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Konvertiten Lockruf des Ostens

13.09.2007 ·  Wie die Terrorverdächtigen Daniel S. und Fritz G. konvertieren viele Deutsche zum Islam. Die einen suchen philosophische Befriedigung, andere treibt Enttäuschung und Hass. Wolfgang Günter Lerch über die Beweggründe der Konvertiten.

Von Wolfgang Günter Lerch
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Wer tritt in Deutschland zum Islam über, und warum tut er das? Nach der Aufdeckung der jüngsten Terrorpläne, in die mit Daniel S. und Fritz G. zwei deutsche Konvertiten maßgeblich verwickelt gewesen sein sollen, ist diese Frage bewusster gestellt worden als früher. Doch es fällt schwer, sie eindeutig zu beantworten. Umfassende Forschungen zu diesem Thema gibt es nicht, noch nicht einmal die ungefähre Anzahl von zum Islam konvertierten Männern und Frauen ist bekannt. Man weiß nur eines: Sie hat zugenommen.

Die Schwierigkeit liegt unter anderem darin, dass der Islam keine Kirche ist, im Grunde keine Organisation kennt, die zu vergleichen wäre. Man tritt ihm nicht bei oder verlässt ihn wieder (letzteres ist allerdings durch das islamische Gesetz untersagt und kann den Tod zur Folge haben), es gibt keine Taufe oder dergleichen. Um ein vollgültiger Muslim zu werden, genügt es, vor dazu autorisierten muslimischen Zeugen zweimal die Bekenntnisformel der Muslime zu rezitieren, die sogenannte Schahada: „Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet.“

Von Richard Burton zu Hadschi Abdullah

Konversionen zum Islam hat es in einzelnen Fällen schon immer gegeben. In früheren Zeiten waren es Forschungsreisende, die zum Islam übertraten, um in seinen Gebieten ungefährdeter reisen und Informationen sammeln zu können. Manchmal taten sie das auch nur zum Schein, wie der große Arabien-Reisende Richard Burton, der unter dem Pseudonym Hadschi Abdullah und als vorgeblich afghanischer Paschtune das heilige Mekka besuchte.

Andere, wie der Schweizer Johann Ludwig Burckhardt, der sich nach seiner Konversion Scheich Ibrahim nannte, blieben auch nach Absolvierung ihrer nicht ungefährlichen Reise zu den heiligen Stätten Muslime. Scheich Ibrahim starb in Kairo und wurde dort begraben.

Befriedigung des philosophischen Kopfes

Eine zweite Gruppe von Islam-Konvertiten sind philosophisch gebildete religiöse Sucher, deren Konversion sich auf hohem intellektuellem Niveau ereignet. Sie sind Einzelgänger, wie etwa Leopold Weiss, ein Journalist aus Galizien, der zwischen den beiden Weltkriegen für die „Frankfurter Zeitung“ aus dem Nahen Osten berichtete, dort zum Islam übertrat, den Namen Muhammad Assad annahm und in der islamischen Umma Karriere machte. Zunächst hielt er sich in Saudi-Arabien auf, in der Nähe von Abdal Aziz Ibn Saud, dem Gründer des modernen Saudi-Arabien. Später wurde er Botschafter Pakistans bei den Vereinten Nationen. Seinen Lebensabend verbrachte Muhammad Assad, der für seine Arbeiten über das islamische Recht bekannt wurde, im marokkanischen Tanger, wo er hochbetagt starb.

Seine Konversion hatte etwas Typisches: Sie folgte nicht mehr dem Lockruf der Wüste, sondern einer Auffassung, wie sie der berühmte Orientalist Ignaz Goldziher - ein orthodoxer Jude - einmal geäußert hatte: In seiner metaphysischen Einfachheit und philosophischen Strenge sei der Islam die einzige Religion, die einen philosophischen Kopf befriedige. Ein strenger Monotheismus (ohne Trinitäts-/Dreifaltigkeitslehre), ohne Glaube an eine Inkarnation (Menschwerdung) Gottes, ohne den Glauben an Wunder, mit einem Propheten, Mohammed, der sich nur als Überträger (rasul) einer Botschaft, nicht aber als göttlich verstanden habe, sondern eben nur als Mensch unter Menschen. Auch die islamische Art des Betens, ein gemeinschaftliches Sichniederwerfen vor der wirkenden Allmacht Gottes, die sich in seinem Kosmos zeige, ohne die unmittelbare Absicht auf eine Erfüllung privater Bitten, wirke auf solche Geister anziehend, ist immer wieder zu hören.

Die Softvariante des Islam

In diesem Zusammenhang sind gewiss einige spektakuläre Übertritte der vergangenen Jahre zu sehen, etwa jener des früheren deutschen Botschafters in Marokko und Algerien, Murad Wilfried Hofmann, der 1980 in und nach einer schweren gesundheitlichen Krise den Islam annahm. Bei der Konversion ist es im Allgemeinen üblich, einen speziell islamischen (in der Regel arabischen) „Vornamen“ anzunehmen. In den Büchern Hofmanns ist auch nachzulesen, wie sehr ihn der ins Unverbindliche abgleitende Wertrelativismus des westlichen Pluralismus in der sogenannten Postmoderne stört. Es ist eine Suche nach Striktheit und Stringenz, die ihr Ziel findet.

Nicht wenige intellektuelle Konvertiten fühlen sich besonders von den sufischen Traditionen des Islams angezogen. Bei ihnen ist im Allgemeinen kein ausgesprochen politisches Bewusstsein vorhanden, sie bevorzugen die quietistische Richtung des Islams, die auch zu anderen Religionen hin offen ist. Sie ist geradezu der Antipode zum Islamismus. Der Sufismus, die islamische Mystik, bietet sozusagen in islamischem Gewande die Möglichkeit, theistische, pantheistische, panentheistische, panreligiöse, das heißt für alle Religionen, ja sogar gegenüber dem Agnostizismus offene Positionen einzunehmen, gemäß dem Vers des berühmten Sufis Mevlana Celalettin Rumi: „Komm zu uns, ob du Muslim bist oder Christ, Jude oder Feueranbeter, komm zu uns, auch wenn du tausendmal deine Gelübde gebrochen hast.“

Insofern ist der Sufismus das Gegenteil des gesetzesförmigen Islams, im gelungensten Fall eine Religion der Liebe und der Toleranz, die moralische Verfehlungen weniger durch Strafen als durch Einsicht und Schulung verhindern will. Freilich hat auch die Mystik im Islam im Laufe von Jahrhunderten Deformationen erlebt, die nicht zuletzt dazu führten, dass Islamisten sie immer wieder attackieren. In den Augen der Islamisten, und besonders der Dschihadisten, ist die Toleranz, welche die Mystik predigt, nur geeignet, den Islam zu schwächen.

Konversion aus Liebe

Die „Massen“-Konversionen der letzten Jahre, von denen nun auch im Zusammenhang mit dem Terror die Rede ist, haben jedoch mit intellektueller Suche auf hohem philosophisch-theologischem Niveau weniger gemein, von Einzelfällen einmal abgesehen. Die Motive sind offenbar vielfältig und verschlungen, wenn man einzelnen Aussagen von zum Islam Konvertierten glaubt. An erster Stelle, und zwar mit Abstand, stehen Übertritte wegen Heirat. Der deutsche Partner nimmt die Religion des islamischen Partners an. In der Regel sind das die deutschen Frauen, die den Glauben ihres - meistens türkischen oder marokkanischen - Partners annehmen; der umgekehrte Fall ist seltener, weil mehr deutsche Frauen einen Muslim heiraten als deutsche Männer eine Muslima. Im letzteren Fall muss der Übertritt vorgenommen werden, weil nach islamischer Auffassung muslimische Frauen nicht an die Bekenner anderer Religionen verheiratet werden dürfen.

Die Konversion deutscher Frauen zum Islam ist eigentlich nach islamischer Regel nicht notwendig, da muslimische Männer Frauen der „Buchreligionen“ (Christen und Juden) ehelichen dürfen. Dies tat sogar der Prophet. Die Konversion der Frauen ist demnach ein persönlicher Akt der Zuneigung, aber keine religiöse Pflicht. In der Mehrzahl der Fälle führt die Konversion dazu, dass man unbefangener an Sitten und Gebräuchen der muslimischen Alltagskultur teilnehmen kann, als Kultur-Muslim. Es dürfte nur eine Minderheit unter den durch Heirat Konvertierten sein, die islamische Gebote strikt einhält.

Der Islam als Anker im Leben

Dies ist anders bei Deutschen, die ohne Heirat konvertieren, weil sie mit dem Wertesystem der sie umgebenden Menschen nicht mehr klarkommen oder einfach aus einer familiären oder weltanschaulich-religiösen Unbehaustheit herausfinden wollen. Wer Äußerungen von Konvertiten zu ihrem Schritt hört, stößt immer wieder auf Begründungen, die sich wiederholen: Bei den Muslimen spielt der Glaube noch eine Rolle; die Muslime halten zusammen; alle Muslime verstehen sich als Brüder und Schwestern; der Islam bietet klare Vorgaben für das menschliche Verhalten, ohne Wenn und Aber; die Christen tun nur so, als glaubten sie noch.

Bisweilen finden Konvertiten in muslimischen Gemeinden den Halt, den sie außerhalb nirgendwo mehr finden, weder zu Hause noch in der Gesellschaft. Die Zugehörigkeit zu einer von der Umgebung als fremd empfundenen Religionsgemeinschaft schafft gerade in ihrem Antagonismus eine neue Identität.

Hass und Enttäuschung als Triebfeder

Politischer, weniger religiös-weltanschaulich geprägt wird die Motivationslage mit Sicherheit, wenn es um Fälle wie Daniel S. oder Fritz G. geht. Äußerlich haben sie sich nicht dem Islam angepasst, sondern gleichen ihrer Umgebung. Eine Aversion gegen „die Gesellschaft“, in der sie sich verloren vorkommen, gegen die Amerikaner als Vormacht des kapitalistischen Westens und ihre Politik vornehmlich im Nahen Osten, dazu die ungelöste Palästina-Frage lassen sie in die Arme islamischer Prediger gelangen, zumal der früher anziehend wirkende Marxismus an Attraktivität verloren hat.

Von Hasspredigern geforderte Mutproben werden als Initiationsritus verstanden, um zu zeigen, dass man es wirklich ernst meine mit der Konversion. Bisweilen spielen auch schlichter Eskapismus oder Abenteuerlust eine Rolle. Enttäuschung über eigenes Versagen, nicht bewältigte Aggressionen mögen hinzukommen, um eine Mentalität zu erzeugen, die auch früheren Terroristen anderer Länder und Kulturen zu eigen war.

Quelle: F.A.Z., 13.09.2007, Nr. 213 / Seite 14
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Jahrgang 1946, Redakteur in der Politik.

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