Home
http://www.faz.net/-gpf-xu9h
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kommentar zu Ben Alis Rücktritt Flucht des Diktators

 ·  Tunesien schreibt Geschichte. Staatspräsident Ben Ali gibt unter dem Druck der Straße auf. Es werden Erinnerungen an Teheran 1978/79 wach. Einst war Ben Ali als Hoffnungsträger angetreten. Doch in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit machte er das Land zu einem Gefängnis und einem Totenhaus.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (5)

Tunesien, das kleinste unter den drei Maghreb-Ländern, schreibt Geschichte. Seit vielen Jahrzehnten hat kein arabischer oder muslimischer Potentat freiwillig, allein unter dem Druck der Öffentlichkeit, sein Land verlassen wie jetzt Staatspräsident Zine al Abidine Ben Ali.

Die Beruhigungszusagen, die er in einer Ansprache an sein aufrührerisches Volk gerichtet hatte, um es zu besänftigen, haben nicht verfangen. Auch danach waren die Avenue Habib Bourguiba und andere Plätze der Innenstadt von Tunis voll von Demonstranten. Ben Ali zog die Konsequenzen daraus, offenbar, weil er sich auch nicht mehr auf die Sicherheitskräfte verlassen konnte oder wollte. Ein wenig fühlt man sich angesichts dieser Bilder an Teheran 1978/79 erinnert.

Ben Ali war einmal als Hoffnungsträger angetreten. Als er den greisen „Vater der Unabhängigkeit“ Bourguiba absetzte, hofften viele auf Besserung. In den ersten Jahren war Ben Ali auch erfolgreich. Er dämmte die Integristen ein und verhalf dem kleinen, stark vom Tourismus anhängigen Tunesien zu Stabilität und wirtschaftlichem Fortschritt.

Doch in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit machte er das Land zu einem Gefängnis und einem Totenhaus, immer unter dem Vorwand, der radikale Islam müsse eingedämmt, der Terrorismus bekämpft werden. Das Ereignis des „11. September“ verlieh diesem Vorgehen auch bei den westlichen Regierungen eine gewisse Rechtfertigung. Man gab sich langmütig gegenüber Tunesien. Auch über die hemmungslose Bereicherung der Präsidenten-Familie sah man geflissentlich hinweg, während sich die sozialen Umstände im Land immer mehr verschlechterten.

Neue Ungewissheit

Nun geht Tunesien einer neuen Ungewissheit entgegen. Das Land hat, nach einer unübersehbaren Periode des Übergangs, die Möglichkeit, demokratischere Strukturen aufzubauen als bisher. Es gibt eine, teilweise auch im Ausland lebende, westlich gebildete Elite, die dabei eine Rolle spielen könnte. Ausgeschlossen ist freilich auch nicht, dass nun islamistische Kräfte, die von Ben Ali gezielt verfolgt wurden, den erfolgreichen Volkszorn ausnutzen werden, um wieder ins Spiel zu kommen.

Auch wird man überall gespannt beobachten, ob die beschleunigten Ereignisse in Tunesien in der unmittelbaren Nachbarschaft, also Algerien, Libyen und Marokko, eine Wirkung zeigen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wir sind Jonny

Von Philip Eppelsheim

Die Kriminalstatistik sagt: Die Gewalt nimmt ab. Aber über die Angst spricht niemand. Im öffentlichen Raum wurden jeden Tag etwa 175 Menschen geschlagen und getreten. Mehr 59 38