wgl. Die Protagonisten im Nahen Osten agieren entweder töricht oder perfide. Zwar hat der israelische Ministerpräsident Scharon bereits zehn illegal errichtete Außenposten jüdischer Siedler im Westjordanland räumen lassen und damit Zusagen des Gipfeltreffens von Aqaba erfüllt; doch der Versuch, den nach Scheich Ahmad Jassin wichtigsten Mann der radikalislamischen Hamas, Abdalaziz Rantisi, zu liquidieren, wird unfehlbar den nächsten Terroranschlag nach sich ziehen. Die Doppelstrategie der Israelis bringt den palästinensischen Ministerpräsidenten Mahmud Abbas in eine fast ausweglose Lage. Wie sollen er und andere arabische Politiker der Hamas - und anderen militanten Organisationen - mit Geduld und Überredungskunst allmählich einen gewaltfreien Kurs nahezulegen versuchen, wenn Israel mit Apache-Kampfhubschraubern Jagd auf deren Führer macht? Daß die Hamas anders als mit Gewalt reagieren könnte, wird der Realist Scharon kaum annehmen. Andererseits ist so gut wie ausgeschlossen, daß die Armee in diesem Fall ohne sein Wissen gehandelt haben könnte.
Doch Abbas hat mehr und mehr auch mit seinem "Präsidenten", dem PLO-Führer Arafat, zu kämpfen. Dieser hat wissen lassen, die jüngsten israelischen Siedlungsräumungen seien nur propagandistische Augenwischerei. So richtig es sein mag, den tatsächlich mehr symbolischen denn substantiellen Akt nicht überzubewerten, so sehr sollte man doch die Israelis zum Weitermachen ermuntern. Es ist ein Anfang, der unter den fanatisierten Siedlern schon genug Wirbel verursacht. Arafat, der von den Amerikanern und Israelis Kaltgestellte, will aber Abbas schaden, dessen Auftreten und Zusagen in Scharm al Scheich und Aqaba ihm mißfallen haben. Seither ist eine verstärkte Rivalität zu beobachten, die das palästinensische Lager endgültig spalten kann.
Käme es zu einem Bürgerkrieg unter den Palästinensern, stürzte dies die gesamte Region in eine Katastrophe, die nicht mehr zu beherrschen wäre. Schon hat Abbas die Amerikaner um eine "dringende Intervention" gebeten. Wie das gemeint ist, bleibt unklar, doch es spricht Bände. Die beiden Streithähne haben zwar einen "Fahrplan zum Frieden" akzeptiert, doch sind sie offenbar nicht in der Lage, ihn ohne Hilfe einzuhalten.