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Frankfurt in Trümmern

Von HANS RIEBSAMEN und RAINER SCHULZE, Fotos und Videos: MAX KESBERGER & NIKLAS GRAPATIN

6. Mai 2015. In Frankfurt ist der Krieg früher zu Ende als in Berlin und vielen anderen Städten. Ohne auf Widerstand zu stoßen, besetzen amerikanische Truppen am 29. März Frankfurt. Sie haben eine Trümmerwüste erobert.

D ie Altstadt rund um den Dom war ein einziges Ruinenfeld, die City um die Hauptwache existierte nur noch als Trümmergebirge. Es gab keinen Saal mehr in Frankfurt außer dem im Rundfunkgebäude an der Eschersheimer Landstraße und jenem in der Börse. Das Opernhaus (heute Alte Oper), das Stadttheater, das Volksbildungsheim, die Festhalle, Kirchen und Kinos waren ausgebrannt und viele in sich zusammengefallen. Ganz zu schweigen von den Tausenden von Wohnungen, die im Bombenkrieg beschädigt oder völlig zerstört worden waren.

Viele Frankfurter hausten in Kellerlöchern oder demolierten Häusern mit kaputtem Dach und Fenstern ohne Fensterglas. Am Eschenheimer Tor grüßte vom Ufa-Palast noch keck die rote Nase des Clowns Charlie Rivel, doch vom dahinterliegenden Lichtspielhaus war nur noch Schutt übriggeblieben. Auch die Brücken waren zerstört, fanatische SS-Anführer hatten sie kurz vor der Ankunft der Amerikaner sprengen lassen. Nur bei der Wilhelmsbrücke, der heutigen Friedensbrücke, war das Zerstörungswerk misslungen, über sie waren die amerikanischen Panzer über den Main in die Stadt gerollt. Die Frankfurter dagegen überquerten den Fluss vorerst mit Booten. Es fuhr in den Tagen nach der deutschen Kapitulation keine Eisenbahn und keine Tram mehr, es funktioniert kein Telefon und keine Post. Die Stadt, so erinnern sich Augenzeugen, lag wie erstorben da.

Römerberg

© Institut für Stadtgeschichte, Kesberger & Grapatin

Die Altstadt rund um den Römerberg brannte schon ein Jahr vor dem Kriegsende nach Luftangriffen weitgehend aus. Auch das Rathaus Römer wurde schwer getroffen, die Fassade zum Römerberg blieb immerhin in Teilen erhalten. Heute ist das alte Bild am Römerberg, der „guten Stube“ der Stadt, weitgehend wieder hergestellt. Selbst die Fachwerkhäuser der Ostzeile (links) sind wieder auferstanden, wenn auch erst 1983. Die „Knusperhäuschen“ sind bei Touristen beliebt, in der Bevölkerung aber nicht unumstritten. Sie geben auch dem Weihnachtsmarkt eine romantische Kulisse. Der Bagger im aktuellen Bild deutet an, dass der Wiederaufbau immer noch nicht beendet ist. Im Rücken des Betrachters wird ein Teil der Altstadt wieder aufgebaut, 71 Jahre nach der Zerstörung.

Hauptwache

© Archiv, Kesberger & Grapatin

Von der Hauptwache, die dem zentralen Platz in der Innenstadt seinen Namen gibt, standen im Mai 1945 nur noch die Außenmauern. 1730 als Militär- und Polizeistation errichtet, diente sie seit 1906 als Café und Treffpunkt der Gesellschaft. Nach dem Krieg wurde sie zunächst unvollständig wieder aufgebaut und mit einer schlichten Dachkonstruktion versehen. Erst später, als sie für den Bau der U-Bahn abermals abgetragen und wieder aufgebaut werden musste, bekam die Hauptwache ihr altes Mansarddach wieder zurück. Neben dem Gebäude klafft heute ein unwirtlicher Krater: der Treppenabgang zur B-Ebene der U-Bahn-Station.

Katharinenkirche

© Ullstein, Kesberger & Grapatin

In den Tagen vor der großen Stadtzerstörung standen rund um die Katharinenkirche an der Hauptwache noch pompöse Kaufhäuser und Gründerzeitgebäude. Anders als bei der größten evangelischen Kirche der Stadt, die bis 1954 wieder errichtet wurde, verzichteten die Frankfurter aber auf den Wiederaufbau der Nachbargebäude. In der Nachkriegszeit hielt ringsum der Geist der Moderne Einzug. Das Parkhaus Hauptwache, ein Schmuckstück der fünfziger Jahre, entstand. Doch der historische Stadtgrundriss ging an dieser Stelle verloren.

Große Eschenheimer Straße

© Archiv, Kesberger & Grapatin

Wie durch ein Wunder hat der Eschenheimer Turm, ein mittelalterliches Stadttor, den Krieg fast unbeschadet überstanden. Die auf ihn zuführende Große Eschenheimer Straße jedoch hat sich besonders stark verändert. Die weitgehend zerstörte Innenstadtstraße wurde nach dem Krieg verbreitert. Auch vom Traditionsgeschäft Lorey waren nur Trümmer übrig geblieben, es befindet sich heute fast an der gleichen Stelle in einem Neubau. Für das neue Fernmeldehochhaus wurden in den fünfziger Jahren die Ruinen des Thurn-und-Taxis-Palais abgeräumt. Mittlerweile ist das Hochhaus schon wieder Geschichte, an seiner Stelle stehen ein Einkaufszentrum und Hochhäuser. Das Palais wurde rekonstruiert, wenn auch unvollständig.

Börneplatz-Synagoge

© Archiv, Kesberger & Grapatin

„Hier stand die Börneplatz-Synagoge, welche von Nazi-Verbrechern am 9. November 1938 zerstört wurde.“ So lautet die Inschrift einer Granittafel, die seit dem 20. März 1946 an die prächtige Synagoge erinnert. Während der Novemberprogrome wurde sie bis auf die Außenmauern zerstört, die Ruinen wurden 1939 abgetragen. Nach dem Krieg blieb das Areal zunächst unbebaut und wurde als Parkplatz, Tankstelle und Blumengroßmarkt genutzt. Als die Stadtwerke Ende der achtziger Jahre an dieser Stelle ihr Verwaltungsgebäude errichteten, wurden auch Fundamente der Synagoge und anderer Gebäude der ehemaligen Judengasse freigelegt. Erst nach öffentlichen Protesten wurden sie bewahrt und in das 1992 im Untergeschoss eröffnete „Museum Judengasse“, eine Dependance des Jüdischen Museums, integriert.

Stadtbibliothek mit Portikus

© Karl E. Borck, Kesberger & Grapatin

Von der prunkvollen Alten Stadtbibliothek am Mainufer blieb nach Fliegerangriffen 1944 nur noch der Portikus übrig. Die Bomben vernichteten das 1825 vom Stadtbaumeister Johann Christian Hess errichtete Gebäude fast vollständig. Erst fünf Jahrzehnte später entschied sich die Stadt zur Rekonstruktion. 2005 wurde das Bauwerk eröffnet, das heute das Literaturhaus beherbergt. Zuvor stand hinter dem Säulenportal ein temporärer Pavillon für Ausstellungen der Städelschule. Heute sorgt ein Wohnhochhaus, das in den siebziger Jahren unmittelbar hinter der Ruine hochgezogen wurde, für einen starken Kontrast.

Opernplatz

© Karl E. Borck, Kesberger & Grapatin

Kaum ein Gebäude in der Frankfurter Innenstadt war nach den Fliegerangriffen noch intakt. Und mit den Resten ging man nicht besonders sensibel um: Obwohl von dem prachtvollen Geschäftshaus mit der abgerundeten Ecke am Opernplatz noch die Außenmauern standen, wurde es nicht wieder aufgebaut. Jahrzehntelang stand an dieser Stelle ein schmuckloses Bürohaus. Erst im vergangenen Jahr wurde nach den Plänen des Architekten Christoph Mäckler ein neues Eckhaus errichtet, das mit einem eleganten Flugdach auf sich aufmerksam macht.

Alte Oper

© Ullstein, Kesberger & Grapatin

Wer je in der hervorragenden Akustik der Alten Oper einem Konzert gelauscht hat, traut seinen Augen kaum. Von innen atmet das scheinbar altehrwürdige Gebäude den Geist der Postmoderne, mit niedrigen Decken und verchromten Geländern. Jahrzehntelang blieb die Alte Oper nach dem Krieg eine Ruine, erst private Spender verhalfen ihr zum Wiederaufbau. Am 28. August 1981 wurde die einstmals "schönste Ruine Deutschlands" wieder eröffnet.

Bildredaktion: Marion Dubberke, Schnitt: Andreas Krobok, Gestaltung: Bernd Helfert

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 06.05.2015 15:50 Uhr