16.01.2001 · Fischers Lebensweg vom Straßenkämpfer zum Außenminister symbolisiert die extremen Widersprüche der 68er Bewegung. Ein Stück deutscher Vergangenheitsbewältigung im Gerichtssaal.
Von Peter SchumacherJoschka Fischer weiß, dass sich in seiner Biographie ein Stück jüngerer deutscher Geschichte kristallisiert. Vom Straßenkämpfer zum Außenminister - das sind die Extreme. Vom „Kämpfer gegen das System“ zum hohen Repräsentanten „des Systems“ war es ein weiter Weg, der allerlei Brüche bedeutete.
Fischer weiß, dass seine Karriere ganz entscheidend davon abhängt, wie er sich zu diesen Brüchen stellt. Daher ist sein Auftreten vor dem Gericht heute entscheidend gewesen: Er hat versucht zu erklären, wie er zur Gewalt kam. Und er hat versucht zu erklären, wie er von ihr wieder los kam - und sie als Unrecht erkannte.
Grenze zum Terrorismus
Für den Staatsmann Fischer ist klar, dass er sich bei allen Bekenntnissen zur revolutionären Vergangenheit klar abgrenzen muss, wenn es um sein Verhältnis zur terroristischen Gewalt geht. In den Wirren der 70er-Jahre, als in der linken Szene allerlei Unterstützergruppen im Umfeld des Terrorismus agierten, war dies nicht immer klar getrennt.
Fischer hat noch einmal gesagt, dass er für sich eine klare Grenze gezogen und den terroristischen Weg immer abgelehnt habe. Doch wie schmal der Grat zwischen der linken, militanten Szene und dem Terrorismus eigentlich war, zeigt der Prozess, in dem Fischer nun Zeuge war. Auf der Anklagebank sitzt eben einer seiner damaligen Weggefährten.
Die historische Linie
Verständnis für die damalige Situation zu wecken war im Prozess gegen Hans-Joachim Klein sein wichtigstes Anliegen. Fischer zog die ganz große historische Linie von der nationalsozialistischen Vergangenheit, gegen deren Verdrängung sich die 68-er Bewegung gewandt hatte, bis hin zum Deutschen Herbst. Die Summe seiner Lebenserfahrungen sei es, niemals Gewalt anzuwenden, „außer wenn es um Leben und Freiheit geht“.
Fischer wird sich auch weiter mit der Vergangenheit auseinandersetzen müssen. An seinem Lebensweg spiegeln sich die Widersprüche jener Zeit, die Widersprüche zum heute. Die Erfahrungen einer Generation bündeln sich in seiner Biographie. Die Vergangenheitsbewältigung der 68-er Bewegung ist mit Fischers Aussage ein kleines Stück voran gekommen. Doch es bleibt noch ein großes Stück zu bearbeiten.