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Krawalle in Athen Protokoll einer Zerstörung

10.12.2008 ·  Die Besitzer der verwüsteten Läden in Athen fangen mit Aufräumen an. Viele werden erst in Wochen wieder öffnen können. Auch ihre Angestellten sind betroffen - während die Wirtschaftskrise das Land schon erfasst hat.

Von Michael Martens, Athen
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Im Auge des Sturms hängen arrivierte Herren in Öl an den Wänden, und im Hintergrund läuft Micky Maus. Die Herren hängen immer da, nur Micky Maus ist ein Zufall.

Der Hausherr wollte eigentlich Nachrichten sehen. Doch zeige der Sender wegen des Generalsstreiks bisher nur Kinderprogramm, was ihn allerdings nicht störe, sagt er: „Ich mag Zeichentrickfilme. An manchen Tagen lebt man ja selbst in einem.“

Mehr als 400 Geschäfte zerstört

Die würdigen Herren an der Wand sind seine Vorgänger als Vorsitzende des Athener Handelsverbands. Ingesamt waren es 26, von denen 15 kunstvoll gezwirbelte Schnauzbärte trugen wie sein Großvater Dimitris Karellas, der zur Zeit der Balkankriege von 1912/13 Direktor war. Enkel Panagis Karellas arbeitet seit 1999 in dem holzgetäfelten Büro in der Athener Innenstadt. Tage wie diese habe er jedoch noch nie erlebt, versichert er.

„Bis zum Dienstag um die Mittagszeit haben 402 Geschäfte im Großraum Athen Schäden gemeldet. Bei einigen wurden nur die Schaufenster zerstört, andere wurden vollständig verwüstet. Aber das war vor der Beerdigung. Die neuesten Zahlen haben wir noch nicht.“

Beerdigt wurde am Dienstag der Schüler Alexandros Grigoropoulos, dessen Tod durch eine Polizeikugel am Samstag der Anlass für die Krawalle meist Jugendlicher Randalierer war, die das Land seither Nacht für Nacht in Atem halten.

Höhe des Schadens steht noch nicht fest

„Willkommen im Auge des Sturms“, sagt Herr Karellas und zitiert Einzelheiten aus dem Protokoll der Verwüstung: „Etwa 35 Geschäfte sind total zerstört worden. In den anderen Städten sind nach unseren Informationen bis zu 200 weitere Läden angegriffen worden. Wir schätzen, dass etwa 2500 Beschäftigte von den Zerstörungen betroffen sind.“ Nicht erfasst haben die Händler natürlich Schäden an öffentlichen Gebäuden, wie in Piräus, wo ein Polizeigebäude demoliert wurde.

Noch sein es zu früh, um über die Höhe des Schadens zu spekulieren, doch eines stehe schon fest: „Viele Ladenbesitzer werden staatliche Hilfen benötigen.“ Sein Verband habe eine einmalige Entschädigungszahlung an die Betroffenen vorgeschlagen, wobei nicht nur die Inhaber zerstörter Geschäfte als Betroffene zu zählen seien: „Wenn in einer Einkaufsstraße ein Drittel aller Geschäfte zerstört wurden, leiden auch die anderen - denn wer geht dann noch dort einkaufen?“

Ginge es nach Herrn Karellas, müssten die Banken zudem vom Staat verpflichtet werden, günstige oder gar zinslose Kredite an die von den Plünderungszügen betroffenen Geschäftsinhaber zu vergeben. Schließlich habe die Regierung unlängst ein Rettungspaket für die Banken im Wert von 28 Milliarden Euro verabschiedet. Da sei es nur recht und billig, wenn sie auch mitbestimme, wie das Geld eingesetzt wird.

Versicherung nur über das Nötigste

Der zerstörerische Furor kam zum schlechtesten vorstellbaren Zeitpunkt: Die Wirtschaftskrise macht sich im wirtschaftlich ohnehin schwachbrüstigen Griechenland längst bemerkbar. Da viele Läden erst in mehreren Wochen wieder eröffnen können, fällt für die betroffenen Händler das Weihnachtsgeschäft aus, das manchen von ihnen sonst ein Viertel des Jahresumsatzes bringt. Manche werden zudem Schwierigkeiten mit den Versicherungen bekommen, fürchtet Karellas.

In Stadtteilen, in denen es häufiger zu Angriffen auf Läden kommt, sind die Versicherungsbeiträge sehr hoch. Manche Ladenbesitzer schließen nur eine Versicherung über das Nötigste ab - in der Hoffnung, es werde nichts Ernstes geschehen. Das sei etwa im Stadtteil Exarchia der Fall, von wo aus die Gewalt ihren Ausgang nahm, nachdem Alexandros Grigoropoulos dort erschossen worden war. Der Staat müsse daher unbedingt hilfreich eingreifen.

Der Ruf nach dem Staat ist weder ungewöhnlich noch neu in Griechenland. Panagis Karellas hält ihn aus mehreren Gründen für berechtigt. „Ich bin nicht nur von der Abwesenheit der Polizei enttäuscht, sondern auch von der Abwesenheit der Regierung. Glaubt man, dieses Land ließe sich mit dem Autopiloten durch die Krise steuern? Warum zum Beispiel gibt es bei uns kein Vermummungsverbot?

Sattsam bekannte Unbekannte

Dazu müsste nur ein Gesetz verabschiedet werden. Aber das Offensichtliche wird nicht getan. Wir haben den Begriff Demokratie missverstanden, vor allem die Bedeutung der Rechte und Pflichten, die damit zusammenhängen.“ Jeder wisse, dass es ein gewaltfreudiges Milieu gebe in Athen, es handele sich bei den verhüllten Zerstörern um sattsam bekannte Unbekannte, doch es gebe kein Konzept, wie man sich gegen sie wehren kann. „Es ist seit 35 Jahren dasselbe“, klagt er.

Wenige Minuten von den Büros des Athener Handelsverbands entfernt, in der Ermou-Straße 54, steht Georgis Nikolaidis vor den Resten dessen, was bis zur vergangenen Woche noch ein Bekleidungsgeschäft war. Die Ermou-Straße, benannt nach Hermes, dem Gott des sicheren Geleits und der Kaufleute (aber auch der Schelme), ist eine Fußgängerzone, in der es viele Modegeschäfte gibt.

Bei Georgis Nikolaidis wird man auf absehbare Zeit nichts mehr kaufen können. Der Laden ist vollständig ausgebrannt, nur eine schwarze Höhle ist davon geblieben. Arbeiter tragen verkohlte Trümmerteile aus dem Innern heraus und werfen sie in Müllcontainer. Passanten und Pärchen verlangsamen kurz ihren Schritt und schauen zu.

Hoffnung auf die Wiederöffnung

„Ich hoffe, dass wir im April kommenden Jahres wieder öffnen können“, sagt Nikolaidis. In seinem Fall wird der Wiederaufbau besonders lange dauern, denn das Gebäude, in dem sich der Laden befand, steht unter Denkmalsschutz. Man muss viele Genehmigungen einholen, bevor gebaut werden kann. Immerhin sei der Sachschaden versichert, sagt der ausgebrannte Geschäftsmann, der sehr milde über die Polizei redet.

„Was hilft es über Fehler der Polizei zu reden. Das ganze Stadtviertel wurde angegriffen. Die Polizisten konnten nicht viel machen“. In diesen Tagen wird er einigen Athenern unangenehme Nachrichten überbringen müssen. Eigentlich hatte er geplant, für das Weihnachtsgeschäft weitere Verkäufer einzustellen, doch daraus wird nun nichts. Unweit seines Ladens ist ein anderes Geschäft mit Graffitislogans beschmiert: „Die Mode unterjocht das Gewissen“, hat einer geschrieben, und daneben: „Die Spektakel-Gesellschaft soll brennen.“ So ist es gekommen. Sie hat sich selbst entflammt.

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