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Freitag, 10. Februar 2012
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Kommentar Schmutziges Wort „Unterschicht“

17.10.2006 ·  Manchem SPD-Anhänger fiel wohl die Kinnlade herunter, als der Parteivorsitzende Beck das schmutzige Wort „Unterschicht“ in den Mund nahm. Doch nichts ist gewonnen, wenn wir ein allseits erkanntes „Phänomen“ nicht beim Namen nennen.

Von Stefan Dietrich
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Manchem treuen SPD-Anhänger fiel die Kinnlade herunter, als er hörte, sein Vorsitzender Beck habe das schmutzige Wort „Unterschicht“ in den Mund genommen. Hätte er wenigstens „Proletariat“ gesagt, da hätte man noch etwas von sozialdemokratischem Arbeiterstolz und Emanzipationsdrang hineinlegen können.

Doch genau davon grenzte Beck sich bewußt ab. Unterschicht - das ist nach seiner Definition jener Teil der Bevölkerung, der nicht nur die Hoffnung, sondern auch den Ehrgeiz verloren hat, über die unterste Sprosse der sozialen Leiter hinauszukommen. Welche Dramen sich dort abspielen, hat zugleich auf besonders drastische Weise die Entdeckung eines toten Kindes im Kühlschrank seines rauschgiftsüchtigen Vaters vor Augen geführt.

Alle distanzieren sich

Noch bevor die Öffentlichkeit erfuhr, daß Becks neue Einsichten auf einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung fußten, die das anstößige Wort angeblich gar nicht enthält, bemühte sich der SPD-Generalsekretär Heil schon um semantische Schadensbegrenzung: Zwar könne man das beschriebene „Phänomen“ nicht leugnen, den Begriff „Unterschicht“ jedoch wollten sich weder Beck noch die SPD zu eigen machen.

Sollte Beck beabsichtigt haben, mit dieser Wortmeldung die Debatte über die anstehenden Reparaturarbeiten am Hartz-IV-Gesetz anzustoßen, so ist das fürs erste danebengegangen. Jetzt distanzieren sich erst einmal alle von ihm, auch Unionspolitiker. Doch nichts ist gewonnen, wenn wir ein allseits erkanntes „Phänomen“ nicht beim Namen nennen, sondern es umschreiben mit Ausdrücken wie „Menschen mit sozialen und Integrationsproblemen“.

Die Frage ist, wie die abgehängte Unterschicht wieder Anschluß an Bildungs- und Aufstiegschancen finden kann. Wenn ihre Resignation „die Folge der Agenda 2010“ ist, wie Heiner Geißler und die SPD-Linke meinen, dann wäre ihr Problem mit noch mehr Umverteilung zu lösen. Daran glaubt indessen nicht einmal mehr die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung, die soeben festgestellt hat, daß kaum ein Staat in der EU so viel Geld für Sozialleistungen ausgibt wie Deutschland - und kaum einer damit so schlechte Ergebnisse erzielt. Wenn es so ist, dann liegt das Problem eher bei einem Sozialstaat, der Absteigern Abfindungen zahlt, statt sie zu aktivieren.

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