15.10.2004 · Der Fall von Opel und Karstadt ist zum guten Teil hausgemacht. Er ist aber auch eine Folge der deutschen Wirtschaftsflaute, die nicht die Unternehmen, sondern vor allem Politiker zu verantworten haben.
Von Holger SteltznerDie Dimension ist gewaltig. Zwölftausend Beschäftigte von General Motors in Europa werden ihren Arbeitsplatz verlieren. Die Folgen für die in Deutschland betroffenen zehntausend Arbeiter mit ihren Familien in den Regionen um Bochum, Rüsselsheim und Kaiserslautern werden schmerzhaft und langwierig sein.
Kaum weniger spektakulär ist der Sanierungspakt von Karstadt-Quelle mit Lohneinbußen für die Belegschaft und dem Abbau von mehr als fünftausend Stellen. Warum taumeln selbst so große und traditionsreiche Unternehmen? Sind solche Hiobsbotschaften das Resultat von Fehlentscheidungen des Managements oder Folge der schlechten Rahmenbedingungen für Unternehmen am Standort Deutschland?
Gravierende Fehlentscheidungen der Geschäftsführung
Eine einfache Antwort gibt es nicht. Beide Fälle sind grundverschieden und ähneln einander dennoch in mancherlei Hinsicht. In beiden Unternehmen gab es in der Vergangenheit gravierende Fehlentscheidungen der Geschäftsführung. Zugleich jedoch leiden beide ohne eigenes Verschulden unter der allgemein schlechten Binnenkonjunktur in Deutschland, die geprägt ist von verunsicherten Verbrauchern, der Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes bis in die Mitte der Gesellschaft hinein und dem fehlenden Zutrauen in die wirtschaftliche Zukunft des Landes.
Auf den Ranglisten der erfolgreichen Unternehmen aus Deutschland liegen exportorientierte Gesellschaften weit oben, sie profitieren von der boomenden Weltwirtschaft und werden von der schrumpfenden Nachfrage im Inland weniger getroffen. Natürlich gibt es auch hierzulande erfolgreiche Discounter im Einzelhandel, die zumeist auf der "Geiz-ist-geil-Welle" schwimmen, doch sie sind die Ausnahmen. Die rund viertausend Handelspleiten im Inland in diesem Jahr sprechen eine andere Sprache. Diese wie auch Karstadt und Opel sind nicht zuletzt ein Opfer der hartnäckigen Wachstumsschwäche in Deutschland aufgrund falscher wirtschaftspolitischer Entscheidungen, mit zu hohen Arbeitskosten, gefesselten Arbeitsmärkten, lähmender Bürokratie, einem undurchsichtigen Steuersystem und den viel zu teuren Sozialversicherungen.
Fragwürdige Karstadt-Einkaufstour
Karstadt-Quelle, Europas größter Warenhaus- und Versandhandelskonzern, ist darüber hinaus auch ein betriebswirtschaftliches Lehrstück über die schlimmen Folgen schlechter Managemententscheidungen. Es wurde versäumt, rechtzeitig ein tragfähiges internationales Geschäftsmodell auszuarbeiten, um mit modernen Warenhäusern die Kundschaft in die Innenstädte zu locken, wie es der Kaufhof mit seiner Muttergesellschaft Metro vormacht. Statt dessen ließ sich Karstadt zur Übernahme von Sanierungsfällen wie Neckermann und teuren Ausflügen in den Tourismus hinreißen. Die fragwürdige Einkaufstour ging auch nach der Fusion mit dem Versandhändler Quelle weiter. Nun zahlen Mitarbeiter, Aktionäre und Banken einen hohen Preis für überholte Warenhauskonzepte, das Festhalten am überkommenen Versandhandel mit dicken Katalogen und das exotische Beteiligungsgeflecht mit Fitness-Studios und Kaffeehäusern.
Zugleich ist der Verhandlungsmarathon zum Sanierungsplan von Karstadt-Quelle ein Beleg für die fragwürdige Rolle professioneller Gewerkschaftsfunktionäre in mitbestimmten Aufsichtsräten. Über Jahre hinweg haben die Funktionäre von Verdi alle strategischen Fehlentscheidungen gemeinsam mit den Arbeitgebern getroffen, doch ohne rot zu werden, klagen sie jetzt laut über die unterlassene Sanierung der Vergangenheit, die sie selbst mit zu verantworten haben.
Amerika entscheidet
Das Schicksal von Opel wiederum - einer Tochtergesellschaft des weltgrößten Autoherstellers General Motors - ist ein Lehrstück für die Strategie von Weltkonzernen. Diese streuen ihre Investitionen und Produktionsstätten in der Nähe ihrer Kunden rund um den Globus, wodurch sie ständig die Kosten und die Produktivität ihrer Werke messen können. In schwierigen Zeiten werden dann die schwächsten und teuersten Werke aussortiert. Genau das droht in einigen Jahren in Bochum oder im schwedischen Trollhättan. Die Interessen der nationalen Produktionsstätten und Belegschaften werden hierbei gegeneinander ausgespielt, am Ende entscheidet nüchtern kalkulierend die Unternehmenszentrale in Amerika.
Auch bei Opel gab es in der Vergangenheit manche Fehlentscheidung. Es wurden zeitweise wenig attraktive Modelle auf den Markt gebracht und phantasielos nur die Kosten gedrückt, mit der Folge rufschädigender Qualitätsprobleme. Doch nun ist Opel wieder auf der Höhe der Zeit. Design, Technik und Qualität stimmen. Dennoch muß wegen der Zurückhaltung der Autokäufer in Deutschland jeder Verkauf eines Opels mit verlustträchtigen Rabatten erkauft werden. Opel leidet - ähnlich wie Karstadt - unter einer profillosen Marke, sie ist weder billig noch erstklassig, nicht langweilig, aber auch nicht schick. Hinzu kommt, daß Opel konzerneigene Konkurrenz aus Korea im unteren Marktsegment bekommt und nicht in alle Länder exportieren darf.
Deshalb leidet auch Opel besonders unter den schwierigen Rahmenbedingungen in Deutschland, wie eine Modellrechnung von General Motors zeigt. Würde Opel seine gesamte Produktion von Deutschland nach Frankreich verlegen, könnten jedes Jahr aufgrund der niedrigeren Lohn- und Sozialkosten 500 bis 700 Millionen Euro gespart werden. Das entspricht der Summe, die durch den Beschäftigungsabbau aufgebracht werden soll.
Der Fall von Opel und Karstadt ist bei allen Unterschieden im Detail zum guten Teil hausgemacht, aber auch eine Folge der deutschen Wirtschaftsflaute, die nicht die beiden namhaften Unternehmen, sondern vor allem die Politiker zu verantworten haben. Es bleibt die wenig tröstliche Feststellung, daß diesmal die Regierungen in Bund und Ländern der populistischen Versuchung widerstanden haben, den um ihren Arbeitsplatz bangenden Arbeitnehmern falsche Hoffnungen auf eine Rettung durch die Politik zu machen. Zu frisch sind noch die Erinnerungen an die schamlosen Wahlkampfauftritte des Kanzlers und die nachfolgende Pleite von Holzmann.