06.04.2003 · Amerikanische Truppen haben sich im Südwesten und im Südosten Bagdads in den Vororten der irakischen Hauptstadt festgesetzt. Sie unternahmen am Sonntag den zweiten Tag in Folge Vorstöße ins Zentrum der Stadt.
6. April. Amerikanische Truppen haben sich zweieinhalb Wochen nach Kriegsbeginn im Südwesten und im Südosten Bagdads in den Vororten der irakischen Hauptstadt festgesetzt. Sie unternahmen am Sonntag zudem den zweiten Tag in Folge Vorstöße ins Zentrum der Stadt und schlossen vom internationalen Flughafen aus, der etwa 20 Kilometer westlich vom Stadtzentrum liegt, den Belagerungsring in Richtung Nordwesten und Norden.
In Basra im Südirak rückten britische Truppen ins Zentrum der Stadt vor, in der 1,3 bis 1,6 Millionen Menschen seit mehr als zwei Wochen eingeschlossen sind. Der irakische Informationsminister Muhammad Sajid al Sahaf wies auf einer Pressekonferenz in Bagdad die übereinstimmenden Berichte des alliierten Hauptquartiers in Qatar und internationaler Nachrichtenagenturen über den amerikanischen Vormarsch als Propaganda zurück. Die gegnerischen Truppen seien sowohl am Flughafen wie im Südosten Bagdads zurückgeschlagen worden.
Im Nordirak setzten alliierte Luftstreitkräfte nach Angaben des Senders CNN ihre Bombenangriffe auf irakische Stellungen fort. Bei einem irrtümlichen Angriff auf eine Kolonne kurdischer Peschmerga, die gemeinsam mit amerikanischen Spezialeinheiten gegen die irakischen Streitkräfte vorrücken, wurden nach übereinstimmenden Berichten von CNN und BBC 12 kurdische Kämpfer getötet. 45 weitere Peschmergas seien zum Teil schwer verletzt worden. Ob es auch unter den amerikanischen Soldaten Opfer gab, war unklar. Der Konvoi zwischen den Städten Arbil und Mossul war auf kürzlich noch irakisch kontrolliertem Gebiet getroffen worden. Das Zentralkommando kündigte eine Untersuchung des Vorfalls an.
Einzelne Widerstandsnester
Truppen der 3. Infanteriedivision des amerikanischen Heeres waren mit Panzern und Panzerfahrzeugen erstmals am Samstag vom Süden Bagdads aus bis an den Fluß Tigris vorgedrungen und hatten dann auf dem seit Freitag von amerikanischen Einheiten kontrollierten internationalen Flughafen Stellung bezogen. Bei den Kämpfen mit irakischen Streitkräften, darunter Einheiten der Republikanischen Garde, sind nach Angaben eines amerikanischen Militärsprechers etwa 2000 Soldaten getötet worden. Mit den alliierten Truppen mitreisende Journalisten berichteten von zahlreichen zerstörten irakischen Panzern und vielen getöteten Soldaten.
Am Sonntag rückten Einheiten der amerikanischen Marineinfanterie von Südosten am Ostufer des Flusses Tigris entlang in Vororte der Hauptstadt vor. Nach Angaben eines Reporters des Nachrichtensenders CNN stießen die Truppen auf einzelne Widerstandsnester. Bei den Kämpfen mit den irakischen Streitkräften gab es auf deren Seite offenbar viele Tote. Durch irakischen Beschuß mit Panzerabwehrwaffen wurde ein amerikanischer "Abrams"-Panzer so schwer beschädigt, daß er von der Besatzung aufgegeben und in Brand gesetzt wurde.
Über Tote und Verletzte bei dem Zwischenfall berichtete die Dependance des für die Region zuständigen Zentralkommandos der amerikanischen Streitkräfte in Doha in Qatar nichts. Das irakische Fernsehen zeigte am Sonntag Bilder von bewaffneten Irakern, die auf dem ausgebrannten amerikanischen Panzer Freudentänze aufführten. Nach Berichten von Journalisten aus der Hauptstadt waren am Sonntag zum ersten Mal Mitglieder der Fedaijin, der von Udai Hussein geführten Miliz, in Bagdad zu sehen. Zehntausende Menschen flohen aus der Stadt. Das Pentagon teilte in Washington mit, es werde "ein loser Ring" um die Hauptstadt gelegt. Amerikanische Truppen stünden im Süden, Norden und Westen. Nur noch der Weg nach Nordosten sei frei.
Keine vollständige Besetzung Bagdads
Nach Einschätzung von Militärfachleuten planen die amerikanischen Streitkräfte derzeit keine vollständige Besetzung Bagdads. Vielmehr soll mit der Isolierung der Hauptstadt sowie mit wiederholten Vorstößen ins Zentrum der Stadt der Widerstand des Regimes gebrochen werden. Am Samstag und Sonntag setzte die amerikanische Luftwaffe ihre Angriffe auf irakische Stellungen im Süden der Hauptstadt sowie in der Stadt selbst fort. Der britische Sender BBC berichtete, von Süden her nähere sich eine weitere "massive amerikanische Militärkolonne" mit 2000 Fahrzeugen und Panzern der irakischen Hauptstadt. Journalisten aus der Haupstadt berichteten am Samstag von schweren Kämpfen zwischen amerikanischen und irakischen Truppen am südöstlichen Stadtrand. Bei den Kämpfen seien etwa ein Dutzend irakischer Panzer zerstört worden. Amerikanische Marineinfanteristen eroberten am Sonntag, ohne auf Widerstand zu treffen, das Hauptquartier des 2. Korps der Republikanischen Garde und besetzten einen Präsidentenpalast. Südlich von Bagdad wurden amerikanische Soldaten von Kämpfern aus Jordanien, Ägypten, Sudan und anderen Ländern angegriffen. Mehrere der Kämpfer seien getötet, andere gefangengenommen worden, berichteten Journalisten unter Berufung auf amerikanische Offiziere.
Nach zwei Wochen des Ausharrens vor den Toren der südirakischen Stadt Basra drangen britische Truppen am Sonntag überraschend in das Zentrum der zweitgrößten Stadt des Landes vor. Die 7. Panzerbrigade der "Desert Rats" (Wüstenratten) sei bei dem Vormarsch aus drei verschiedenen Richtungen nur auf vereinzelten Widerstand gestoßen, sagte der britische Armeesprecher Al Lockwood. Der Sender BBC berichtete, auch der Flughafen von Basra sei eingenommen worden. Ursprünglich hätten die Briten am Sonntagmorgen lediglich Kontrollpunkte in den Außenbezirken der Millionenstadt errichten wollen, sagte Lockwood. Doch wegen des "freundlichen Empfangs" der Zivilbevölkerung sei entschieden worden, in das Zentrum vorzudringen. Die drei Formationen von mehreren hundert Panzern vom Typ "Challenger" seien vereinzelt von irakischen Milizen mit Panzerabwehrwaffen und mit Gewehrfeuer beschossen worden. Britische Soldaten entdeckten nahe der südirakischen Stadt Zubair ein umfangreiches Lager mit menschlichen Überresten. Es handelte sich vermutlich um gefallene Iraner aus dem Krieg des Iraks gegen Iran in den achtziger Jahren.
Russischer Botschafter angegriffen
Beim Verlassen Bagdads geriet die Autokolonne des russischen Botschafters zweimal unter Beschuß. Mehrere Menschen seien verletzt worden, als Unbekannte mit Handfeuerwaffen auf die Gruppe geschossen hätten, berichtete ein mitfahrender Journalist der Agentur Interfax. Präsident Wladimir Putin ließ Washington und der Regierung in Bagdad eine Protestnote überreichen.
Das Emirat Kuweit lud unterdessen die Außenminister des Golfkooperationsrates (GCC) für Montag zu einer Dringlichkeitssitzung nach Kuweit-Stadt ein.
Lage "komplizierter"
Die Einsetzung einer neuen irakischen Regierung nach dem Ende des Krieges wird nach Angaben des amerikanischen Verteidigungsministeriums voraussichtlich länger als ein halbes Jahr auf sich warten lassen. "Es wird vermutlich länger dauern", sagte der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz am Sonntag dem Fernsehsender Fox. Wolfowitz verwies auf das Beispiel des kurdischen Nordiraks. Eine westliche Koalition habe die Truppen von Saddam Hussein Anfang April 1991 aus diesem Teil des Landes vertrieben. Im September 1991 hätten die nordirakischen Kurden dann selbst die Verwaltung des Landesteils übernommen und das "recht erfolgreich" getan. Jetzt sei die Lage jedoch "komplizierter", der Aufbau einer irakischen Regierung werde deshalb auch mehr Zeit in Anspruch nehmen.
In Istanbul protestierten zahlreiche Demonstranten gegen den Irak-Krieg. Der Nachrichtensender CNN-Türk sprach von Zehntausenden von Demonstranten. Zu der Protestveranstaltung unter freiem Himmel hatten zahlreiche Gewerkschaften, linksgerichtete Parteien und gesellschaftliche Gruppen aufgerufen. Während der Kundgebung kam es zu Ausschreitungen, bei denen die Polizei Tränengas gegen steinewerfende Demonstranten einsetzte. Auch in Spanien haben zahlreiche Demonstranten gegen den Krieg protestiert.