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Kommentar : Was wir von Afrika lernen können

In der Hauptstadt Ghanas: Angela Merkel spricht mit Gründern eines Unternehmens für Papiertüten. Bild: dpa

Die ständige Fixierung auf Krankheit, Korruption und Gewalt tut Afrika Unrecht. Wer will, kann in dem Kontinent auch große Hoffnung erkennen. Vieles ist dort sogar wie im besseren Europa.

          Was ein Mensch über eine fremde Welt erzählt, was er darin sieht und was nicht, das sagt auch viel über seine Interessen und Motive aus – manchmal mehr als über die fremde Welt selbst. Zum Beispiel: Afrika.

          Über Afrika lässt sich mit Gründen viel Schlechtes sagen, und das wurde anlässlich der Reise der Kanzlerin in dieser Woche auch getan: Die Korruption gehört in diese Liste, die sogenannte Bevölkerungsexplosion, hohe HIV-Raten. Malaria, Cholera und Gewalt, religiöser Fanatismus. Auch wurden der Bausparvertrag und die Riester-Rente nicht in Nairobi erfunden. In Afrika genießen vergleichsweise viele lieber das Hier und Jetzt, anstatt zu sparen.

          Manchem Laien-Afrikanisten unter den Publizisten des Nordens ist auch der schwarze Mann eine ständige Bedrohung. Thilo Sarrazin behauptet, Einwanderung aus Afrika und Nahost werde Europa „kulturell und ethnisch schwer beschädigen oder gar zerstören“. Nicht nur dieser offene Rassismus – ethnische Zerstörung – tut Afrika Unrecht, sondern überhaupt die überwiegende Fixierung auf all das, was dort verkehrt läuft.

          Wie viel Korruption und Fanatismus gibt es hier?

          Viele Punkte der Negativ-Liste ließen sich auch über das geographische Europa sagen – über Weißrussland, Moldawien, Albanien, Rumänien, Griechenland, Italien, Sachsen oder Österreich. Wie viel Unterentwicklung und Korruption, hoffnungslose Staaten, mafiöse Selbstbedienung und politischen Fanatismus gibt es hier? Bloß Malaria, Mangos und Maisbrei gibt es bei uns nur im Import.

          Wer will, kann hingegen in Afrika auch große Hoffnung und Entwicklung erkennen. Das hoffnungsvolle Afrika sieht man nicht nur mit dem Herzen, sondern in vielen Statistiken. In Senegal und Ghana steigt der Wohlstand stark. Das Einkommen pro Kopf hat sich seit der Jahrtausendwende hier verdoppelt bis vervierfacht. Die Wirtschaft wuchs viel schneller als die Bevölkerung. Gut entwickeln sich die Elfenbeinküste, Teile der Republik Kongo, Namibia, Tansania, Uganda, Ruanda, Äthiopien, Kenia oder etwa Sambia.

          Also Sambia. Für ein solches armes Land sehr große Entwicklungssprünge bleiben für Europa oft unsichtbar. Doch in Sambia selbst erkennt man sie sogar auf dem Land, in den Dörfern – dort, wie die Geburtenraten bis heute so hoch sind wie im katholischen Deutschland oder Irland des 19.Jahrhunderts. Wo die Nacht noch vor wenigen Jahren schwarz war, gibt es nun Stromleitungen und Glühbirnen. Wo Sandpisten verliefen, gibt es Straßen, auf denen Lastwagen Rohstoffe, tiefgekühlte Fische, Tomaten und Erdnussbutter aus sambischen Fabriken transportieren. Der Mais lagert dank einfacher neuer Techniken besser und länger. Mobiltelefone geben den Bauern Zugang zu Preisinformationen. Es gibt Kühlschränke, Brunnen, Medikamente.

          Herzergreifender Optimismus auf den Straßen

          Oft werden die Stromleitungen, Flughäfen und Straßen von chinesischen Investoren gebaut. Die Chinesen sind in der Bevölkerung willkommen, weil sie in Afrika sind, um Business zu machen, nicht wegen eines Helfersyndroms. Sie scheinen stärker an Afrika zu glauben als deutsche Investoren.

          In vielen Ländern Ost-, West- und Südafrikas ist herzergreifender, jugendlicher Optimismus auf den Straßen zu spüren. Mit wem man spricht, man hört überall Hoffnung auf Wachstum und Wohlstand aus eigener Kraft heraus. Überall wachsen Schulen und Kirchen. Im Radio laufen Sendungen über Physik. Junge Angehörige der wachsenden städtischen Mittelschichten gründen IT-Unternehmen, Fahrdienste oder Betriebe, die Kakao, Kaffee und Früchte endlich im eigenen Land verarbeiten.

          In diesem modernen, urbanen Afrika ist vieles wie im besseren Europa: Es gibt ein multikulturelles Miteinander und säkulare Strömungen, offene Debatten über die Pflanzengentechnik, ein bildungsorientiertes, selbstbewusstes Bürgertum. In diesen städtischen Milieus sinkt die Geburtenzahl. Familien entscheiden sich für zwei oder drei Kinder, um die sie sich wirklich kümmern können. Die Attraktivität der städtischen Lebensstile strahlt auf das Land aus, je mehr Elektrizität, Fernsehgeräte und Smartphones es dort gibt. Es ist gut möglich, dass in wenigen Jahren die Geburtenrate stark zurückgeht.

          Der Medienwandel kann die kulturellen Rahmenbedingungen für die wirtschaftliche Entwicklung stark verbessern. Und er kann Auswanderungswillige abschrecken. Denn auch die vielen verzweifelten Flüchtlinge aus Ländern wie Ghana, die derzeit in europäischen Metropolen wie Rom herumhängen, wissen längst, dass ihr naiver europäischer Traum nicht wahr wird. Diese Botschaft senden sie in ihre Dörfer. Und viele wollen schnell zurück in ihre afrikanische Heimat. Auch das spricht sich in Whatsapp- und Facebook-Gruppen herum. Wer weiß schon, ob wirklich zig Millionen Afrikaner auswandern werden.

          Afrika hat mehr verdient, als eine Projektionsfläche für die Untergangsängste des alternden europäischen Bürgertums zu sein. Schon heute kann es uns die größere Hoffnung lehren.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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