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Kriegsheimkehrer Bowe Bergdahl : Besser, er ist ein Held

Bild: reuters

Fünf Taliban im Tausch gegen deren einzigen Kriegsgefangenen – da kann Präsident Obama Zweifel am Patriotismus des Heimkehrers nicht brauchen. Deshalb will niemand darüber reden, wie der Unteroffizier Bowe Bergdahl überhaupt in Gefangenschaft geraten konnte.

          So viel wurde am Wochenende in Washington verraten: Die fast fünfjährige Kriegsgefangenschaft von Unteroffizier Bowe Bergdahl endete am Samstagmorgen um halb elf, als sich Dutzende amerikanische Spezialkräfte in der an Pakistan grenzenden Provinz Khost mit 18 Taliban-Kämpfern trafen. In dem als „friedlich“ bezeichneten Treffen übergaben die Islamisten verabredungsgemäß den Amerikaner, der aus eigener Kraft in das bereitstehende Flugzeug stieg. In der Luft schrieb Bergdahl eine Frage aus zwei Buchstaben auf einen Pappteller: „SF?“ Ja, antwortete ihm der Pilot, er befinde sich in der Obhut der „special forces“. Und: „Wir haben dich lange gesucht.“ Da brach Bowe Bergdahl in Tränen aus.

          Andreas Ross

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Viel weniger ist darüber bekannt, wie der Amerikaner in Gefangenschaft geraten war. Niemand will darüber reden. Die Genugtuung über die Heimkehr von „Amerikas letztem Gefangenen aus den Kriegen im Irak und in Afghanistan“ soll nicht von Berichten getrübt werden, dass sich Bergdahl damals einfach von seinem Außenposten in der gefährlichen Provinz Paktika davongestohlen habe. Die Amerikaner boten Drohnen, bemannte Aufklärungsflüge und Hundestaffeln auf, um den jungen Mann zu finden, der am Morgen des 30. Juni 2009 beim Neun-Uhr-Appell fehlte. Aber manche Kameraden sprachen von einem Deserteur. Sie werden zumindest geahnt haben, dass den als Maschinengewehrschützen eingesetzten Gefreiten (der in Gefangenschaft zweimal befördert wurde) massive Zweifel an der Mission plagten. In einer E-Mail an seine Eltern soll er drei Tage vor seinem Verschwinden über die Afghanen geschrieben haben: „Diese Leute brauchen Hilfe, aber... das eingebildetste Land der Welt sagt ihnen, dass sie nichts und dumm sind, dass sie keine Ahnung haben, wie man lebt.“ Wenige Tage vorher hatte Bergdahl offenbar miterlebt, wie ein Fahrzeug der Amerikaner ein Kind überfuhr.

          Bowe Bergdahl im Dezember 2010 auf einem Video der Taliban
          Bowe Bergdahl im Dezember 2010 auf einem Video der Taliban : Bild: AP

          Am Samstag standen Bergdahls Eltern neben Präsident Barack Obama im Rosengarten des Weißen Hauses, als er gelobte: „Die Vereinigten Staaten von Amerika lassen niemals einen unserer Männer und Frauen in Uniform zurück.“ Auf den ersten Blick war zu sehen, dass hier keine klassische Soldatenfamilie das Ende ihres Leidens feierte. Vater Robert Bergdahl hat sich aus Solidarität einen langen Bart wachsen lassen. Sein Sohn war am Rande einer 6000-Einwohner-Stadt in Idaho mit Tausenden Büchern, aber ohne Telefon aufgewachsen. Ein Anthropologie-Studium brach der Naturbursche ab. Er tanzte Ballett und fiel in der Armee wohl auch sonst aus der Reihe. Sein Sohn, sagte Robert Bergdahl vor Jahren, habe das Militär für eine Art bewaffnete Hilfsorganisation gehalten. Jetzt sprach der Bärtige neben Obama ein paar Sätze auf Paschtu, das er sich beigebracht hatte, um selbst mit den Taliban verhandeln zu können. Angeblich, so erläuterte er, hat sein Sohn noch Schwierigkeiten, sich wieder auf Englisch zu verständigen. Er sollte zunächst ins amerikanische Militärkrankenhaus nach Landstuhl geflogen werden.

          Die nächste Beförderung ist schon geplant

          Für Obama markierte die frohe Botschaft das sonnige Ende einer unbeständigen Woche, in der er den endgültigen Afghanistan-Rückzug Ende 2016 versprach und wegen des Skandals um die Veteranenkliniken doppelt bemüht ist, sich als fürsorglicher Oberbefehlshaber zu präsentieren. Für die Regierung verbietet es sich daher, auf den Umständen von Bergdahls Verschwinden herumzureiten, die bei strenger Auslegung womöglich zur unehrenhaften Entlassung führten. Vielmehr ist eine weitere Beförderung des Heimkehrers geplant, über dessen gesundheitlichen und geistigen Zustand zunächst nichts zu erfahren war. Doch die Zweifel am Patriotismus des heute 28 Jahre alten Soldaten machen es republikanischen Sicherheitspolitikern leichter, Obama für den Preis zu schelten, den er entrichtet hat.

          Denn die fünf Taliban-Kommandeure, deren Flugzeug aus Guantánamo nach Qatar abhob, nachdem die amerikanischen Spezialkräfte Bowe Bergdahl in ihre Obhut genommen hatten, gelten als die gefährlichsten der zuletzt 17 in dem Gefangenenlager verbliebenen Afghanen. Der Abgeordnete Mike Rogers, Vorsitzender im Geheimdienstausschuss, erklärte die Obama-Regierung für erpressbar. Senator John McCain, der selbst mehr als fünf Jahre Kriegsgefangener in Vietnam war, fragte scharf nach den angeblichen Sicherheitsgarantien, die Qatar gegeben habe. Doch die Obama-Regierung bekundet öffentlich nur ihre Zuversicht, die Verabredungen seien geeignet, Gefahren auszuschließen. Konkret wird nur auf das Reiseverbot verwiesen, das die fünf Männer offenbar aber nur ein Jahr lang an der Rückkehr nach Afghanistan hindert. Im Interesse der nationalen Sicherheit habe sich Obama über das Gesetz hinwegsetzen dürfen, nach dem die Regierung 30 Tage vor der geplanten Überstellung von Guantánamo-Häftlingen an andere Staaten den Kongress informieren muss.

          Die Regierung ist stolz darauf, dass es ihr gelang, die indirekt über Qatar geführten Verhandlungen mit den Taliban geheim zu halten. Tiefergehende Gespräche mit den Islamisten erwartet sie jetzt trotzdem nicht. Die Taliban, das hatte das Weiße Haus in der vorigen Woche ohnehin bekundet, seien künftig das Problem der Afghanen.

          Quelle: F.A.Z.

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