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Krieg in Afghanistan Si vis pacem

18.04.2010 ·  Deutschland steht nicht erst seit Karfreitag in einem Krieg gegen den islamistischen Terrorismus, sondern seit neun Jahren. Aber wer sagt es dem Volk? Auch wenn es pathetisch klingt: Die gefallenen Bundeswehrsoldaten sterben für Deutschland.

Von Berthold Kohler
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Die Empfehlung römischer Strategen „Si vis pacem, para bellum“ - Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor - gilt in Deutschland seit Hitler bestenfalls als Zynismus. Sechs Jahrzehnte schon halten die Deutschen sich lieber an die Maxime: Willst du den Frieden, dann bereite den Frieden vor. Mit dieser Geisteshaltung zog Deutschland auch nach Afghanistan. Den Krieg mochten andere im Süden führen - im Norden sollte der Frieden der Ernstfall sein. Dort wollte Deutschland Ruhe und Ordnung schaffen, mit missionarischem Eifer ganz ohne (schwere) Waffen. Am friedlichen deutschen Wesen sollte Afghanistan und am besten gleich die ganze Welt genesen. Für die kriegerischen Auseinandersetzungen, in die Deutschland dennoch am Hindukusch hineingezogen wurde, war es weder politisch noch militärisch, noch psychologisch im nötigen Maße gerüstet.

Schon drei Regierungskoalitionen - die rot-grüne, die schwarz-rote und die schwarz-gelbe - vertraten die Ansicht, zu dem internationalen Stabilisierungseinsatz und der Beteiligung Deutschlands daran gebe es „keine Alternative“, wie es jetzt Bundeskanzlerin Merkel bekräftigte. Die Gründe dafür werden jedoch nur selten aufgeführt; die Politiker halten sie für zu kompliziert für die Talkshows.

Der erste Krieg gegen den islamistischen Terrorismus

Ganz undurchschaubar sind die Zusammenhänge jedoch nicht. Kehrt die Taliban-Herrschaft nach Afghanistan zurück, droht es wieder zu einem Nest der Terror-Hydra Al Qaida zu werden, derenthalben der Westen in den Krieg zog. Fällt der afghanische Dominostein um, droht auch das atomar bewaffnete Pakistan zu kippen. Dann müssten die Terroristen nicht länger nur von „schmutzigen“ Bomben träumen - in Pakistan lagern einsatzfähige Nuklearsprengköpfe und Trägerraketen.

Eine Rückkehr von Taliban und Al Qaida an die Macht in Afghanistan hätte aber auch rein psychologisch schon eine verheerende Wirkung: Der Westen, nicht allein Amerika, hätte dann den ersten Krieg gegen den islamistischen Terrorismus verloren. Die derzeit aggressivste und menschenverachtendste Ideologie der Welt würde nicht eingedämmt, sondern angespornt. Zu glauben, Al Qaida ließe Deutschland in Ruhe, wenn dieses sich künftig aufs Autobauen und auf sanften Tourismus beschränkte, ist wirklichkeitsfremd. Strucks Satz gilt nach wie vor: Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt.

Sie sterben, auch wenn es pathetisch klingt, für Deutschland

Allein, den Deutschen fehlt der Glaube daran, spätestens seit er blutbefleckt ist. Die ersten, ruhigen Jahre des Bundeswehreinsatzes konnten noch als Erfolgsgeschichte ausgegeben und angesehen werden; jetzt scheint eine Hiobsbotschaft die andere zu jagen. Mehr und mehr deutsche Soldaten fallen. Afghanen, die eigentlich beschützt und ausgebildet werden sollen, kommen um, auch von deutscher Hand. Präsident Karzai gibt sich alle Mühe, den Eindruck zu erwecken, er stehe kurz vor dem Seitenwechsel; die Truppen, die ihn und seine nach wie vor korrupte Gefolgschaft als das kleinere Übel am Ruder halten, nennt er neuerdings Eindringlinge. Für ein solches Regime sollen deutsche Soldaten sterben?

Dafür sterben sie nicht. Sie sterben, auch wenn es pathetisch klingt, für Deutschland. Sie setzen ihr Leben dafür ein, dass die Menschen hierzulande ein Leben ohne die Angst führen können, in der S-Bahn oder im Supermarkt in die Luft gesprengt zu werden. Dafür ist die Bundeswehr im Auftrag von Bundesregierung und Parlament nach Afghanistan gezogen - und nicht für die lobenswerte Errichtung von Mädchenschulen, wie es vom deutschen Pazifismus überrollte Politiker ihren Wählern weismachen und mitunter auch selbst glauben wollten.

Die Zeit der Selbsttäuschung ist jedoch vorbei, seit fast wöchentlich Schwerverletzte und Zinksärge aus Afghanistan zurückkommen. Die Politik hat den Ernst der Lage verstanden. Sie genehmigt der Truppe inzwischen sogar Waffen, die den Politikern früher zu sehr nach dem Krieg aussahen, den es nicht geben durfte. Und selbst in der SPD wollen noch nicht alle in den Wettbewerb um die lauteste Abzugsforderung eintreten.

Doch wer erklärt dem Volk, dass Deutschland wie seine Verbündeten in einem asymmetrischen Krieg gegen den islamistischen Terrorismus (er nennt ihn „heilig“) steht, ob es Truppen am Hindukusch hat oder nicht? Nach dem 11. September 2001 war der Satz wohlfeil, nichts werde mehr so sein wie zuvor. Das war eine Binsenweisheit und eine politische Übertreibung. Die bleibenden Lektionen jenes Tages scheinen aber schon in Vergessenheit geraten zu sein. Die Annahme, man könne in das Vor-9/11-Zeitalter zurückkehren, wenn man sich das nur fest genug wünsche, ist eine gefährliche Illusion. Solange es fanatische Feinde der westlichen Lebensweise wie Al Qaida gibt, sind auch Freiheit und Sicherheit Deutschlands in Gefahr. Der Krieg, dem Deutschland sprachlich, politisch und militärisch so lange auswich, wie es nur irgend ging, begann schon vor neun Jahren. Es liegt nicht in der alleinigen Macht Deutschlands, ihn zu beenden. Doch noch kann es mitbestimmen, wo er ausgetragen wird: fern seiner Grenzen.

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Jahrgang 1961, Herausgeber.

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