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Kopftuchstreit Symbole und Religionsfriede

 ·  Der Streit über das Kopftuch spaltet nun auch die Muslime in Europa. In islamischen Ländern extistiert die mit Symbolen gespickte Debatte zwischen Laizisten und Konservativen schon seit vielen Jahren.

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Das Kopftuch für muslimische Frauen beginnt auch in Europa mehr und mehr zum Symbol für jenen Kulturkampf zu werden, der seit vielen Jahren in islamischen Ländern ausgetragen wird, am sichtbarsten vielleicht in der Türkei, wo der Staat am eindeutigsten gegen das Tuch - wie gegen andere religiöse Kundgebungen im amtlichen Raum - vorgeht.

Das zeigen die jüngsten Demonstrationen in europäischen Hauptstädten, bei denen es zum Teil zu wütenden Protesten vor allem gegen das in Frankreich geplante neue Gesetz kam. Dies Gesetz gleicht in seiner Entschiedenheit viel mehr den in der Türkei geltenden Regeln als den in Deutschland von manchen vorgesehenen, da es nicht nur für Lehrerinnen und Professorinnen gelten soll, sondern auch für Schülerinnen und Studentinnen.

„Mit tolerantem Islam nichts zu tun"

In Deutschland bleibt muslimischen Schülerinnen das Tragen des Tuches unbenommen. Schon wird auf muslimischer Seite pauschal von "Diskriminierung" gesprochen, die westlichen Länder "unterdrückten" den Islam. Angesichts des für jedermann sichtbaren Vordringens des Islams in West- und Mitteleuropa in den vergangenen vierzig Jahren erscheint diese Anklage grotesk, erst recht, wenn man sie reziprok mit der Situation der Christen in der arabisch-muslimischen Welt vergleicht.

In dankenswerter Klarheit hat sich jetzt die in Hamburg beheimatete Türkische Gemeinde in Deutschland dagegen ausgesprochen, daß beamtete Lehrerinnen das Kopftuch tragen dürfen. Der Bundesvorsitzende der Organisation, Hakki Keskin, schreibt in seiner Stellungnahme: "Das Tragen des Kopftuchs für Lehrerinnen oder gar Forderungen nach einer Trennung von Jungen und Mädchen beim Schwimm- und Sportunterricht, wie wir dies in Hamburg seit einigen Wochen erleben, haben mit dem seinem Wesen nach sehr toleranten Islam nichts zu tun." Auch stellt die Türkische Gemeinde klar, daß jene, die das Kopftuch auch "amtlicherseits" tragen wollen, nicht "den" Islam repräsentieren.

Das Lancieren des Kopftuches auch amtlicherseits wird vielmehr so charakterisiert: "Dies ist ein Versuch zahlenmäßig kleiner, radikaler Gruppen innerhalb der islamischen Bevölkerung, die Religion für ihre politisch-ideologische Gesinnung zu instrumentalisieren. Ihr Endziel ist ein Staat nach dem Gesetz der Scharia. Dies sollte jedem klar sein."

Das Präzedenz

Nichts illustriert dies vielleicht besser als das Auftreten einiger muslimischer Frauen im vergangenen Herbst, als das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe in dem seit Jahren anhängigen Kopftuchverfahren der Lehrerin Fereshte Ludin zu entscheiden hatte. Die Frauen hatten sich mit der Burka verhüllt, jenem vor allem in Afghanistan gebräuchlichen Umhang, der unter den Taliban für alle vorgeschrieben gewesen war. Dazu reckten sie Schilder in die Höhe mit der Aufschrift: "Wehret den Anfängen!" Daraus sprach ganz unverhohlen die Furcht, bei einer Erlaubnis des Kopftuches im staatlichen Raum werde als nächster Schritt die in traditionellen und fundamentalistischen Kreisen übliche Verhüllung des gesamten Körpers durch das entsprechende Kleidungsstück folgen, eben Burka, Tschador, bis hin zur in der Golfregion üblichen Gesichtsmaske oder ähnlichem. Tatsächlich spricht die Hartnäckigkeit, mit der diese Angelegenheit von einigen muslimischen Organisationen betrieben wird, dafür, daß ein Präzedenz erreicht werden soll, auf dem man dann "aufbauen" kann.

Die Türkische Gemeinschaft glaubt allerdings, daß eine saubere Lösung nur dann gefunden werden kann, wenn an den deutschen Schulen auch das Tragen anderer religiöser Symbole verboten werde. Die Schule dürfe nicht zum Austragungsort von Konflikten zwischen den Religionen werden. Dies würde den sozialen Frieden in der Schule zuerst unter den Lehrern, dann aber auch unter den Schülern gefährden und auch den Integrationsprozeß nichtdeutscher Kinder erschweren. Gegen das private Tragen des Kopftuches hat die Organisation nichts einzuwenden.

Der Kopftuchstreit mag in Europa angekommen sein, doch ist er ein islamisches Phänomen, das seit mehreren Jahrzehnten schon die Muslime beschäftigt. Selbst in der Türkei geht es nicht allein um die Alternative "Kopftuch oder nicht". Man unterscheidet zwischen einer Bedeckung das Kopfes (basörtülü) herkömmlicher Art, wie sie bei Bäuerinnen oder kleinstädtischen Frauen aus dem traditionellen Milieu angetroffen wird, und jenem auf besondere Weise geknüpften Tuch, das man "türban" nennt und das eindeutig als Ausdruck einer islamistischen Gesinnung interpretiert werden muß. Seine Trägerinnen sind oft besonders jung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.01.2004, Nr. 16 / Seite 8
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