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Krieg am Golf 21. Tag: Saddams Regime zusammengebrochen

09.04.2003 ·  Nach mehr als zwei Jahrzehnten blutiger Herrschaft ist die Diktatur Saddam Husseins am Mittwoch in Bagdad zu Ende gegangen.

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Nach mehr als zwei Jahrzehnten blutiger Herrschaft ist die Diktatur Saddam Husseins am Mittwoch in Bagdad zu Ende gegangen. Drei Wochen nach den ersten Bombenabwürfen auf die irakische Hauptstadt nahmen gepanzerte Einheiten der amerikanischen Marineinfanterie große Teile der Innenstadt auf dem Ostufer des Tigris unter ihre Kontrolle, ohne auf Widerstand zu stoßen. Hunderte Iraker verfolgten, wie ein amerikanischer Bergungspanzer eine riesige Statue Saddam Husseins zu Fall brachte und vom Sockel riß. Daraufhin tanzte die Menge auf den Überresten des hohlen Standbildes, während auf dem Sockel die verbogenen Stiefel und daraus hervorstehende Eisenröhren zurückblieben. Später wurde der Kopf der Statue durch die Straßen geschleift.

In weiter östlich gelegenen Stadtteilen nahe der Bagdader Universität lieferten sich andere Einheiten der Marineinfanterie dagegen heftige Gefechte mit versprengten irakischen Kämpfern. Das Gebäude der Universität stand in Flammen. Ein Reporter des amerikanischen Nachrichtensenders CNN berichtete, in dem Gebäude habe es nach amerikanischem Beschuß mehr als eine halbe Stunde lang heftige Detonationen gegeben, weil offenbar ein Munitionslager getroffen worden war. Auch in Städten im kurdisch dominierten Nordirak wie Arbil kam es zu spontanen Freudendemonstrationen. Über das Schicksal des gestürzten Diktators, seine beiden Söhne sowie der Mitglieder der inneren Führung der Baath-Partei bestand weiter Unklarheit.

Journalisten hatten schon am Morgen aus Bagdad berichtet, daß auf den Straßen der Hauptstadt keine bewaffneten Soldaten, Polizisten oder sonstige Kämpfer des Regimes mehr zu sehen waren. Die "Begleiter" des Regimes für die Journalisten waren ebensowenig erschienen wie der irakische Informationsminister Muhammad Sajid al Sahaf, der in dem Hotel seine täglichen Pressekonferenzen gab. Noch am Dienstag hatte der Minister den amerikanischen Truppen eine vernichtende Niederlage vorausgesagt. Das irakische Fernsehen hatte schon am Dienstag seine Sendungen eingestellt.

Befehlshaber der amerikanischen Truppen, die mit ihren Panzern des Typs Abrams sowie mit Bradley-Panzerfahrzeugen und auch mit ungepanzerten Humvees auf den Platz vor dem Hotel Palestine fuhren, berichteten von einem ungehinderten Vorstoß aus den südlichen Vororten. Offenbar hatten die Kommandeure zunächst nicht geplant, bis zu dem Hotel, in dem die meisten der etwa 300 ausländischen Journalisten in Bagdad untergebracht sind und von dort ihre Berichte in alle Welt versenden, vorzustoßen. Da die Stoßtrupps aber auf keinen Widerstand trafen, setzten die ihren Vormarsch fort. Nachdem die ersten amerikanischen Soldaten aus ihren Fahrzeugen ausgestiegen waren und sich frei bewegten, strömten immer mehr Zivilisten auf die zuvor menschenleeren Straßen.

Im nordöstlich des Zentrums gelegenen Stadtteil Saddam City, in dem vor allem Angehörige der schiitischen Bevölkerungsmehrheit leben, war es schon am Morgen zu Freudenkundgebungen und zu Plünderungen gekommen. Einheiten der Marineinfanterie waren zuvor bei minimaler Gegenwehr versprengter irakischer Kämpfer in den armen Stadtteil eingerückt. Reporter verschiedener Fernsehstationen zeigten Bilder von und berichteten über Plünderungen von Regierungsgebäuden, aus denen Einrichtungsgegenstände und Geräte fortgeschafft wurden. Die amerikanischen Truppen machten zunächst keine Versuche, die chaotischen Zustände zu beenden und wieder so etwas wie eine öffentliche Ordnung zu errichten. Journalisten berichteten von Schießereien zwischen Plünderern.

In der ganzen Stadt ließen aufgebrachte Menschen ihre Wut an den Symbolen der Macht von Saddam Hussein aus: Die allgegenwärtigen Bilder und Statuen wurden beschädigt oder zerstört, mit Schuhen und Steinen beworfen. Im Zentrum schlugen junge Männer mit einem Vorschlaghammer auf den Sockel des überlebensgroßen Standbilds des Diktators ein und legten der Statue ein Seil um den Hals.

Später wurde die Statue von einem amerikanischen Bergungspanzer zu Fall gebracht. Menschen riefen nach Berichten von Journalisten aus der Stadt "Du Verbrecher" und "Saddam ist der Feind Gottes", während sie auf die gestürzte Statue eintraten.

Auch bei den Kurden im Nordirak riefen die Berichte aus Bagdad Jubel hervor. Einwohner der Stadt Arbil, die von der Demokratischen Partei Kurdistans (DPK) unter Massud Barzani kontrolliert wird, feierten auf den Straßen oder fuhren in Autokorsos hupend durch die Stadt. Kurdische Peschmerga nahmen nach Berichten von Reportern in der Gegend die letzte ehedem von irakischen Truppen gehaltene Stellung nördlich der Stadt Mossul ein. Aus anderen Städten des Iraks wurden blutige Abrechnungen mit Vertretern des gestürzten Regimes gemeldet. Aus Basra wurde berichtet, eine aufgebrachte Menge habe Gebäude der bislang herrschenden Baath-Partei angegriffen und Funktionäre der ehemaligen Staatspartei getötet.

Das alliierte Hauptquartier in Doha in Qatar sowie die politische Führung in Washington warnten angesichts der Jubelszenen aus Bagdad vor übereilter Euphorie. Die Militäraktionen liefen weiter nach Plan, die Fortschritte seien erheblich, und das Bagdader Regime löse sich auf, sagte Brigadegeneral Vincent Brooks in Qatar. Aber der Krieg sei damit noch nicht vorbei. "Es gibt noch viel zu tun." Zu den Plünderungen in Bagdad und Basra sagte Brooks, man erwarte, daß sich die Situation nach und nach beruhigen werde. Die Menschen freuten sich über ihre Befreiung, "und eine Menge Energie wird bei ihnen frei gesetzt".

Auch in Washington warnten Regierungsvertreter in ersten Reaktionen vor Euphorie und erinnerten zugleich an die Gefallenen des Krieges. Präsident Bush ließ durch seinen Sprecher Ari Fleischer mitteilen, die Bilder aus Bagdad seien ein Beweis für das Streben der Menschen im Irak nach Freiheit.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.04.2003, Nr. 85 / Seite 1
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