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Kongo-Einsatz „Ich glaube, die bluffen bloß“

04.07.2006 ·  Irgendwo zwischen dem Gefühl, nicht recht erwünscht zu sein, und der Sorge, mit 2000 Europäern nicht genug ausrichten zu können, beginnen die Soldaten der Bundeswehr ihren Afrikaeinsatz. Verteidigungsminister Jung bekommt in Kinshasa einiges zu hören.

Von Eckart Lohse, Kinshasa
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Frau Hauptmann wünscht sich kurze Hosen. Das hat sie wohl den französischen Soldaten nebenan abgeguckt, wo Männer wie Frauen sie tragen. Ob das aber sinnvoll sei, kurze Uniformhosen bei all den Moskitos im Kongo, entgegnet fragend der Minister. Die Moskitos kämen erst nach Einbruch der Dämmerung, hält die Bundeswehrsoldatin dagegen. Die Sache bleibt ungeklärt an jenem Montag nachmittag, an dem Franz Josef Jung, vor jener Handvoll deutscher Soldaten steht, die schon als Vorauskommando in der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa angekommen sind und nun in einem olivgrünen Zelt, aufgebaut auf dem Gelände des mitten in der Stadt gelegenen Flughafens N'Dolo, vor dem Minister sitzen.

Doch was ist die eine Kurze-Hosen-Klage gegen das, was der Hauptfeldwebel gleich rechts vor dem Verteidigungsminister alles kritisiert. Mit der Ausrüstung für den Afrika-Einsatz habe es gar nicht funktioniert, platzt es aus dem Mann heraus, kaum daß Jung danach gefragt hat. Die Standortverwaltung Koblenz sei schuld daran, daß es nicht nur keine Sonnenbrillen, sondern auch noch die falschen Schlafsäcke gebe. Und: „Mit den Stiefeln, das geht gar nicht.“

„Das Ding kommt auf uns zu!“

Weil die für den Afrika-Einsatz am besten geeigneten Bundeswehrstiefel zwar in den Regalen gestanden hätten, nicht jedoch den Soldaten des Kongo-Einsatzes gegeben worden seien, habe er eben 110 Euro angelegt und sich die Schuhe auf eigene Kosten beschafft, schimpft der Hauptfeldwebel, der sich selbst einen „kritischen Geist“ nennt.

Jung hätte es als der verantwortliche Minister natürlich lieber gesehen, wenn die bis dahin gut 50 deutschen Soldaten in Kinshasa ihm mit ähnlichem Optimismus gegenüber dem Einsatz begegnet wären, wie er ihn sich nach anfänglichem Widerstreben angeeignet hat. Also wirft er mehr feststellend als fragend in die Runde: Sonst habe man aber doch alles für den Einsatz, nach dem Motto: Sonst ist doch wohl alles gut!

Schweigen im Zelt, über das ein oder andere Gesicht huscht ein spöttischer Ausdruck. Noch einmal ist der Hauptfeldwebel mit dem Stiefelproblem der erste: „Das Ding kommt auf uns zu, was wollen wir machen.“ Nun müsse man eben sehen, wie die Sache sich weiter entwickele. Bei der Fahrt durch die Stadt werde jedenfalls schnell klar, daß die Leute sich nicht nur freuten über die unbekannten Soldaten. „Da kriegen wir auch schon mal die ein oder andere Morddrohung.“

Kein Widerspruch, auch nicht im Ansatz

Der Hauptfeldwebel ist sicher ein ganz besonders kritischer Geist und seine Formulierung von der Morddrohung etwas stark gewählt. Doch widerspricht ihm niemand in der Runde, nicht einmal ansatzweise. Und was er mit seiner Bemerkung meint, hat ein nicht mal 30 Jahre alter Oberleutnant am Vormittag, zu Beginn von Jungs erstem Besuchstag in Kinshasa, auch schon berichtet: Es sei vorgekommen, daß Leute am Straßenrand - des Militärfahrzeugs und seiner Besatzung angesichtig - den Zeigefinger vom einen Ohr zum anderen über den Hals gezogen hätten zum Zeichen, den Fremden gehöre die Kehle durchgeschnitten. Mit einem leicht unsicher wirkenden Lächeln fügt er hinzu: „Ich glaube, die bluffen bloß.“

Er beschreibt den Unterschied der Gefährdung zwischen dem Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan und in Kongo: „Die Gefahr ist nicht, daß wir auf eine Mine fahren, sondern daß wir in eine Menschenmenge geraten und die unser Fahrzeug umkippt.“ Sonst geben die beiden sich freilich höchst optimistisch, was ihre Mission angeht.

Nun bedeuten solche kritischen Anmerkungen nicht, da sitze ein Häuflein von 54 verzagten Bundeswehrsoldaten, die schreckliche Angst vor dem Kongoeinsatz hätten. Doch wird schon bei einem kurzen Besuch in Kinshasa deutlich, daß die vom Minister bis hin zum Presseoffizier des deutschen Eufor-Kontingents in Kongo verbreitete Parole, die meisten Einheimischen seien froh über das Kommen der Europäer und eben auch der Deutschen zur Absicherung der Wahlen in dem an demokratische Wahlen nicht mehr gewöhnten Land, nur die Hälfte der Wahrheit ist. Soldaten, ausländische wie einheimische, sind dem vom Krieg geschundenen Land im jüngsten Teil seiner Geschichte selten als Heilsbringer erschienen.

Auftrag: „Eigensicherung im Raum Kinshasa“

Von kongolesischen Militärs, die zweifellos keine Angst vor den Truppen aus Europa haben, ist ein anderer Aspekt zu hören. Es sei ja gar nichts zu sagen gegen die europäische Präsenz in Kinshasa, sagt ein junger Generalstabsoffizier. Aber sein Land sei doch viel mehr als die Hauptstadt, sei riesig. Und dann zählt er vor der grandiosen Kulisse des Kongo-Flusses fast schwärmerisch die Regionen des Landes auf, das so groß wie Westeuropa ist. Auch dort müßten europäische Soldaten hin.

Irgendwo zwischen dem Gefühl, nicht recht erwünscht zu sein, und der Sorge, mit 2000 Europäern nicht genug ausrichten zu können, beginnen also die 50 Bundeswehrsoldaten, die bis zu 780 werden sollen, ihren Afrikaeinsatz. Im Grunde ist klar, worin ihr Auftrag besteht: Abschreckung durch Präsenz, sagt der Minister immer wieder, und das sagen auch die anderen Verantwortlichen.

33 Kandidaten treten am 30. Juli an, Präsident zu werden, 32 werden also Verlierer sein, zuzüglich derjenigen, die gar nicht erst antreten. Die aber unter den Verlierern, die meinen, sie müßten mit Gewalt und Anstiftung zu Unruhen auf ihre Niederlage reagieren, sollen gleich wissen, daß europäische Truppen in der Stadt sind, die notfalls handeln. Im Hauptquartier in Potsdam, von wo aus der Einsatz geführt wird, beschreibt man die Aufgabe der Bundeswehr (neben eben der Führung von Deutschland aus) wie folgt: Die Bundeswehr beteiligt sich auf operativer Ebene am Hauptquartier in Kinshasa; sie führt Evakuierungen durch, „um einzelne aus Gefahrenlagen zu verbringen“; sie betreibt „Eigensicherung im Raum Kinshasa“.

Zwischen bayerischem Bierzelt und New Orleans

Doch was bedeutet das alles, was bedeutet Prävention durch Präsenz für die Bundeswehr? Das muß im einzelnen noch befohlen werden. Klar scheint immerhin, was es nicht bedeutet: „Deutsche Soldaten werden in Kinshasa keine Patrouillen fahren“, sagt Oberstleutnant Kühne, der Führer des deutschen Vorauskommandos. Allein die Tatsache, daß die Eufor sich mit ihrem Quartier mitten in der Stadt befinde, „ist unsere Präsenz“.

Immerhin geben einige Kongolesen sich alle Mühe, dem deutschen Verteidigungsminister einen Empfang zu bescheren, der fröhlicher nicht sein könnte. Als Jung am Montag früh im Verteidigungsministerium begrüßt wird, spielt das Musikkorps der kongolesischen Armee derart vergnügt und schwungvoll auf, daß man sich irgendwo auf halbem Wege zwischen einem bayerischen Bierzelt und New Orleans wähnt. Längst schon sind gastgebender und angereister Minister zum politischen Gespräch verschwunden, als die Militärkapelle, die sich längst in eine Band verwandelt hat, weiter und weiter spielt. Die Musiker tanzen, der Tambourmajor balanciert seinen mehr als meterlangen Tambourstab auf dem Fuß, katapultiert ihn mit einem kräftigen Schwung des Beines in die Höhe und fängt ihn geschickt wieder auf.

Als das Spiel schließlich vorüber ist, „tritt“ die Truppe nicht etwa geordnet „weg“, wie es andere Armeen zu tun pflegen, sondern alle legen die zum Exerzieren gebrauchten Gewehre oder die Musikinstrumente auf den Boden und eilen in heiterster Stimmung auf die gegenüberliegende Wiese. Einige ruhen sich im Gras aus, andere sind noch so übermütig, daß sie in den Handstand springen und abrollen wie die Bodenturner bei der Olympiade. Vielleicht wird der Einsatz ja doch nicht so schlimm.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Jahrgang 1963, Leiter des Büros der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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