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Kommentar Schwarze Tage

05.09.2004 ·  Von Markus Wehner

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Pechschwarze Tage erlebt Rußland in diesem Spätsommer. Dem Anschlag auf zwei Passagierflugzeuge folgte das Bombenattentat im Zentrum Moskaus. Hundert Menschen starben durch "lebende Bomben", in die sich junge Frauen verwandelt hatten. Das Geiseldrama in einer Schule in Südrußland ist der bisher schlimmste Terrorakt unter den vielen, die Rußland in den vergangenen Jahren zu erleiden hatte. Es ist nicht nur die hohe Zahl der Opfer, wohl vierhundert oder mehr, die erschreckt, sondern auch und vor allem die Kaltblütigkeit, mit der 1200 Menschen, davon mehr als achthundert Kinder, zu Geiseln gemacht und in die Luft gesprengt wurden. Ermordete Kinder machen sprachlos.

Und doch muß man fragen, was der hundertfache Tod in Beslan bedeutet für Rußland, für Europa und wie es danach weitergehen soll. Der russische Präsident hat den Terrorakt als Angriff auf sein Land bezeichnet, als Attacke des internationalen Terrorismus. Das hat er nicht zum ersten Mal getan. Im Westen ist man dieser Behauptung lange mit Skepsis begegnet. Die Skepsis ist auch heute nicht gewichen. Denn es geht um Tschetschenien. Die Geiselnehmer forderten den Abzug der russischen Truppen aus der Kaukasus-Republik. Ist der Terror also nur die Folge eines separatistischen Konflikts, sind die Terroristen irregeleitete Freiheitskämpfer, durch russische Gewalt zur Verzweiflungstat getrieben? So weit mag selbst im Westen heute kaum jemand gehen. Und doch ist es richtig, daß Rußland im Kaukasus, den schon die Zaren mit Gewalt niederrangen und dessen Völker Stalin mit einer Deportation 1944 grausam dezimierte, eine Orgie der Gewalt entfesselt hat. Hier paarte sich die traditionelle Gewaltbereitschaft der Tschetschenen mit der Taktik der verbrannten Erde, die eine in Zerfall begriffene russische Armee hinterließ. Wer einen Teil seines Landes, die Städte und Dörfer so zerbombt, wie es seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa nicht mehr der Fall war, darf sich nicht wundern, wenn er dem Terror den Boden bereitet.

Man kann die Geschichte der Tschetschenien-Kriege erzählen, von Boris Jelzins "kleinem, siegreichen Krieg", der in ein Gemetzel mit Zehntausenden Toten mündete, von Wladimir Putins zweitem Feldzug gegen den Gangsterstaat des unabhängigen Tschetschenien, der den unbekannten Geheimdienstmann an die Spitze des russischen Staates katapultierte. Die Liste der Sünden dieser Zeit ist lang, auch bei den Tschetschenen. Doch das Räsonieren über die Fehler der Vergangenheit kann nicht verdecken, daß die islamistischen Terrorbrigaden in Tschetschenien angekommen sind. Die Verbindungen zu den Taliban, zum internationalen Dschihad sind nicht zu leugnen, die tschetschenischen Islamisten werden - zumindest auch - von islamischen "Wohltätigkeitsorganisationen" aus dem Ausland finanziert.

Der Westen hat diesen Aspekt bisher unterschätzt - aus einem berechtigten Mißtrauen gegenüber der russischen Führung, die ihn gern übertrieb, um ihr Vorgehen in Tschetschenien zu rechtfertigen. Seit dem 11. September 2001 jedoch hat der Westen seine Haltung verändert, vor allem die Amerikaner und Israelis, weniger die Europäer. Für die europäische Zurückhaltung gibt es Gründe. Wenn russische Generäle weiter ihre Geschäfte mit illegalem Öl und anderem in Tschetschenien machen, wenn Greiftrupps russischer Geheimdienste dort nachts Bewohner aus ihren Häusern entführen und "verschwinden lassen", wenn Wahlen und Referenden gefälscht werden, wenn wenig für den Aufbau zerstörter Städte und für die wirtschaftliche Gesundung der verarmten Region getan wird, mag man an den gemeinsamen Kampf gegen den Terror nicht so recht glauben.

Dennoch muß auch Europa sich darüber klarwerden, daß die islamistischen Terroristen Rußland an seiner schwächsten Stelle, dem Nordkaukasus, angreifen. Ähnlich wie in anderen Krisen- und Kriegsgebieten sehen sie hier Chancen auf einen Erfolg. Weil ihr Sieg gegen die westliche Zivilisation verhindert werden muß, kann die Region dem Westen nicht einerlei sein. Rußland braucht dringend die Hilfe des Westens, sei es dabei, eine effektive Armee und Polizei aufzubauen, die Korruption zu bekämpfen, oder dabei, die wirtschaftliche und soziale Gesundung der Region, den Wiederaufbau Tschetscheniens zu fördern.

Doch Rußland selbst muß diese Zielvorstellungen teilen und die Hilfe auch wollen. Wenn der Angriff der Terroristen in Beslan, Moskau oder über den Wolken Rußlands eine Attacke des internationalen Terrors ist, dann ist Tschetschenien eben keine innere Angelegenheit mehr, wie Moskau seit Jahren bei jedweder Kritik an seinem Vorgehen wiederholt. Dann geht es um weit mehr als um die territoriale Integrität des Landes. Dann sollte Rußland die internationalen Organisationen nicht aus Tschetschenien hinauszwingen, sondern sollte deren Unterstützung und die befreundeter Staaten suchen. Dann muß der verletzte Nationalstolz einer gescheiterten Supermacht zurückstehen hinter der Aufgabe, den Kampf gegen den Terror zu gewinnen. Dann muß Moskau sich auch Kritik daran gefallen lassen, wie es mit seinem Terrorproblem umgeht.

Rußland muß sich entscheiden. Will es weiter vom Angriff des internationalen Terrors sprechen, aber, wenn es um Tschetschenien geht, auf einer Politik der Nichteinmischung bestehen, so wird es den Kampf gegen den Terrorismus verlieren. Will es ihn gewinnen, muß es in seiner inneren Verfassung, auch in seiner Politik in Tschetschenien, vieles ändern und dabei die Hilfe des Westens suchen. Die Verfaßtheit der politischen Klasse, der Bürokratie, des Militärs in Rußland macht ein solches Unterfangen schwierig. Doch es zu beginnen wäre die beste Konsequenz aus dem sinnlosen Tod der Kinder von Beslan.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.09.2004, Nr. 207 / Seite 1
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