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Kommentar System Volkswagen

06.07.2005 ·  In keinem anderen deutschen Konzern ist der Filz zwischen Politik, Aufsichtsrat, Vorstand und Betriebsrat so undurchdringlich wie bei VW. Die Krise bietet die Chance für einen Neuanfang.

Von Holger Steltzner
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Der Filz ist das System Volkswagen. In keinem anderen deutschen Konzern ist das Gestrüpp gegenseitiger Abhängigkeiten und Verflechtungen zwischen Politik, Vorstand, Aufsichtsrat, Gewerkschaft und Betriebsrat so undurchdringlich wie bei Volkswagen.

Weil Niedersachsen Großaktionär von VW ist, schickt das Land traditionell neben dem Ministerpräsidenten auch den Wirtschaftsminister in den Aufsichtsrat. Weil zu viele Wähler direkt oder indirekt von VW abhängen, wird keine Landesregierung VW-Aktien verkaufen. Der Einfluß des Staates wurde sogar gesetzlich verankert und die Stimmrechte aller anderen Aktionäre begrenzt. Für den großen Arbeitgeber stemmen sich Ministerpräsident Wulff und Bundeskanzler Schröder parteiübergreifend gegen die EU, die das VW-Gesetz kippen will.

Fehlende Unabhängigkeit, mangelhafte Aufsicht

Die Gewerkschaft sichert ihren Einfluß auf VW durch hohe Organisation der Belegschaft. Alle Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat sind in der IG Metall, der Vorsitzende Peters ist zugleich Vertreter von Chefkontrolleur Piech.

Auch der Personalvorstand Hartz ist in der IG Metall. Jeder weiß um seine engen politischen Verbindungen zu Schröder, dessen Arbeitsmarktreformen seinen Namen tragen. VW hat sich ein Regelwerk gegeben, das der modernen Führung und Kontrolle von Unternehmen nicht gerecht wird. Fehlende persönliche Unabhängigkeit und mangelhafte Aufsicht gehen einher mit zweifelhaften Geschäftspraktiken des Netzwerks rund um den VW-Betriebsratsvorsitzenden, in dem sich sogar Hartz noch verfangen könnte.

In der Krise liegt die Chance

Offenbar ist dem Konzern der Ausflug in die Luxusklasse zu Kopf gestiegen. Das gilt nicht nur für Reisekosten und Spesenabrechnungen, sondern auch in der Produktion, wo die Autos Phaeton und Bugatti an den Bedürfnissen des Marktes vorbei entwickelt wurden, während der klassische VW für viele Normalverdiener zu teuer und zudem noch von fraglicher Qualität ist.

Während die Belegschaft auf neue Sparrunden eingeschworen wird, sickern immer mehr pikante Details durch, wie in der Führungsetage das Geld verjubelt wurde. In der Krise liegt die Chance zum Ausmisten. Zum Wohle der Belegschaft, der Kunden und der Aktionäre sollte sich Volkswagen endlich zu einem normalen Unternehmen entwickeln.

Quelle: F.A.Z., 06.07.2005, Nr. 154 / Seite 1
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