27.03.2003 · Vor wenigen Wochen noch sprach man in Amerika vom schnellen Sieg und davon, daß die Irakis die Allierten mit offenen Armen empfangen würden. Mittlerweile sind die Erwartungen deutlich gedämpfter - bei Militärs wie Zivilisten.
Von Matthias RübArchive vergessen nicht. Die Begegnungen mit Einlassungen der jüngeren und nicht so jungen Vergangenheit verlaufen dieser Tage für manchen politischen und militärischen Führer in Amerika nicht eben erfreulich. Andere dagegen können sich untadeliger Einträge ins kollektive Gedächtnis rühmen und werden deshalb nicht müde, ihre Aussagen selbst zu bekräftigen oder von Sprechern wiederholen zu lassen.
Nach einer Woche Krieg im Irak unterzieht sich Amerika einer kritischen Selbstprüfung, justiert Hoffnungen, dämpft Erwartungen. Alltagsbeobachtungen und Umfrageergebnisse zeigen zwar gewachsene Ernüchterung, aber keinen Stimmungseinbruch. Eine Umfrage der Tageszeitung "New York Times" und des Nachrichtenkanals CBS News ergab eine fortgesetzt hohe grundsätzliche Zustimmung zum Krieg: Danach sind 70 Prozent der Befragten der Ansicht, es sei richtig, im Irak Krieg zu führen, 24 Prozent halten dies für einen Fehler.
Der Krieg ist gut, aber ein Sieg nicht in Sicht
Eine Umfrage unmittelbar nach Beginn des Krieges hatte fast das gleiche Ergebnis ergeben, die Abweichung um zwei Prozent nach oben lag im Toleranzbereich. Zum selben Befund kommt eine repräsentative Umfrage des Pew Research Centers: Immer noch sind 72 Prozent der Befragten der Überzeugung, der Krieg im Irak sei richtig und gerechtfertigt.
Allerdings haben viele ihre Erwartungen auf einen raschen Sieg deutlich zurückgeschraubt. Der Anteil jener, die einen kurzen und erfolgreichen Kriegszug erwarteten, sank laut Umfrage von "New York Times" und CBS zwischen Samstag und Montag von 62 über 53 auf 43 Prozent. Entsprechend ging die Zahl jener zurück, die ein Kriegsende "in wenigen Wochen" erwarten: von 53 über 42 auf 34 Prozent. Die Meinungsforscher des Pew Research Centers fanden ebenfalls heraus, daß die Zahl jener, die der Ansicht sind, der Krieg nehme einen sehr guten Verlauf, von Samstag bis Montag von 71 auf 52 Prozent abgesackt ist.
Völlige Fehleinschätzungen
Wenn immer noch mehr als zwei Drittel der Amerikaner überzeugt sind, daß die Frauen und Männer der Streitkräfte im Irak für eine richtige Sache kämpfen, wie kam es dann zu den jetzt im Rückblick als deutlich überzogen zu erkennenden Erwartungen zu Kriegsbeginn? Als Teilerklärung wird man gelten lassen, daß es der menschlichen Natur entspricht, bei einem gefährlichen Unternehmen auch wider vernünftige Skepsis auf einen raschen und glücklichen Ausgang zu hoffen. Daraus kann dann ein Zustand kollektiver Verblendung erwachsen, zumal wenn man ständig zu hören bekommt, daß der Schlagkraft und technischen Überlegenheit der amerikanischen Streitkräfte nichts und niemand auf der Welt auch nur entfernt nahekommt.
Doch der Blick in die Archive, die nichts vergessen, zeigt auch, daß die verbreitete Neigung zu falschen Erwartungen von manchen noch zusätzlich angefeuert wurde. Der 16. März verzeichnet, in der Sendung "Meet the Press" des Fernsehkanals NBC, einen der vielleicht schwersten Fälle des Schürens übertriebener Hoffnungen. Vizepräsident Dick Cheney, einer der entschiedensten Verfechter eines Krieges gegen den Irak, wagte die Prophezeiung, die Truppen der regulären irakischen Armee würden den Kampf nicht ernsthaft aufnehmen und auch "bedeutende Elemente der Republikanischen Garde" würden "wahrscheinlich keinen Widerstand leisten". Der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs, General Richard Myers, sagte am 4. März vor Journalisten, die Militärplaner hofften auf einen "kurzen Konflikt". Um dieses Ziel zu erreichen, sei es "das beste, dem irakischen Regime einen solchen Schock zu versetzen, daß es frühzeitig das nahende Ende erkennt".
„Wochen, nicht Monate“
Bei einer gemeinsam mit Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bestrittenen Pressekonferenz im Pentagon sah sich Myers am Dienstag zu der Beteuerung veranlaßt, er habe "nie einen Zeitrahmen genannt". Sein ziviler Vorgesetzter sprang ihm mit einer für ihn typischen Äußerung bei, wonach es "überflüssig sei, zu sagen, daß wir dem Beginn noch immer viel näher sind als dem Ende". Einen genau umrissenen Zeithorizont habe allein schon deshalb niemand auf die Landkarte der allgemeinen Erwartungen eingezeichnet, weil das in Kriegen grundsätzlich nicht möglich sei. Dennoch hatten sich viele in der Regierung der Sprachregelung befleißigt, der Krieg werde "Wochen, nicht Monate" dauern.
Wem aber soll man nun vorwerfen, die von den Sandstürmen der vergangenen Tage verwehten Hoffnungen geweckt zu haben? Und wer kann sagen, was überhaupt kurz und lang bedeutet? Während des Vietnam-Krieges, der von 1962 bis 1973 dauerte, brauchte es Jahre, bis die Proteste Wirkung zeigten und die Stimmung in der Bevölkerung umschlug.
Antiwestliche Gefühle im Nahen Osten
Doch heute stellt sich angesichts allgegenwärtiger Frontberichterstattung, in Echtzeit im Fernsehen, dazu in täglichen Sonderbeilagen der wichtigen Tageszeitungen, rasch das Zeitgefühl ein, der Krieg dauere schon ewig - und ist doch erst eine Woche alt. Auch ist die Wirkung von Fernsehbildern von tatsächlichen oder angeblichen Bombenangriffen der Alliierten auf zivile Ziele, die über arabische Fernsehkanäle in der ganzen Region ausgestrahlt werden, im Vergleich zu früheren Kriegen stärker. Was die "arabische Straße" denkt, hat selbstredend wichtige politische Auswirkungen - auf den Krieg und die Nachkriegszeit. Je länger der Krieg dauert, desto höher die Wahrscheinlichkeit, daß antiwestliche Gefühle im Nahen Osten weiter wachsen.
Bush weiß, wie der Krieg ausgeht
Präsidentensprecher Ari Fleischer richtet sich vorerst noch ans heimische Publikum, wenn er sich in letzter Zeit für seine täglichen Pressekonferenzen mit Zitatsammlungen des Präsidenten wappnet. Aus den einschlägigen Zitaten geht hervor, daß der Präsident stets warnend vom Krieg gesprochen und Erwartungen gedämpft hat. Im Oktober sagte Bush vor dem Kongreß: "Jeder militärische Konflikt kann schwierig sein." In seiner Ansprache zum Kriegsbeginn am vergangenen Mittwoch hieß es: "Ein Krieg auf dem harten Terrain eines Landes so groß wie Kalifornien könnte länger dauern und schwieriger sein, als einige voraussagen." Am Dienstag ließ er sich bei einem Besuch im Pentagon mit den Worten vernehmen: "Wir können nicht wissen, wie lange der Krieg dauert, aber wir wissen, wie er ausgeht: Wir werden obsiegen."
In Washington will niemand öffentlich Zahlen nennen - jedenfalls nicht von Tagen und Wochen. Die von Präsident Bush vom Kongreß zur Deckung der Kosten des Krieges erbetenen zusätzlichen 74,7 Milliarden Dollar sollen vorerst bis zum Ablauf des Haushaltsjahres Ende September reichen. Einkalkuliert sind darin, so heißt es, Kosten für Kampfhandlungen von einer Dauer von insgesamt 30 Tagen. Eine solche Schätzung wird von Militärfachleuten als realistisch eingeschätzt, auch der Golfkrieg 1991 dauerte gut einen Monat. Nach dieser Rechnung wäre jetzt ungefähr ein Viertel des Krieges um. Und die schweren Gefechte um Bagdad stehen noch bevor.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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