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Kommission für Zeitgeschichte: Akten deutscher Bischöfe seit 1945. Klerikales Wolkenkuckucksheim

Als Sprecher der Nation fühlten sich in den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands nach 1945 die katholischen Bischöfe. Nur die anderen hatten unter Hitlers Diktatur Fehler begangen.

© dpa Vergrößern Die bischöfliche Fahne weht vor Beginn der traditionellen Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz vor dem Fuldaer Dom.

Die westdeutschen katholischen Bischöfe sorgten sich nach dem Krieg ebenso intensiv um die Reorganisation und Festigung der kirchlichen Strukturen und katholischen Binnenidentität wie um ihre eigene Rolle als Sprecher der Nation. Als mit dem Einzug alliierter Truppen fast alle politischen und administrativen Strukturen in Deutschland wegbrachen, versuchten die führenden Kirchenmänner in ihrem Sprengel, dieses Machtvakuum zu füllen. Diesen regen politischen Fleiß der Mitra-Träger zeigt nun der Direktor des Archivs des Erzbistums Köln, Ulrich Helbach, in einer vorzüglichen Edition anhand von mehr als 400 meist unbekannten Dokumenten. Die Unterlagen aus den privaten Stuben und repräsentativen Sälen des westdeutschen Episkopats bieten Material in Hülle und Fülle, um die innerkirchliche und gesamtgesellschaftliche Rolle des Episkopats und sein zum Teil erschreckend offenherzig formuliertes Selbstverständnis zu studieren: von internen Absprachen und Rollenbeschreibungen bis zu konkreten diplomatischen, politischen und öffentlichen Interventionen.

“Es erscheint untragbar, dass der weitaus größte Teil des deutschen Volkes erst dann ein paar Handbreit Bodens sein eigen nennt, wenn er im Grabe liegt.“ So - vermutlich unfreiwillig - humorvoll wie in Erzbischof Frings Stellungnahme zur Bodenreform ging es dabei selten zu. Die Texte durchzieht eher der bedeutungsschwere Ton von Männern, die sich selbst als entscheidendes Tor zu jedem individuellen, kirchlichen, nationalen und letztlich europäischen Heil verstanden. Nicht nur die „mit äußerster Macht“ betriebene Schulpolitik verfochten sie mit harten Bandagen, auch fast jedes andere öffentliche Thema - von Bibliotheks- über Grenz- bis zu Versorgungsfragen - wurde zum Objekt episkopaler Sorgen und kämpferischer Stellungnahmen. Die Lektüre wirkt wie eine mentale Reise zu den Mehrheitsdeutschen in die zerstörten Städte und Landschaften der frühen Nachkriegszeit. In bemerkenswertem Selbstmitleid ging es nur um das eigene Schicksal; jeder geordnete Blick in die jüngste Vergangenheit oder in die vormals besetzten Länder wurde vermieden und der Sorge um das kollektive Wohl der besiegten Nation untergeordnet. Dass die Lebenswirklichkeit der gerade befreiten NS-Opfer und der Menschen in den von Deutschland ausgeraubten und geplünderten europäischen Nachbarländern in Denkschriften, Protokollen, Briefen, Entwürfen und Berichten nicht vorkommt, wirkt heute ignorant. Es diente aber dem Ziel, sich selbst als Stimme Deutschlands - genauer: als Stimme der Mehrheitsdeutschen - zu profilieren und die politische Nation so hinter dem katholischen Episkopat zu versammeln.

Zu dieser Stoßrichtung passte der durchgängig beleidigte und anklagende Ton gegenüber den Alliierten, sobald es um die Alltagssorgen der Deutschen und um ihre Behandlung durch die Sieger ging. Wie sehr sich die Bischöfe als Sprecher der Nation fühlten, zeigen viele Details: Frings lobt etwa die Festlegungen der Drei Mächte über Flüchtlingsfragen in einem Schreiben an Präsident Truman, statt ihnen zu danken. Gegen die Vermutung, diese Einseitigkeit sei rein politisch-strategisch bedingt, sprechen zahlreiche interne Schriftstücke und Gesprächsprotokolle: Auch in der innerkirchlichen Kommunikation zeigt sich keine Aufmerksamkeit, geschweige denn Mitleid mit den nichtkatholischen Opfern von Krieg und Diktatur. Geradezu skandalös wirkt, dass sich dieses Desinteresse auch in der binnenkirchlichen Kommunikation mit dem Vatikan und selbst mit europäischen Bischöfen in England oder Frankreich wiederholt.

Mit dieser moralischen, politischen und intellektuellen Selbstbeschneidung und ihrer - bereits im Krieg eingeübten - Priorisierung der deutschen Nation vor der internationalen Kirche verbauten sich die Bischöfe frühe Wege einer Verständigung. Mögliche Alternativen wurden nur theoretisch erwogen; so blieb etwa die vom Mainzer Bischof Stohr gegenüber Papst Pius XII. formulierte Bewunderung für das zarte Pflänzchen Pax Christi abstrakt. Ihrer nationalen Ausrichtung entsprach eine ähnlich eindeutige binnenkirchliche Zielsetzung: Die Bischöfe suchten eine autoritär strukturierte Kirche aufzubauen, in der sich Pfarrgemeinden, Orden, Verbände und katholische Laien folgsam ihrem Führungsanspruch unterordnen. Wie vehement dies verfochten wurde, zeigt der offene Ton, mit dem die Bischöfe über Katholiken sprachen, die inhaltlich abweichende Positionen vertraten. Eugen Kogons moderate Kritik an der zu vorsichtigen Haltung des deutschen Episkopats gegenüber der NS-Diktatur parierte ein Bischof 1946 auf der Fuldaer Bischofskonferenz im Gespräch mit einem amerikanischen Nachrichtenoffizier mit dem generös gemeinten Hinweis: „Ich kenne ihn persönlich sehr gut und schätze ihn sehr als einen mutigen und wahren Katholiken. Aber ich habe den Eindruck, dass dieser Artikel Ausdruck einer KZ-Psychose ist, die selbst auf einen so scharfen und analytischen Verstand wie den Dr. Kogons nicht ohne Einfluss geblieben ist.“

Das nationale und kirchliche Heil sahen die Kirchenführer seit Mitte 1945 in den Händen von Männern, die ihres Erachtens ohne Fehl und Tadel waren: sie selbst. Fehler hatten nur die anderen begangen: bis 1945 die Nazis, seit Kriegsende vor allem die Besatzungsmächte sowie zu eigenwillige katholische Laien und die Vertreter der dämonisierten politischen Linken. Es dauerte wohl bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, bis auch die westdeutschen Bischöfe erkannten, wie flächendeckend ihre gesamtgesellschaftlichen und innerkirchlichen Ansprüche gescheitert waren. Die Dokumente enden 1947. Bis dahin dachten, sprachen und schrieben die Bischöfe noch in der eigenen Welt hochgeschraubter Erwartungen, genauer: im selbstgewählten politisch-ideologischen Wolkenkuckucksheim.

Kommission für Zeitgeschichte: Akten deutscher Bischöfe nach 1945. Westliche Besatzuungszonen 1945-1947. Bearbeitet von Ulrich Helbach.Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2012. Zwei Bände, zusammen 1496 S., 216,- €.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 28.11.2012, 11:50 Uhr

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