08.12.2007 · Die Deutungsunterschiede zwischen der OECD und dem deutschen Pisa-Konsortium überraschen nicht: Beide haben Auftraggeber und stehen in unmittelbaren Abhängigkeiten. Wenn Schulvergleichsstudien jedoch sinnvoll sein sollen, müssen sie in freier Forschung erhoben werden.
Von Heike SchmollNoch nie klafften die Deutungen eines Leistungsvergleichs so weit auseinander wie bei Pisa 2006 mit dem Schwerpunkt Naturwissenschaften. Begünstigt wurde dies durch die Deutungsunterschiede zwischen der OECD und dem deutschem Pisa-Konsortium. Das lässt sich in der empirischen Bildungsforschung kaum vermeiden.
Anrüchig werden widersprüchliche Auslegungen erst dann, wenn sie offenkundig ideologisch geleitet sind. Die OECD ist schlecht beraten, die Pisa-Ergebnisse regelmäßig zum Vorwand zu nehmen, Schulstrukturdebatten zu entfachen. Das führt nur zu Trotzreaktionen der deutschen Kultusminister.
Die Entscheidung über Schulformen treffen die Eltern. Und wenn die Hauptschule von ihnen immer weniger gewählt wird, müssen die Kultusminister versuchen, sie standortbezogen zu stärken und Modelle einer stärkeren Zusammenarbeit von Haupt- und Realschulen entwickeln. Die OECD drängt die Minister aber in eine Abwehrstarre und blockiert sie für die Schulentwicklung.
Nicht im Besitz aller Daten
Es wäre viel gewonnen, wenn Deutschland eine sachliche Pisa-Debatte führen könnte. Dazu gehört auch die Frage, ob Pisa bei seinem derzeitigen Zuschnitt halten kann, was es in seinen Analysen und Berichten zu erklären verspricht.
Einzelne Bildungsforscher haben diese Frage längst gestellt und den begründeten Verdacht geäußert, die Pisa-Studie sei mit so vielen Schwachstellen und Fehlerquellen belastet, dass sich zumindest die stets genannten Endprodukte, die internationalen Vergleichstabellen sowie die meisten nationalen Zusatzanalysen zu Schulen und Schulstrukturen, Unterricht, Schulleistungen und Problemen wie Migration und sozialer Hintergrund in den bisher praktizierten Formen nicht in allen Details aufrechterhalten lassen. Doch die Kritiker sind auf Vermutungen angewiesen, weil auch sie nicht in den Besitz der gesamten Datensätze gelangen.
Der Überdruss könnte steigen
Auch bei dieser Studie hat sich gezeigt, dass Pisa nicht unbedingt dazu taugt, schulpolitisches Steuerungswissen zu gewinnen. Das kann Pisa allein auch nicht leisten, weil es nicht um Bildungsinhalte, sondern um einfache Fähigkeiten, um Bildungsvoraussetzungen geht. Dennoch hat das viel zu lange schultestfreie Deutschland seit Beginn der Pisa-Studien bildungspolitisch gewonnen.
Es ist jetzt schlicht nicht mehr möglich, sich Illusionen über die Qualität des Unterrichts und des Gelernten hinzugeben. Nur scheint dringend geboten, die unvermeidlichen Grenzen der Geltung und Zuverlässigkeit deutlich auszuweisen und dafür zu sorgen, dass Pisa künftig nicht mehr für Beweise in Anspruch genommen wird, die es nicht erbringen kann. Denn sonst wird der Überdruss an solchen Zahlenwerken in Deutschland steigen oder der Test wird von den Teilnehmern sogar boykottiert, wie in den Vereinigten Staaten, in Chile oder in Norwegen.
Niemandes Scheitern darf hingenommen werden
Verbesserungen im Bildungssystem kommen allen Bürgern zugute, das ist hier den Leuten noch zu wenig bewusst. Der Präsident des kanadischen Council on Learning, Paul Cappon, der maßgeblich an den Bildungserfolgen seines Landes beteiligt ist, hat darauf hingewiesen, wie unerlässlich die Beurteilung erfolgreicher Schulmodelle und Unterrichtsmethoden durch eine vom Staat unabhängige Stelle ist.
Das Prinzip der kanadischen Bildungspolitik entspricht dem der finnischen: Das Scheitern auch nur eines einzigen Schülers darf nicht in Kauf genommen werden. Sobald das Scheitern hingenommen wird, sind die Voraussetzungen für den Misserfolg geschaffen.
Sobald die Ungleichheit in den Ergebnissen wächst, wird das öffentliche Bildungswesen einem langsamen aber stetigen Verfall ausgesetzt und durch den wachsenden Privatschulsektor geschwächt. Der kanadische Council on Learning, der sich jeglicher Wertung enthält, sammelt Daten und Ergebnisse über Bildung und Lernen in Kanadas Schulen und berichtet darüber der kanadischen Öffentlichkeit – ohne staatliche Einflussnahme oder gar Zensur.
Bildung ist mehr als das, was Pisa misst
Davon kann in Deutschland nicht die Rede sein. Das deutsche Pisa-Konsortium ist genauso wenig unabhängig wie die OECD. Beide haben Auftraggeber und stehen in unmittelbaren Abhängigkeiten. Vor kurzem soll in der Ministerialbürokratie der Seufzer gefallen sein, die Länder bekämen bei den Vergleichsstudien ständig Antworten auf Fragen, die sie nicht einmal gestellt hätten.
Das ist jedoch der Sinn und Zweck der empirischen Bildungsforschung. Es ist verständlich, dass die Kultusminister den Forschern bestimmte Fragestellungen aufgeben, aber es muss möglich sein, dass die Wissenschaftler damit in großer Freiheit verfahren und das Untersuchungskonzept erweitern, wenn es ihnen geboten erscheint. Doch manche Fragestellungen sollen ihnen auch schon verweigert worden sein.
Wenn Schulvergleichsstudien sinnvoll sein sollen, müssen sie in freier Forschung erhoben werden. Finnland hat deshalb die Bildungsevaluation aus dem Ministerium ausgegliedert. Hierzulande ist eine gegenläufige Entwicklung zu beobachten, die das Zutrauen zur empirischen Bildungsforschung langfristig schwächen wird. Bildung ist mehr als das, was Pisa misst. Die musischen Fächer werden nämlich gar nicht erfasst.
Heike Schmoll Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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