14.10.2003 · Von Michael Martens
Auch wenn in Sonntagsreden zwischen Nis und Novi Sad anderes gesagt und gefordert wird - es ist unwahrscheinlich, daß ein serbischer Politiker wirklich die Verantwortung für das Kosovo zurückerhalten will. Denn wenn dort wieder serbische Uniformierte für Ordnung zu sorgen hätten, würde das Kosovo umgehend Nachrichten liefern wie derzeit der Irak. Kaum ein Tag verginge ohne Gewalt. Darin nämlich sind sich alle albanischen Kräfte im Kosovo, radikale und gemäßigte, einig: Sie wollen nie wieder in einem Staat leben, der von Belgrad aus regiert wird, selbst wenn ihnen darin ein ungekanntes Ausmaß an Autonomie zukäme. Auch die Vorstellung Brüsseler Balkanstrategen, das Kosovo könnte dereinst der amorphen staatlichen Verbindung zwischen Serben und Montenegrinern beitreten, wäre für die Albaner im Kosovo nicht akzeptabel. Sollte dennoch der Versuch ihrer Verwirklichung gemacht werden, ließe das von ihnen Widerstand jeglicher Art erwarten.
Den Serben hingegen bleibt das Kosovo mit seinen jahrhundertealten orthodoxen Kirchen und Klöstern ein untrennbarer Bestandteil ihres Staates. Auflösen läßt sich dieser Widerspruch erst, wenn Serbien und das Kosovo eines wohl eher fernen Tages als eigenständige Mitglieder zur EU gehören und die Grenzen zwischen ihnen an Bedeutung verlieren werden. Angesichts der Wirklichkeit im Jahr 2003 gehört jedoch eine gut entwickelte Phantasie dazu, sich diese Normalität für den Umgang zwischen Serben und Albanern vorzustellen.
Verloren ist das Kosovo in jedem Fall für Serbien. Einige Belgrader Politiker sagen das auch hinter vorgehaltener Hand. Dem ermordeten Regierungschef Djindjic, der sich in seinen letzten Lebensmonaten mit kalter Berechnung und seinem machiavellistischen Gespür zum Fürsprecher serbischer Interessen am Kosovo aufgeschwungen hatte, galt das Kosovo als Klotz am Bein, der Serbien auf dem Weg nach Europa behinderte. Öffentlich indes mußte er das Gegenteil dieser Einsicht verbreiten - wie jeder Belgrader Politiker, der an einer Fortsetzung seiner Laufbahn interessiert ist.
Immerhin sprechen Belgrad und Prishtina jetzt erstmals wieder direkt miteinander. Nach offizieller Lesart soll es bei dem von der Staatengemeinschaft erzwungenen Wiener Dialog zwar nur um die Lösung administrativer Fragen durch Fachleute gehen. Doch könnte bei den Treffen, wenn sie fortgesetzt werden, irgendwann wie von selbst das Thema aufkommen, das die ungleichen Nachbarn eigentlich interessiert: Welchen endgültigen Status soll die formal noch immer zu Serbien gehörende Provinz haben, die nun schon im fünften Jahr ein von den Vereinten Nationen verwaltetes Protektorat ist? Der UN-Sicherheitsrat, der diese Frage dereinst beantworten muß, wird kaum eine Entscheidung gegen den Willen der albanischen Bevölkerungsmehrheit treffen können - und die will die Unabhängigkeit.
Wie es den kaum 100 000 in der Provinz verbliebenen Serben in einem Staate Kosovo erginge, ist eine andere Frage. Gegenwärtig ist ihre Lage ein Skandal. Erst wenn demokratischen Standards im Kosovo Geltung verschafft würde, könne über den Status verhandelt werden, lautet das vorgegebene Lernziel der Staatengemeinschaft für ihr Protektorat. Ob sich diese Reihenfolge einhalten läßt, ist jedoch fraglich. Der Demokratie stehen die albanischen Clanstrukturen im Wege, dem multiethnischen Zusammenleben die Anschläge einiger Radikaler auf Angehörige der serbischen Minderheit. Die albanische Bevölkerungsmehrheit mag die Bluttaten an ihren serbischen Nachbarn mißbilligen, doch sie schweigt dazu.
Nach wie vor ist die Kosovo-Frage nur eins der vielen ungelösten Probleme auf dem Balkan. Weitere unangenehme Entscheidungen stehen an, denn die von einem gut Teil ihrer Bewohner als vorläufig empfundene Staatenlandschaft zwischen Kroatien und Griechenland ist derzeit noch eine teure und gefährliche Baustelle, ein unvollendetes Stück Europa. In Bosnien-Hercegovina und in Mazedonien ist für Teile der Bevölkerung das letzte Wort zu Grenzen und staatlichen Zugehörigkeiten noch nicht gesprochen. Auch deshalb sind weiterhin mehrere zehntausend Soldaten in militärischen Missionen auf dem Balkan gebunden.
Die albanischen Politiker des Kosovos haben bei ihren Gesprächen mit den Serben einen entscheidenden Startnachteil: Ihre Übergangsregierung kann nicht souverän entscheiden, weil das letzte Wort in ihrer Provinz im Zweifelsfall die dort eingesetzte UN-Verwaltung hat. Die serbische Regierung muß zwar keinen Protektor über sich dulden, hat aber im eigenen Hause an Rückhalt verloren. Nach der Ermordung von Zoran Djindjic im März erhielt dessen Demokratische Partei über Wochen Zustimmungswerte, die sie zu seinen Lebzeiten schwerlich erreicht hätte. Doch seine weniger talentierten Nachlaßverwalter können kaum noch vom Nachruhm des zum Märtyrer stilisierten Chefreformers profitieren.
Weil im Kampf gegen den gewieften Despoten Milosevic alle Kräfte aufgenommen wurden, die nicht auf dessen Seite standen, rangeln nun mehr als ein Dutzend kleiner und kleinster Regierungsparteien um die Macht in Belgrad. Etliche von ihnen würden in anderen Ländern nicht dem demokratischen Lager zugerechnet. Sie stehen nicht für bestimmte Werte und politische Überzeugungen, sondern für sehr spezielle Interessen einzelner und finanzieren sich auf undurchsichtige Weise. Auch Serbien hat seine Oligarchen. Der Rest des demokratischen Lagers setzt sich selbst matt. Eine militärische Bedrohung für die Region und das Kosovo geht davon zu Beginn des vierten Jahres nach Milosevic zwar nicht mehr aus. Aber Serbien dürfte den Kontinent auf absehbare Zeit beschäftigen.