27.03.2003 · Am Dienstag Abend bereits wurde gemeldet, was sich die Alliierten schon während des Kampfes um Basra erhofften: Ein Aufstand gegen Saddam. Bestätigung und Dementi jedoch halten sich die Waage und so weiß bislang niemand, was nun wirklich geschah.
Von Nikolas BusseVöllig ungeklärt war bis Mittwoch nachmittag die Lage in Basra. Hatte es nun einen Aufstand in dieser größten Stadt des Südens gegeben? Premierminister Blair sagte im Unterhaus in London, es habe "eine Erhebung in begrenzter Form" gegeben, er sprach von "vereinzelten Unruhen". Auch Blair konnte aber nicht viel mehr sagen, als daß die Lage "unübersichtlich" sei. Sein Verteidigungsminister Hoon bemerkte, die britischen Truppen vor der Stadt, vor allem die "Wüstenratten" der 7. mechanisierten Brigade, hielten sich für alles bereit. Blair versprach sogar, die britischen Streitkräfte würden "maximale Unterstützung" gewähren, falls sich die Stadt gegen die Truppen Saddam Husseins erhebe.
Nach allem was bekannt wurde, beruhten die Berichte von einer Rebellion weitgehend auf Angaben britischer Nachrichtenoffiziere, die sich bei den Truppen vor Basra befinden. In den ersten Meldungen am Dienstag abend war die Rede von Unruhen im Stadtzentrum. Irakische Einheiten hätten mit Mörsern auf die Aufständischen geschossen. Daraufhin hätten britische Einheiten die irakischen Stellungen mit ihrer Artillerie beschossen, um die Rebellion zu stützen; sie verfügten über spezielle Radargeräte, mit denen sich der Ort der Mörser genau feststellen lasse.
„Tausende ziehen durch die Straßen“
Der Irakische Nationalkongreß, eine Oppositionsbewegung, meldete sogleich, es handle sich um einen großen Aufstand, der mit heftigen Handgemengen und Bajonett-Stechereien einhergehe. Die Nachrichtenagentur AP berichtete - unter Bezug auf britische Reporter bei der Truppe - sogar von Tausenden Einwohnern, die durch die Straßen zögen und Gebäude in Brand setzten.
Dem standen freilich Meldungen aus anderen Quellen gegenüber, die von weitaus kleineren oder womöglich gar keinen Aufständen sprachen. Die BBC zitierte einen irakischen Wissenschaftler im britischen Exil, der seine Familie in Bagdad angerufen hatte, mit den Worten: "Es gibt einige Schießereien. Einige Slogans werden gegen Saddam gerufen. Aber andere Leute sagen, daß es keine echte Volkserhebung gibt." Der Korrespondent des arabischen Nachrichtensenders Al Dschazira, der als letzter Fernsehberichterstatter in der Stadt ausharrt, meldete sogar, er habe überhaupt keine Anzeichen für einen Aufstand gesehen. Die irakische Führung in Bagdad dementierte die Berichte ebenfalls.
Das richtige Eriegnis zur falschen Zeit
Wenn sich die Menschen in Basra jetzt erheben, dann wäre das für Amerikaner und Briten wohl das richtige Ereignis zur falschen Zeit. Vor Beginn des Krieges hatten die Führungen der beiden Armeen stets durchblicken lassen, daß ein Aufstand in Basra willkommen sei, weil er die Einnahme der strategisch wichtigen 1,5-Millionen-Einwohner-Stadt erleichtern würde; hinzu käme der Propagandagewinn für die Angreifer, die gerne als Befreier gesehen werden wollen.
In den vergangenen Tagen war aber aus dem Felde berichtet worden, die Koalitionstruppen hätten die ursprünglich geplante Einnahme Basras - nicht zuletzt wegen fehlender Aufstände - aufgegeben, die Stadt umgangen und konzentrierten sich nun auf den Vormarsch nach Bagdad. Der amerikanische Verteidigungsminister Rumsfeld deutete in Washington an, daß aus diesem Grund derzeit womöglich wenig getan werden könne, um einen Aufstand zu stützen: "Ich hoffe und bete, daß sie es tun, wenn genug Truppen in der Nähe sind, um ihnen zu helfen." Für die Schiiten, die in Basra die Bevölkerungsmehrheit stellen, wäre das bitter: Schon nach dem letzten Golfkrieg waren ihnen die Amerikaner nicht zu Hilfe geeilt, als Saddam Hussein ihren Aufstand niederschlagen ließ.
Unfaire Taktiken der Irakis
Wie stark Basra gesichert ist, scheint zurzeit ebenfalls unklar. Nach Berichten von Reportern, die sich bei Basra befinden, wird der größte Widerstand derzeit von tausend irregulären Kämpfern, sogenannten Fedaijin, geleistet. Die Briten nahmen sie am Mittwoch mit Kommandoeinsätzen und Artilleriefeuer unter Beschuß. Wie viele reguläre Truppen noch in der Stadt sind, schienen aber nicht einmal die britischen Offiziere genau zu wissen. Sie beschwerten sich über unfaire Taktiken der Iraker. Einige Panzer seien in der Nähe eines Krankenhauses aufgetankt worden, und hätten deshalb nicht beschossen worden können, zitierte die Agentur AP einen Militär. Immerhin soll es am Dienstag gelungen sein, das Hauptquartier der Baath-Partei in der Mitte der Stadt mit einem Luftangriff zu zerstören.
Nikolas Busse Jahrgang 1969, politischer Korrespondent für die Nato und die EU mit Sitz in Brüssel.
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