02.09.2006 · Sie werden immer mehr. Ihre Familien verstoßen sie, weil sie sie für Dämonen halten, oder weil sie einfach ein hungriger Magen zuviel sind. Bis zu 25.000 solcher „Hexenkinder“ kämpfen in Kongos Hauptstadt um ihr Überleben. Thomas Scheen berichtet aus Kinshasa.
Von Thomas Scheen, KinshasaDie Dunkelheit ist längst hereingebrochen. Hinter einem Müllberg an der belebten Kreuzung Matonge, Place de la Victoire, liegt ein undefinierbares Knäuel auf der Treppe. Erst beim Näherkommen zeichnen sich schemenhaft menschliche Konturen ab: ein Fuß, ein Kopf in einer Kapuze, ein angewinkeltes Bein. Das Knäuel entpuppt sich als eine Gruppe von Kindern, die sich wie junge Hunde im Schlaf aneinanderschmiegen, um in der Kühle der Nacht nicht zu frieren.
Blaise Chrispain berührt sanft den am nächsten liegenden Körper. Der Junge reißt erschreckt die Augen auf. „C'est moi“, flüstert Blaise und tritt sofort zwei Schritte zurück: „Ça va?“ Der Junge, den Blaise als „Fiston“ (Söhnchen) angesprochen hat, nickt schläfrig. „Oui, ça va bien.“ Fiston und die anderen neun Kinder auf der schmutzstarrenden Treppe sind sogenannte enfants sorciers - verhexte Kinder. Zwischen 20.000 und 25.000 solcher „Hexenkinder“ leben auf den Straßen der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa - ausgestoßen von ihren Familien, weil sie von einem Dämon besessen sein sollen, der Unglück über die ganze Sippe bringt.
Reis aus geplatzten Säcken
Fiston scheint endlich ganz zu sich gekommen zu sein, denn er kräht die Neuigkeit laut in die Runde: „Blaise est là.“ Der grauköpfige Blaise ist bekannt bei den „Hexenkindern“. Blaise arbeitet für die Hilfsorganisation Orper (OEuvre de reclassement et de protection des enfants de la rue), die von dem polnischen Steyler-Missionar Zbigniew Orlikowski geleitet wird und sich seit einem Vierteljahrhundert um die Straßenkinder von Kinshasa kümmert.
Seit dieser Zeit fährt Blaise jeden Abend mit einem Kleinbus durch die nächtliche Stadt. Er sucht die Schlafstellen der Kinder auf, spricht ihnen zu, holt sie in seinen Bus, um ihnen die Wunden des Tages zu verbinden; die Platzwunden von den Prügeleien und die Schnittwunden an den Füßen, weil kaum eines der Kinder ein Paar Latschen besitzt.
So langsam kommt Leben in das Knäuel hinter dem Müllberg. Ein Kind nach dem anderen streckt sich und rappelt sich auf die Füße, während dicke Ratten über den Müllberg huschen. Blaise hat sauberes Wasser dabei, und da die Kinder ein bißchen Reis ergattert haben, den sie aus geplatzten Säcken auf dem Markt aufgeklaubt haben, können sie sich eine Mahlzeit zubereiten. Sie machen ein Feuer und stellen einen verbeulten Topf darüber, doch der Inhalt wird kaum für die zehn Mäuler reichen.
„Ich bin verhext, hat sie gesagt“
Fiston führt derweil das Wort. Großspurig wirkt er, mit der Zigarette im Mundwinkel und den ruckartigen Armbewegungen, die er sich anscheinend amerikanischen Hip-Hop-Rockern abgeschaut hat. Zehn Jahre sei er alt, sagt er. Fiston erzählt, wie es kam, daß er auf einer Betonplatte mitten in der Stadt leben muß. Wie er von seiner Stiefmutter auf die Straße gesetzt wurde. Damals, nachdem seine Mutter gestorben war und sein Vater wieder geheiratet hatte. Die neue Frau wollte ihn nicht.
Als der Vater für einige Tage außer Hauses war, hatte sie das Kind vor die Tür gesetzt. Und warum? „Ich bin verhext, hat sie gesagt.“ Vier Jahre sei das nun her, vielleicht auch fünf, so genau erinnere er sich nicht. Ob er wisse, was es bedeute, verhext zu sein? Der Junge schüttelt energisch den Kopf. „Keine Ahnung.“
Selbst Fünfjährige auf der Straße
Der angebliche Dämon, der den Kindern innewohnen soll, ist in Wahrheit nur ein billiger Vorwand, die Kinder loszuwerden und sich damit der Kosten zu entledigen, die Kinder nun einmal verursachen. Die meisten „Hexenkinder“ von Kinshasa sind zwischen zehn und 13 Jahre alt. Doch es sind auch Fünfjährige darunter. Und es werden immer mehr. Der wirtschaftliche Niedergang Kongos hat nahezu die gesamte kongolesische Gesellschaft in bittere Armut gestürzt. Kaum eine Familie verfügt über mehr als zehn Dollar Monatseinkommen, und da ist jedes Maul, das gestopft werden muß, eines zuviel.
Gleichzeitig haben die Armut und ihre Ausweglosigkeit den zahlreichen Freikirchen massiven Zulauf beschert. Allein in Kinshasa wird ihre Zahl auf mehr als dreitausend geschätzt. Auch wenn es neben der katholischen Kirche noch einige durchaus seriöse Glaubensgemeinschaften gibt, so sind die meisten Prediger doch bösartige Scharlatane. Sie versprechen Erlösung im Diesseits und beuten dabei hemmungslos den unausrottbaren Dämonenglauben aus. Fällt ihr Bannstrahl auf ein Kind, ist es verloren.
Nur selten passiert es, daß ein solcher Sektenprediger sich selbst verhext, wie jener eingebildete Jesus, der seine übersinnlichen Fähigkeiten damit beweisen wollte, daß er trockenen Fußes von einem Ufer der Kongo-Mündung zum anderen wandeln könne: Er sei vor den Augen seiner Anhänger und der bestellten Fotografen in den Fluten versunken, meldete die Zeitung „L'Union“ aus Libreville in der vergangenen Woche.
Erst kommt das Fressen...
Da die kongolesische Gesellschaft in ihrer Gesamtheit dazu neigt, die Schuld an jedwedem Unheil nie bei sich selbst, sondern immer bei anderen zu suchen, fällt der Glaube an Dämonen bei ihr auf fruchtbaren Boden. Jemanden der Hexerei zu beschuldigen ist der einfachste Weg, sich aus der eigenen Verantwortung zu stehlen.
Freilich kommt dieser fatale Hang zum Selbstbetrug nicht von ungefähr. Der wirtschaftliche Zustand Kongos, die damit einhergehende Armut und die frenetische Hinwendung zu spirituellem Beistand sind Folgen einer fortgesetzten Verantwortungslosigkeit der politischen Führung. Wer das Pech hat, in einem solchen Land leben zu müssen, lernt schnell, daß vor der Moral immer das Fressen kommt.
In ihrer Angst erinnern sie an Tiere
Blaise pirscht sich an eine Garageneinfahrt im Stadtteil Gombe heran, der Schlafstätte einer weiteren Gruppe Straßenkinder. Ihn kennen die Kinder, nicht aber die weißen Begleiter, und sie sind mißtrauisch. In ihrer Angst erinnern sie an Tiere, die beim geringsten Anzeichen von Gefahr die Flucht ergreifen. Früher, erinnert sich Blaise, waren die Obdachlosen in der Acht-Millionen-Metropole überwiegend Geistesgestörte. Heute seien es fast nur noch Kinder. „Die Menschen entsorgen ihre Kinder, wie sie sich ihres Abfalls entledigen“, sagt er.
Einer dieser „Entsorgten“ ist der 12 Jahre alte Moïse, der zögerlich aus der Garage tritt. Sein Vater stamme aus Angola, seine Mutter sei Kongolesin, erzählt er. Er spricht ein wenig Französisch, weil er zwei Jahre zur Schule gegangen sei, wie er stolz berichtet. Als der Vater starb und die Mutter sich absetzte, schlug er sich mit seiner älteren Schwester alleine durch. Die Schwester rettete sich irgendwann in eine Ehe, und Moïse stand im Weg. Im Haus seines Schwagers wurde ihm Essen verweigert, und schließlich habe der ihn vor die Tür gesetzt, weil er „verhext“ sei. Das war vor zwei Jahren.
„Ja, Schule wäre klasse“
Seither strolcht der Junge um das Nobelhotel Memling in Gombe. Scheinbar emotionslos erzählt der Dreikäsehoch von den Stationen seines noch kurzen Lebens. In seinem offenen Kindergesicht haben sich die Dramen und Verletzungen, die es ihm beigebracht hat, noch nicht abgemalt. Moïse lehnt sich mit der schmächtigen Schulter gegen das vergitterte Fenster des Hotels.
Jenseits der Fensterscheibe in der mit Leder ausgeschlagenen Bar, herrscht Hochbetrieb. Sechs Dollar kostet dort ein Bier und 16 Dollar ein Glas Whiskey. Moïse trägt nur eine Sandale, die andere ist ihm gestohlen worden, und in seinen Taschen hat er zweihundert erbettelte Franc congolais, nicht einmal einen halben Dollar. Für das spendierte Stück Brot mit ein wenig Butter darauf bedankt er sich so überschwenglich, daß er darüber beinahe das Kauen vergißt.
Moïse sagt, er will adoptiert werden. Er will zur Schule gehen, weil er „jemand werden“ will. Moïses Freund nickt zustimmend. Djibril heißt er, ist keine zehn Jahre alt und trägt ein löchriges T-Shirt im XL-Format, das ihm bis unter die Knie reicht. Der Junge ist so verdreckt, daß es schwerfällt, ein Stück halbwegs sauberer Haut an ihm zu entdecken. „Ja, Schule wäre klasse“, sagt Djibril, während Blaise eine eitrige Wunde an seinem Bein desinfiziert und verbindet. Acht Kinder nehmen nacheinander in dem kleinen Bus Platz, um sich behandeln zu lassen. Einer der Jungen ist höchstens sechs Jahre alt. Er will partout ein Pflaster, obwohl er keine Verletzung hat. „Seelenpflaster“ nennt das Blaise.
„Chacun pour soi“
Eine halbe Stunde später trollen sich die Straßenkinder von Gombe zurück in ihre Garage. Ein privater Wachmann stellt sich Moïse in den Weg. Er will wissen, ob der Weiße dem Kleinen Geld gegeben hat. Er ist dabei, ein Kind zu bestehlen. Dem Wutanfall des Weißen begegnet der Wächter mit Gleichgültigkeit. „Chacun pour soi“, sagt er - jeder für sich. Man kann ihm nur schwer widersprechen.
Es ist nicht so, als ob sich niemand in Kinshasa der verhexten Kinder annehmen würde. Alles in allem hätten sich etwa hundert Hilfsorganisationen der Fürsorge der Straßenkinder verschrieben, sagt Pater Orlikowski. Doch bestenfalls zehn von ihnen, meint er, kümmerten sich wirklich um die Kinder. Der Rest hänge ein Schild an die Tür und warte auf Spendengelder, die anschließend unterschlagen würden. Womit die Kinder ein zweites Mal verraten und verkauft werden.
Straßenmädchen als neues Phänomen
2300 Kinder hat Orper allein im vergangenen Jahr versorgt, auf der Straße, in Auffangzentren und Heimen. Dafür hatte Zbigniew Orlikowski, den alle nur „Zibi“ rufen, ein Jahresbudget von 300.000 Dollar zusammengetragen, ein Großteil davon in deutschen Pfarreien und Schulen. Und dennoch reicht es vorn und hinten nicht. Die Schar der Kinder, die auf die Straße gesetzt werden, nimmt ständig zu. Mittlerweile seien viele Mädchen darunter, sagt Blaise, das sei ein neues Phänomen.
Bislang war ihre Zahl schon deshalb gering, weil Mädchen einen „Nutzwert“ haben. „Sie können im Haushalt helfen und bringen als Braut später Geld“, erklärt Blaise die Eigenarten des kongolesischen Wertesystems. Heute aber seien ausgestoßene Mädchen fast so zahlreich wie Jungen. Damit einher gehen Vergewaltigungen, Zwangsprostitution, Aids.
Ärztin, Stewardess oder Model
Laetitia ist eines dieser Mädchen. 13 Jahre ist sie alt, doch sie sieht aus wie 18. Ihre Mutter, erzählt sie, sei gestorben, als sie sieben Jahre alt war. Ihr Vater war blind und selbst ein Pflegefall. Also fand sie zusammen mit ihren beiden Brüdern bei einer Schwester ihrer Mutter Unterschlupf. Doch drei Mäuler mehr zu stopfen, das war zuviel. Zuerst wurden den fremden Kindern die Essensrationen zusammengestrichen, dann kamen die ersten bösen Bemerkungen. Zum Schluß wurde Laetitia ganz offen unterstellt, sie habe ihre Mutter getötet.
Das habe ein Prediger der Tante erklärt, erinnert sich Laetitia. Der sei es auch gewesen, der sie schlußendlich aus dem Haus ihrer Tante gejagt habe. Die drei Geschwister fanden vorübergehend Unterschlupf in einer Kirche, bevor sie auch dort vertrieben wurden. Die beiden Brüder setzten sich irgendwann ab. Laetitia hat nie wieder von ihnen gehört.
Als sie eines Morgens hungrig durch die Straßen lief, wurde sie von Orper-Mitarbeitern aufgelesen. Seitdem lebt sie in einem privaten Heim, geht zur Schule und träumt die Träume jedes Teenagers: Ärztin, Stewardess oder Model will sie werden. Dann verschwindet das schüchterne Lächeln so plötzlich, wie es gekommen war. „Ich hatte einfach nur Glück“, sagt sie mit einer Abgeklärtheit, die erschreckend wirkt bei einem Kind ihres Alters.
„In ein paar Jahren wird Fiston zurückschlagen“
„Glück?“ Da muß der zehn Jahre alte Fiston erst einmal überlegen. Also: Glück sei, wenn er beim Stehlen nicht erwischt wird. Oder wenn die älteren und stärkeren Straßenkinder ihn berauben, aber das Geld nicht finden, das er mit dem Zusammenschaufeln von Müll verdient hat. Fiston hat gelernt, sich durchzusetzen. Er ist der Boss der Bande am Place de la Victoire.
„In ein paar Jahren wird er stark genug sein zurückzuschlagen“, sagt Blaise beim Abschied über Fiston. Dann wird er einer von denen sein, bei deren Anblick man die Uhr abstreift, sie unauffällig in der Hosentasche verstaut und gleichzeitig die Autotüren verriegelt. Wenn er bis dahin überlebt.
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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