03.04.2003 · Auch am Donnerstag meldeten die Nachrichtenagenturen wieder schnelle Geländegewinne der amerikanischen Truppen vor Bagdad: Eine Vorhut der 3. Infanteriedivision hat sich angeblich den Außenbezirken der irakischen Hauptstadt auf bis zu zehn Kilometer genähert.
Von Nikolas Busse3. April. Auch am Donnerstag meldeten die Nachrichtenagenturen wieder schnelle Geländegewinne der amerikanischen Truppen vor Bagdad: Eine Vorhut der 3. Infanteriedivision habe sich den Außenbezirken der irakischen Hauptstadt auf bis zu zehn Kilometer genähert, berichtete Reuters. Außerdem hätten Soldaten vor dem Flughafen Bagdads, der etwa 20 Kilometer südwestlich vom Stadtzentrum liegt, Stellung bezogen. Ob ein Angriff auf den Flugplatz unmittelbar bevorstand, war bis zum Abend unklar. Er wäre aber in jedem Fall eine wertvolle Eroberung für die Amerikaner, weil sie dann in unmittelbarer Nähe von Saddam Husseins Machtzentrale über eine logistische Drehscheibe verfügten. Aus diesem Grund hatten die irakischen Truppen die Rollfelder des Flughafens offenbar unlängst zerstört.
Trotz dieser Erfolge hatte es bis Donnerstag abend den Anschein, als ob die amerikanischen Befehlshaber fürs erste keinen großangelegten Einmarsch in die irakische Hauptstadt vorhatten. Mehrere amerikanische Medien berichteten unter Berufung auf Militärs und Mitarbeiter des Pentagons, ein überhasteter Angriff auf die fünf bis sechs Millionen Einwohner zählende Stadt solle möglichst vermieden werden. "Ich würde nicht genau sagen wollen, wie bald wir an verschiedenen Stellen in Bagdad ankommen werden", sagte dazu General Vincent Brooks beim amerikanischen Zentralkommando in Qatar. Zuvor hatte General Stanley McChrystal von den Vereinigten Stabschefs in Washington festgestellt: "Wir erwarten einen sehr schwierigen Kampf, oder zumindest planen wir dafür. Wir erwarten nicht einen plötzlichen Vorstoß nach Bagdad hinein, bei dem die Stadt mit einem großen Schlag genommen wird."
Häuserkampf vermeiden
Hinter dieser verbalen Zurückhaltung, die in deutlichem Gegensatz zur Geschwindigkeit des Vorrückens stand, dürfte sich der Wunsch der amerikanischen Militärs verbergen, einen mühsamen und verlustreichen Häuserkampf zu vermeiden. Daß die Iraker genau das vorhaben, um sich gegen die Angreifer zu verteidigen, hatte der stellvertretende irakische Ministerpräsident Tariq Aziz, ein enger Vertrauter Saddam Husseins, vor ein paar Tagen in aller Offenheit einem arabischen Fernsehsender gesagt: "Es ist am besten, wenn wir sie nicht in der Wüste bekämpfen, sondern in die Städte und bevölkerten Gebiete locken."
Tatsächlich wäre ein Häuserkampf in Bagdad eine der wenigen Situationen, in denen die Truppen Saddams den technisch haushoch überlegenen Amerikanern (und Briten) etwas entgegenzusetzen hätten. Bei der Eroberung einer Stadt, zumal einer riesigen Metropole wie Bagdad, helfen moderne Präzisionswaffen nur bedingt. Straße um Straße, Block um Block müssen von kleinen Trupps erobert werden: Scharfschützen in (zerbombten) Gebäuden, Soldaten in Zivilkleidung, Trümmerfelder auf Durchgangsstraßen, Hinterhalte in engen Gassen und Höfen machen den Angreifern das Leben schwer - nicht zuletzt deshalb, weil sie meist über geringere Ortskenntnisse verfügen als die Verteidiger.
Im Fall von Bagdad kommt hinzu, daß in der Stadt die sogenannte Sondereinheit der Republikanischen Garde stationiert ist, die für den Häuserkampf sogar eigens ausgebildet wurde. In der vielschichtigen Welt der Sonder- und Spezialeinheiten des irakischen Regimes bildet diese Truppe eine Art Groß-Leibgarde Saddam Husseins, die zur Sicherung der Hauptstadt und zur Bewachung der Präsidentenpaläste in Takrit, der Heimatstadt des Diktators, eingesetzt wird. Die reguläre Republikanische Garde durfte Bagdad bisher nie betreten, da Saddam stets Angst vor Putschversuchen hatte. Nur die etwa 20 000 bis 25 000 Mann der Sondereinheit sind für den Dienst in Bagdad zugeteilt, da nicht nur deren Offiziere, sondern auch viele der einfachen Soldaten aus Takrit stammen und mit dem Clan Saddams verbunden sind. Viele Fachleute hatten schon vor Beginn des Krieges vermutet, daß Saddams letzte Verteidigungsstrategie auf dieser Sondereinheit ruhen würde: Wenn man den Amerikanern in den Straßen Bagdads hohe Verluste zufügen könnte, so lautete wohl das irakische Kalkül, dann ließen sich Verhandlungen erzwingen, in denen das Regime gerettet werden könnte.
Verstärkung für Bagdad
Den amerikanischen Kriegsplanern ist diese Gefahr offenbar bewußt. Die Zeitung "New York Times" berichtete aus Kuweit unter Berufung auf hohe Offiziere, deshalb sei es bei den Operationen der vergangenen zwei Tage auch darum gegangen, einen Rückzug irakischer Soldaten in die Hauptstadt zu verhindern. Entsprechende Truppenbewegungen, die von Drohnen und Flugzeugen registriert worden waren, seien mit Bombenangriffen der Luftwaffe und Boden-Boden-Raketen des Heeres bekämpft worden. Trotzdem wurde gemeldet, am westlichen und östlichen Stadtrand seien Einheiten der (regulären) Republikanischen Garde gesehen worden, ebenso wie an wichtigen Kreuzungen in der Hauptstadt. Die Zeitung "Washington Post" schrieb unter Berufung auf die amerikanische Aufklärung, in abgehörten Funksprüchen hätten die Divisionen der Republikanischen Garde südlich von Bagdad ausdrücklich den Befahl erhalten, sich näher an die Hauptstadt zurückzuziehen. Unter dem Eindruck des massiven Vormarsches der Amerikaner scheint die irakische Führung diese Soldaten nun erstmals in die Nähe des Machtzentrums zu lassen.
Bis Donnerstag abend schien es, als ob das amerikanische Militär angesichts dieser Lage erst einmal versuchen würde, an die Stadtränder Bagdads vorzurücken. Die "New York Times" berichtete, die Kommandeure wollten derzeit nicht über Einzelheiten der weiteren Strategie reden, sie deuteten aber an, daß man in den nächsten Tagen weitere Angriffe auf irakische Regierungsgebäude und sogenannte Regimeziele vornehmen werde. Dazu könnten unter anderem verstärkte Aufklärungsmissionen und geheime Kommandounternehmen in Bagdad gestartet werden. Schon vor ein paar Tagen hatten amerikanische Medien berichtet, die "Delta Force", eine Sondereinheit des Heeres, sei mit dem Auftrag in den Irak geschickt worden, hohe Regierungsmitglieder und zentrale Personen des Regimes zu töten.
Wahrscheinlich dürfte es in den nächsten Tagen auch zu weiteren Angriffen auf die verbliebenen Einheiten der Republikanischen Garde vor der Hauptstadt kommen. Bis zu zwei Drittel der täglich mehr als 800 Angriffsflüge seien zuletzt auf Stellungen der Garde geflogen worden, wird aus Washington berichtet. Das hat offenbar dazu geführt, daß die irakische Militärführung immer mehr Einheiten aus anderen Gegenden in den Großraum Bagdad schickt. So sollen jetzt auch Soldaten der Adnan-Division, die eigentlich Mossul im Norden sichert, zur Verstärkung der schwer getroffenen Garde in die Nähe der Hauptstadt verlegt worden sein.
Strategie der Einkreisung
Die "Washington Post" berichtete unter Berufung auf Beamte des Pentagons, eine Möglichkeit bestünde jetzt darin, diese Kräfte ein oder zwei Wochen lang gezielt zu bekämpfen, die Stadt allmählich einzukreisen und dann eine bedingungslose Kapitulation zu verlangen. Länger könnte es dauern, sollte sich der Oberbefehlshaber Tommy Franks dazu entscheiden, zunächst auf die 21 000 Mann der 4. Infanteriedivision zu warten, einer besonders modern ausgerüsteten Einheit des Heeres, die ursprünglich von der Türkei aus in den Nordirak einrücken sollte. Das erste Schiff mit der Ausrüstung dieser Division war erst am Dienstag in Kuweit eingetroffen.
Ob all das genügt, um den finalen Vorstoß nach Bagdad hinein zu vermeiden, bleibt abzuwarten. Bei einigen Verteidigungsplanern in Washington schwingt offenbar immer noch die Hoffnung mit, daß weitere vernichtende Schläge gegen die Republikanische Garde das irakische Regime psychologisch so erschüttern, daß es zusammenbricht. Auch hofft man, so melden amerikanische Zeitungen, weiter auf Aufstände der Bevölkerung, besonders der Schiiten in Bagdad. Im Süden des Landes, wo die Menschen sicher keine Freunde Saddams sind, ist das allerdings bisher nur selten geschehen.
Nikolas Busse Jahrgang 1969, politischer Korrespondent für die Nato und die EU mit Sitz in Brüssel.
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