetischen Invasion seines Heimatlandes - eine Dissertation in Politikwissenschaften abschloß. Anfang der achtziger Jahre lehrte Khalilzad an der Columbia University in New York, wo er mit dem ehemaligen Sicherheitsberater von Präsident Jimmy Carter, Zbigniew Brzezinski, in Verbindung kam.

Khalilzad leitete zudem die Lobbygruppe "Freunde Afghanistans", die intensive Verbindungen zu den Mudschaheddin unterhielt. 1984 erwarb er die amerikanische Staatsangehörigkeit und trat, ausgestattet mit einem Jahresstipendium für Postgraduierte, ins Außenministerium ein. Dank seines profunden Wissens über den Nahen Osten und seiner Sprachkenntnisse vermochte er sich rasch unverzichtbar zu machen und arbeitete als Mitglied des Planungsstabes des State Departments während der Präsidentschaft Ronald Reagans mit dessen damaligem Direktor der politischen Planungsabteilung, Paul Wolfowitz, zusammen. Heute ist Wolfowitz stellvertretender Verteidigungsminister und der vielleicht einflußreichste politische Kopf im Pentagon. Unter Präsident Bush dem Älteren wechselte Khalilzad ins Verteidigungsministerium, wo er wiederum als Mitarbeiter des Planungsstabes eng mit Wolfowitz zusammenarbeitete, der ihn, zur Zeit des Golfkrieges zur Befreiung Kuweits, dem damaligen Verteidigungsminister Dick Cheney empfohl.

„Vizekönig von Kabul“

Nach der Machtübernahme der Demokraten unter Präsident Bill Clinton arbeitete Khalilzad als Berater der unabhängigen konservativen Forschungseinrichtung Rand Corporation und veröffentlichte Bücher und Essays über die Entwicklungen in Afghanistan und im Nahen Osten. Zudem war er zu jener Zeit als Berater für die kalifornische Ölfirma Unocal tätig, die damals - am Ende ohne Erfolg - über Plänen für den Bau einer Gaspipeline von den reichen mittelasiatischen Ölfeldern etwa in Turkmenistan durch Afghanistan nach Pakistan und ans Arabische Meer saß.

Nach der Wahl von George W. Bush zum Präsidenten wurde Khalilzad vom designierten Vizepräsidenten Dick Cheney als Beauftragter für Verteidigungspolitik ins Übergangsteam des neuen Präsidenten berufen. Im Mai 2001 berief Bush Khalilzad als Beauftragten für die Golfregion und Zentralasien in den Nationalen Sicherheitsrat, wo er seither als rechte Hand von Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice tätig ist. Daß Rice während ihrer Tätigkeit für die Firma Chevron von 1992 an als Expertin für die ehemalige Sowjetunion vor allem das Engagement des Ölriesen in Kasachstan vorantrieb, verbindet die beiden maßgeblichen Berater des Präsidenten für die Region noch enger miteinander.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und während des anschließenden Krieges gegen das Taliban-Regime und die Zellen des Terrornetzwerkes Al Qaida in Afghanistan wuchs Khalilzads Einfluß weiter. Von Präsident Bush zum Sonderbeauftragten für Afghanistan ernannt, wurde er in seinem Heimatland, das er nun oft bereiste, bald als "Vizekönig von Kabul" bezeichnet. Das mag ein wenig übertrieben sein, aber den Titel eines "Königsmachers" für den späteren afghanischen Präsidenten Hamid Karzai darf Khalilzad durchaus für sich in Anspruch nehmen. Eine ähnliche Rolle spielt er jetzt bei den Planungen Washingtons für die Nachkriegsordnung im Irak.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.03.2003, Nr. 51 / Seite 3
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