06.04.2003 · Infanteriedivision des amerikanischen Heeres sind nach Angaben des alliierten Hauptquartiers in Qatar am Samstag zum ersten Mal auf das Zentrum der irakischen Hauptstadt Bagdad vorgerückt.
Truppen der 3. Infanteriedivision des amerikanischen Heeres sind nach Angaben des alliierten Hauptquartiers in Qatar am Samstag zum ersten Mal auf das Zentrum der irakischen Hauptstadt Bagdad vorgerückt. Bis wohin die Kolonne aus Panzern und Panzerfahrzeugen vorstieß, wurde nicht mitgeteilt. Aus dem Pentagon in Washington hieß es, die Soldaten seien vom Internationalen Flughafen kommend, der etwa 20 Kilometer westlich von Bagdad liegt, in Richtung Tigris vorgestoßen und nach einer Art Patrouillenfahrt wieder auf den Flughafen zurückgekehrt.
Journalisten aus Bagdad berichteten, im Stadtzentrum und zumal auf dem Ostufer des Tigris seien die amerikanischen Panzer nicht zu sehen gewesen. Bei der Dependance des für die Region zuständigen amerikanischen Zentralkommandos in Doha in Qatar sagte ein Armeesprecher: "Wir bewegen uns von den Vororten zum Herzen der Stadt." Der irakische Informationsminister Muhammad Sajid wies bei einer Pressekonferenz in Bagdad die Berichte über das Vorrücken der amerikanischen Truppen bis ins Stadtzentrum zurück.
Zudem sagte er, die amerikanischen Einheiten seien auch vom internationalen Flughafen der Stadt, den sie am Freitag eingenommen hatten, vertrieben worden.Ausländische Fernsehsender und das amerikanische Zentralkommando berichteten dagegen übereinstimmend, daß der Flughafen unter sicherer Kontrolle der 3. Infanteriedivision sei. Eine Landebahn soll schon bald für den Flugverkehr der alliierten Streitkräfte genutzt werden. Von den "unkonventionellen Angriffen" - gemeint sind offenbar Selbstmordanschläge -, die al Sahaf für die Nacht zum Samstag angekündigt hatte, wurde bis Samstag abend nichts bekannt. Der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA untersuchte einen irakischen Filmbericht vom Freitag, auf dem angeblich Präsident Saddam Hussein inmitten jubelnder Menschen zu sehen war.
Bei dem Vorstoß der amerikanischen Truppen in Richtung Bagdader Innenstadt leisteten gepanzerte Einheiten der Republikanischen Garde nach Berichten amerikanischer Fernsehsender erheblichen Widerstand. Der Nachrichtenkanal CNN zeigte Bilder von zahlreichen brennenden irakischen Panzern. Ziel des Vorstoßes war es offenbar, sich selbst und den irakischen Streitkräften zu beweisen, daß sich die gepanzerten amerikanischen Einheiten jederzeit überallhin bewegen können. Von Südosten her rückten Truppen der amerikanischen Marineinfanterie am Ostufer des Tigris weiter auf die Hauptstadt Bagdad zu. Drei "Abrams"-Panzer wurden dabei nach einem Bericht der amerikanischen Tageszeitung "Washington Post" von irakischen Panzerabwehrraketen getroffen und außer Gefecht gesetzt. Verletzt wurde niemand. Fortsetzung auf Seite 2 Weiter westlich am Euphrat konnte die 3. Infanteriedivision des Heeres nach Angaben von Nachrichtenagenturen das Hauptquartier der Medina-Division der Republikanischen Garde ohne Gegenwehr einnehmen.
Bagdad lag auch in der Nacht zum Samstag und den Tag über unter schwerem Beschuß amerikanischer Artillerie sowie der Luftwaffe. Nach Angaben des Zentralkommandos flogen Bomber seit Freitag 700 Einsätze über dem Irak. Vor allem Stellungen der Republikanischen Garde im Südosten der Hauptstadt sowie der irakischen Streitkräfte im Norden des Landes wurden angegriffen. Nach Berichten von Reportern rückten kurdische Kämpfer weiter auf die Stadt Mossul im Norden vor.
In Washington wurden unterdessen die Diskussionen über die nächsten Schritte zum Sturz des Regimes und über die Einsetzung einer Übergangsverwaltung nach dem Ende des Diktators Saddam Hussein fortgesetzt. Amerikanische Zeitungen berichteten am Samstag unter Berufung auf Regierungsmitarbeiter, daß um Bagdad ein "leichter Kordon" gelegt und zugleich die Bevölkerung durch Radiosendungen und mit Flugblättern zur Abkehr vom alten Regime veranlaßt werden soll. Strategisches Ziel ist es offenbar, den Zusammenbruch des Saddam-Regimes ohne verlustreiche Kämpfe zu erreichen.
Mit der Einsetzung einer Übergangsverwaltung, zu der Beauftragte der amerikanischen Regierung und Repräsentanten aller Volksgruppen des Iraks, sodann Exil-Iraker und Führungspersönlichkeiten aus dem Irak selbst gehören sollen, soll noch vor einer formalen Kapitulation das Ende des Regimes markiert werden. Entscheidend ist nach dieser Strategie nicht die Kontrolle über das ganze Land, sondern über die wesentlichen Gebiete, den Luftraum und die wichtigsten Flughäfen des Landes. Auf diese Weise könnte der Sieg in der Schlacht erklärt werden, ohne daß der Diktator Saddam Hussein schon gefaßt oder sichtbar abgesetzt wäre. Wann dieser Zeitpunkt der faktischen Kontrolle erreicht ist, würde der Kommandeur des Zentralkommandos, Heeresgenaral Tommy Franks, gemeinsam mit Präsident George W. Bush entscheiden. Über die Zusammensetzung einer möglichen Übergangsregierung gibt es weiterhin Meinungsunterschiede zwischen dem Außen- und dem Verteidigungsministerium.