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Kriegsende 8. Mai Wer war Himmler?

06.05.2005 ·  Der endliche Schatten des Krieges. 60 Jahre danach droht das Vergessen. Immer mehr - vor allem junge - Deutsche sehen keine Mitverantwortung ihrer Generation. Sie möchten einen Schlußstrich unter die Vergangenheit ziehen.

Von Kurt Reumann
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Der Zweite Weltkrieg verrinnt zur Geschichte. Zwar werfen 60 Millionen Tote - Europäer, Asiaten, Amerikaner, Australier - , die von 1939 bis 1945 durch eskalierende Kampfhandlungen umkamen, einen unendlichen Schatten. In jenen sechs Jahren fanden mehr Zivilisten als Soldaten einen grausamen Tod: Frauen, Kinder, Alte. Aber die Erinnerung an die Schrecken verblaßt.

Bezeugte in Deutschland 1995, also fünfzig Jahre nach Kriegsende, noch knapp die Hälfte der Befragten, in ihrer engeren Verwandtschaft habe es jemanden gegeben, der sein Leben durch Kriegseinwirkungen verloren habe, so sagen das heute, zehn Jahre später und sechzig Jahre nach dem Krieg, nur noch 39 Prozent. Ähnlich verhält es sich in Österreich. Am häufigsten beklagen die Russen Kriegsopfer im engeren Familienkreis (1995: 72; 2005: 64 Prozent). Bei Polen (1995: 53; 2005: 34 Prozent), Ungarn (1995: 40; 2005: 27 Prozent) und Tschechen (1995: 33; 2005: 18 Prozent) sind die dramatischsten Erinnerungsstürze festzustellen. Der Rückgang liegt nicht allein daran, daß viele, die den Krieg überlebten, inzwischen gestorben sind; nur noch acht Prozent urteilen als wirkliche Zeitzeugen. Vor allem unter Jüngeren breitet sich die Überzeugung aus, daß ein Schlußstrich gezogen werden müsse.

Bei aller Gemeinsamkeit dieser Neigung sind in den einzelnen Ländern Mittel- und Osteuropas auch deutliche Unterschiede zu erkennen. Das geht aus aktuellen Umfragen des Instituts Imas International in Linz sowie seiner Filialen und Partnerinstitute in Rußland, der Ukraine, Polen, Ungarn, Tschechien, Slowenien, Österreich und Deutschland hervor, die gleichzeitig unternommen wurden. Die Stichproben waren in allen beteiligten Ländern jeweils groß. Meinungsunterschiede unter den einzelnen Ländern ergeben sich aus der aktiven oder passiven Beteiligung am Krieg, aus dem Grad der Betroffenheit, der Schuldzurechnung sowie dem Gefühl, sich zu den Siegern oder Besiegten rechnen zu dürfen (zu müssen). Um nur ein Beispiel zu nennen: Heimatvertriebenen Familien entstammen in der Ukraine 26 Prozent, in Deutschland 14, in Polen 9, in Ungarn und Slowenien je 8, in Österreich 7 und in Tschechien 5 Prozent der heutigen Befragten. Die Angaben beziehen sich auf Erinnerungswerte der Befragten und nicht auf damalige Statistiken.

Gefahr „historischer Verformungen“ wächst

Entsprechend führen die Russen im Familienkreis oft (25 Prozent) oder doch ab und zu (47) Gespräche über den Zweiten Weltkrieg. In Österreich wird von 52, in Deutschland und in der Tschechischen Republik sogar von 62 Prozent der Erwachsenen so gut wie gar nicht mehr über die Zeit vor 1945 geredet. Zwar fühlen sich die Menschen überall gut oder gar sehr gut über die damaligen Geschehnisse informiert. Sicher, fast allen Erwachsenen in Europa sagen die Namen Hitler und Stalin etwas. Aber schon die Erinnerung an Daladier, Chamberlain, Roosevelt, Mussolini, Ribbentrop, Himmler und sogar an Churchill verschwimmt. Begleitende Ereignisse und Zusammenhänge haften immer seltener im Gedächtnis. Insofern ist der Zweite Weltkrieg nur ein Beispiel dafür, daß das Wissen über punktuelle Markierungen oder atmosphärische Ahnungen kaum hinausgeht. Der Leiter des Imas-Instituts, Andreas Kirschhofer-Bozenhardt, warnt daher: „Die äußerst gering gewordene Sachkenntnis beschwört die Gefahr historischer Verformungen herauf.“

Politiker und Pädagogen werden daraus den Schluß ziehen, daß die Menschen gründlicher informiert werden müssen. Die Bevölkerung aber zeigt sich nicht gerade informationsoffen. Im Gegenteil. Allergisch reagiert sie vor allem auf kampagnenartigen Übereifer. Wie schwierig die Aufgabe ist, läßt sich am Verhältnis zu den Juden illustrieren. Auf die Frage, ob sie „persönlich gegenüber den Juden ganz allgemein eher Zuneigung, eher Abneigung oder weder das eine noch das andere“ empfänden, antworteten 2005 zwei Drittel der von Imas befragten Deutschen: „weder noch“, 14 Prozent: „eher Zuneigung“, 10 Prozent: „eher Abneigung“, 9 Prozent waren unentschieden oder machten keine Angabe. Ob dieses Ergebnis - scheinbar - Unbefangenheit signalisiert? Vergleichszahlen aus anderen Ländern gibt es dazu nicht.

Umfrage: Keine Mitverantwortung der jungen Deutschen

Um so interessanter sind vergleichbare Antworten auf die Frage, „was vom Zweiten Weltkrieg am meisten in Erinnerung bleiben und den nachkommenden Generationen berichtet werden“ sollte. Anders als die Polen sagen die Deutschen nicht etwa, vor allem seien die Leiden der eigenen Bevölkerung zu überliefern (Deutsche: 31, Polen: 72 Prozent), was um so erstaunlicher ist, als auch die Deutschen schwere Opfer zu beklagen hatten - man denke an 593000 Bombentote, an 7,5 Millionen Obdachlose, an 14 Millionen Vertriebene, die gefallenen Soldaten, die gepeinigten Kriegsgefangenen. Auch den „Heldenmut der Soldaten an der Front“ halten die Deutschen nicht für sonderlich erwähnenswert (Deutsche: lediglich 22, Polen: 60 Prozent). Dagegen nennen die Deutschen, Junge wie Alte, „die Leiden der Juden in den Konzentrationslagern“ - dort wurden etwa 6 Millionen Menschen, meist Juden, ermordet - an erster Stelle der den nachfolgenden Generationen einzuprägenden Themen: Genau der Hälfte der Deutschen ist das am wichtigsten. Dieser Anteil entspricht dem Niveau in anderen Ländern. Allerdings scheinen die Deutschen das Gedenken an die Taten und Opfer des eigenen Volks zu verdrängen, um sich nicht noch intensiver mit dessen Untaten zumal gegenüber den Juden befassen zu müssen.

Die Berichterstattung über die Vergangenheit empfinden die Deutschen zunehmend als objektiv. Nur sieben Prozent der Deutschen sagen, über die Leiden der Juden werde „eher zu wenig“ berichtet, aber ein Viertel meint, das Thema werde „überbetont“. Von den befragten Tschechen antworteten sogar 51, von den Ungarn 48 Prozent, darüber werde zu viel berichtet; sie geben ihre Meinung womöglich offener wieder als die Deutschen. Wer gegen das Vergessen streitet, wird bei der ständigen Forderung nach Schuldeingeständnissen den Wechsel der Generationen berücksichtigen müssen. Zeitzeugen, zu denen das Imas-Institut alle Deutschen über 70 rechnet, fühlen sich eher „irgendwie mitverantwortlich für die Judenvernichtung vor 1945“ als die Jüngeren. Daher beantworten insgesamt nur noch 16 Prozent diese Frage mit „Ja“. 70 Prozent verneinen eine Mitverantwortung der „heute lebenden Deutschen“, 14 Prozent schwanken unentschieden. Außer in Polen verneinen auch in ost- und mitteleuropäischen Ländern jeweils starke Mehrheiten eine „Erbschuld“ der heutigen Generation.

Deutsche beschwichtigen sich selbst

Allerdings fallen die Antworten auf die Frage, ob die Erinnerung an die im Zweiten Weltkrieg begangenen Verbrechen wachzuhalten sei, bei aller Ablehnung der "Erbschuld" sehr unterschiedlich aus. Russen (83 Prozent), Polen (62 Prozent) und Slowenen (50 Prozent) wollen die Verbrechen (die der Deutschen) nicht vergessen, dagegen stimmen Deutsche (46 Prozent), Österreicher (49) und vor allem die im Krieg mit ihnen verbündeten Ungarn (57 Prozent) eher der Antwortvorgabe zu, daß es besser wäre, „dieses Kapitel abzuschließen und nicht mehr darüber zu reden“.

Österreicher neigen noch etwas stärker zum Vergessen als Deutsche. Das zeigt sich am Anteil derer, die die Erinnerung an die Verbrechen wachhalten wollen. In Deutschland ist diese vergleichsweise starke Minderheit in den letzten zehn Jahren von 36 auf 40 Prozent leicht gestiegen, in Österreich von 38 auf 32 Prozent gesunken. In der Regel verrät die Unlust an der Information nicht Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern; vielmehr wehren sich die meisten dagegen, daß man sie überfordere und in diesem Punkt nicht wie Altersgenossen aus anderen Ländern behandle.

Wie gern die Deutschen dazugehören möchten, ergibt sich aus ihren Antworten auf die Frage, was „besser auf die Situation am Ende des Zweiten Weltkriegs paßt: daß Deutschland von den Alliierten besiegt oder daß es von Hitler befreit wurde?“ Nur 29 Prozent ziehen die Antwortvorgabe vor, Deutschland sei besiegt worden; gut die Hälfte (52 Prozent) will lieber formuliert wissen, daß es von Hitler befreit worden sei. Dabei war die Befreiung von Hitler ohne die totale Niederlage nicht zu haben. Die Frage suggeriert, das eine sei vom anderen zu trennen, und deckt damit raffiniert die Selbstbeschwichtigung der Deutschen auf.

Quelle: F.A.Z., 06.05.2005, Nr. 104 / Seite 10
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