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Kommunismus : Thälmann ist niemals gefallen

Postkarte der Gedenkstätte Ernst Thälmann Bild: Gedenkstätte Ernst Thälmann

Mitten in Hamburg feiert ein Museum den KPD-Führer als Helden. Früher schauten Breschnew und Jelzin vorbei. Heute kommen manchmal Rentnergruppen aus dem Osten. Sie suchen ihre Vergangenheit.

          Wie der Quastenflosser als lebendes Fossil die Tiefen des Ozeans durchschwimmt, so gibt es in Hamburg-Eppendorf noch immer eine Ernst-Thälmann-Gedenkstätte. In dem Haus Tarpenbekstraße 66 lebte der KPD-Führer einst mit Frau Rosa und Tochter Irma. Thälmanns Wohnung lag im zweiten Stock, aber die Gedenkstätte wurde Ende der sechziger Jahre im Gewerberaum unten eingerichtet. Es gibt eine Ausstellung, eine Bibliothek und einen Raum für Veranstaltungen. Ein Fleckchen Kommunismus in Westdeutschland.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Gedenkstätte erhielt früher - wie die DKP, die sie betrieb - Hilfe aus der DDR. Finanzielle, aber auch inhaltliche - wissenschaftliche, wie die SED-Historiker gesagt hätten. Der berühmteste Besucher war Leonid Breschnew, der KPdSU-Generalsekretär. Er kam am 7. Mai 1978. Damals besuchte er auf Einladung von Kanzler Helmut Schmidt die Bundesrepublik und auch Schmidts Heimatstadt. Acht Jahre später, die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hatte sich gerade ereignet, schaute der spätere sowjetische Präsident Boris Jelzin im Museum vorbei. Es wird erzählt: Jelzin war mit dem SED-Politbüromitglied Hermann Axen nach Hamburg gekommen, um dort einen DKP-Parteitag zu besuchen. Im Museum gerieten sie in Streit. Axen behauptete, die westlichen Berichte über Tschernobyl seien ein Störmanöver des Klassenfeindes. Jelzin sah das realistischer, er geriet in Rage, schlug mit dem Gästebuch auf die Glasvitrinen ein und brüllte Axen auf Deutsch an: „Halt’s Maul!“

          Thälmann, der schmucke Arbeiterführer

          Sowjetunion und DDR gingen vorüber, die Gedenkstätte aber blieb. Nun finanzierten Genossen sie mit Spenden. In gewisser Weise profitierte das Museum sogar von den neuen Verhältnissen. Die kleine Thälmann-Statue etwa, die heute in der Ausstellung zu sehen ist, kam 1999 nach Hamburg. Sie gehörte einst dem Schwermaschinenbaukombinat „Ernst Thälmann“ in Magdeburg. Und mancher nostalgische Genosse, der im Osten Deutschlands seiner Thälmann-Stätten verlustig ging, fährt jetzt nach Hamburg. Der vom Kuratorium der Gedenkstätte herausgegebene Rundbrief berichtet in seiner jüngsten Ausgabe über einen Besuch von 15 Mitgliedern der Linkspartei aus Altlandsberg im Brandenburgischen. „überrascht über die Vielzahl der Exponate und den Aufbau der Ausstellung“ seien sie gewesen. Die älteren Herren tauchten ein in eine ihnen wohlbekannte Vergangenheit.

          Draußen mag die Welt kompliziert sein. Hier drinnen gibt es auf alles einfache Antworten. Thälmann und seine Kampfgefährten sind die Guten, alle anderen sind die Bösen, die Renegaten und Sektierer mehr noch als die Faschisten. Unten ist besser als oben, links besser als rechts, Gewerkschafter besser als Unternehmer. Unvergleichlich aber sind die Kommunisten Thälmannscher Prägung. In dieser Welt taugt Thälmann tatsächlich zum Helden wie kein anderer Genosse im Kampf für eine bessere Welt.

          Das geht schon beim Aussehen los; Thälmann, der schmucke Arbeiterführer. „Breit in den Schultern steht wieder Thälmann vor uns, wie er war“ - so heißt es in einem Lied aus der DDR, für das Kuba (Kurt Barthel) den Text, Eberhard Schmidt die Melodie geschrieben hat. Thälmann machte mit offenem Kragen eine gute Figur, aber auch in der Uniform des von ihm gegründeten Rotfrontkämpferbundes. Rhetorisch begabt war er offenbar auch. Ein, um es modern zu sagen, testosterongesteuerter Politiktyp, der sich durchzusetzen wusste.

          Zum idealisierten Bild von ihm gehören nicht nur sein Lächeln und seine Mütze, die modisch wurde - im Westen freilich als Schmidt-Mütze, im Osten aber tatsächlich als Thälmann-Mütze. Zum Bild gehört auch sein knuffiger Kosename: Teddy. Zuerst diente der nur der Tarnung. Thälmann mochte ihn nicht. Später aber nannte er sich selbst so.

          Sogar lebendig wurde er wieder

          Das Museum skizziert den rasanten politischen Aufstieg Thälmanns als Heldengeschichte: 1886 in Hamburg geboren, kam von ganz unten, hat im Hafen gearbeitet, wurde Gewerkschafter, SPD-, dann USPD-, schließlich KPD-Mitglied. Unter Thälmanns Führung, von 1925 an, wurde die KPD zur linientreuen marxistisch-leninistischen Partei, gesteuert von der Sowjetunion. Thälmann war aber auch Bürgerschaftsabgeordneter in Hamburg, dann Reichstagsabgeordneter in Berlin. Er hielt freilich mehr vom außerparlamentarischen Kampf, etwa im sogenannten Hamburger Aufstand mit seinen vielen - unnötigen - Opfern.

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