04.11.2003 · Dt. Heidnische Götter pflegten Donner und Blitze auf Menschen zu schleudern, die sich gegen sie versündigten. Der christliche und der jüdische Gott tun das nicht. Wer ihren Namen mißbraucht, verfällt lediglich dem Urteil seiner Zeitgenossen und der Nachlebenden.
Von Stefan DietrichDt. Heidnische Götter pflegten Donner und Blitze auf Menschen zu schleudern, die sich gegen sie versündigten. Der christliche und der jüdische Gott tun das nicht. Wer ihren Namen mißbraucht, verfällt lediglich dem Urteil seiner Zeitgenossen und der Nachlebenden. Der CDU-Abgeordnete und Amateurhistoriker Hohmann hat einem großen Publikum seine sehr persönliche Geschichtstheorie unterbreitet, die darin gipfelt, daß Gottlosigkeit die Wurzel alles Bösen sei, ursächlich insbesondere für die Untaten, die Kommunisten und Nationalsozialisten angerichtet haben. Hätte er es dabei belassen, so wäre seine Rede zum Tag der Deutschen Einheit als ein zwar ehrenwerter, aber ziemlich schlichter und etwas deplazierter Vortrag durchgegangen. Doch Hohmann hat der Gottlosigkeit einen Namen gegeben: Aus dem finstersten Grab der Rassenideologie hat er die jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung auferstehen lassen. Da hört jede Harmlosigkeit auf.
Einer Schuld scheinen sich indessen weder Hohmann noch die Zuhörer bewußt zu sein, die ihm applaudierten. Auch General Günzel, der nun für seinen Durchhaltebrief an Hohmann mit Entlassung bestraft wurde, wird sich möglicherweise einreden, Opfer "linker Kräfte" zu sein, die in diesem Land jede Kritik an Israel, am Zentralrat der Juden oder an einzelnen jüdischen Mitbürgern als antisemitisch ächteten. Hohmann und Günzel mögen sich gar als Märtyrer fühlen, die für ein "mutiges", offenes Wort gesellschaftlich hingerichtet wurden - und manch einer wird sie darin bestärken.
So ist es aber nicht. Die Politik Israels wird kritisiert, Michel Friedman verfiel öffentlicher Verurteilung, ohne daß darüber das Antisemitismus-Verdikt gesprochen worden wäre. Über die Beteiligung der Degussa am Holocaust-Mahnmal darf man ungestraft abweichende Meinungen äußern. Auch Paul Spiegel darf man ermahnen, die Abstände, in denen er "den schlimmsten Fall von Antisemitismus seit Jahrzehnten" ausruft, etwas zu vergrößern. Hohmann und seine offenen und heimlichen Unterstützer aber bedienen Klischees, die gerade nicht ihrem vorgeblichen Zweck, dem offenen Diskurs, dienen, sondern Zeugnisse überständiger Vorurteile und Komplexe sind. Das kann weder Gott noch den Menschen gefallen.