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Kommentar Ratlos in Tschetschenien

03.09.2004 ·  Rußlands Konflikt mit den Tschetschenen verliefe milder und könnte vielleicht gelöst werden, wenn das Land eine westlich-demokratische und rechtsstaatliche Zivilgesellschaft wäre. Das ist aber nicht der Fall.

Von Wolfgang Günter Lerch
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In Beslan sind Albträume furchtbare Wirklichkeit geworden. Und nichts entschuldigt diese Tat. Wie es weitergehen soll in Tschetschenien, weiß niemand. Daß Präsident Wladimir Putins Taktik der militärischen Gewalt die Kaukasier nur weiter radikalisiert hat, so daß sie ihren "Krieg" schließlich auch in das russische Kernland getragen haben, ist in den vergangenen Tagen immer wieder hervorgehoben worden. Die Forderung nach einer friedlichen Alternative ist freilich viel leichter erhoben als zu erfüllen.

In dem seit 1999 dauernden zweiten Tschetschenien-Krieg ist das Land derart verwüstet worden, daß selbst Frauen, die sogenannten Schwarzen Witwen, schon seit geraumer Zeit an Geiselnahmen und Terroraktionen wie den jüngsten teilnehmen. Unter dem Eindruck der brutalen russischen Unterdrückungsmaschinerie gilt das Wort "Zerstörung" wohl auch für das Denken und Empfinden: Ihr Leben - wie das Leben unbeteiligter Menschen - sei ihnen nicht mehr viel wert, sagten tschetschenische Frauen, die zu den Terroristen stießen, denn Männer oder Brüder seien tot; nach schweren Folterungen waren sie von russischer Soldateska oft bestialisch ermordet worden.

Die Kinder und die anderen unbewaffneten Geiseln in Beslan konnten nichts dafür. Sie sind Opfer eines Konflikts, der mit dem kolonialen Erbe Rußlands zusammenhängt. In der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts hatten sich die Zaren die kaukasischen Völker botmäßig gemacht. Vor allem die muslimischen Völker hatten das niemals akzeptiert. Deshalb ließ Stalin die Tschetschenen, wie andere muslimische Kaukasier auch, im Zweiten Weltkrieg nach Mittelasien deportieren, weil er angesichts des deutschen Vormarschs im Süden der Sowjetunion neuerliche Ausbrüche ihres Strebens nach Unabhängigkeit fürchtete. Erst unter Chruschtschow konnten sie in ihre Heimat zurückkehren.

Nach dem Ende der Sowjetunion versuchten die Tschetschenen dann unter dem schillernden Dschochar Dudajew den Aufstand. Schon damals setzten sie auch den Terror als Mittel ein, doch gelang es Präsident Jelzin mit Hilfe des ehemaligen Generals Alexander Lebed, den ersten Tschetschenien-Krieg mit einem Vertrag zu beenden. Die Übereinkunft gestand den Tschetschenen, bei formalem Verbleib in der Russischen Föderation, weitgehende Autonomie zu, die an Unabhängigkeit grenzte.

Doch genau jene Jahre eines autonomen Tschetscheniens zwischen 1996 und 1999 unter dem Präsidenten Aslan Maschadow wurden zu einem vollständigen Desaster. Islamisten aus vielerlei Ländern strömten dorthin und sorgten für eine Radikalisierung des kaukasischen Islams hin zum militanten Islamismus. Die einheimischen Kämpfer wurden durch "Afghanen" und andere panislamische Extremisten aus dem Umfeld der Dschihadisten-Bewegung weiter fanatisiert. Und der Islamismus verband sich mit den ohnehin schon stark ausgeprägten mafiosen Strukturen. In diese Strukturen waren bald auch all jene verwickelt, die jetzt für Putin den Quisling spielen, wie etwa der Kadyrow-Clan. Zu allem Überfluß hat der tschetschenische Widerstand in den vergangenen Jahren offenbar auch Teil an jener Gewaltstruktur, die unter dem Kürzel "Al Qaida" zusammengefaßt wird. Auch Tschetschenien wird nach dem "11. September" anders eingeordnet als zuvor.

Daß Putin mit glaubwürdigen Tschetschenen verhandeln sollte, sagen viele. Auf eine völlige Unabhängigkeit Tschetscheniens würde er sich dabei ebenso wenig einlassen, wie andere Staatsführer das tun würden. Die Russische Föderation ist, nicht allein im Kaukasus, durchwoben von den Siedlungsgebieten muslimischer Völker, die mit der Zeit auf den Geschmack kommen könnten, es den tschetschenischen Irredentisten gleichzutun. Selbst vom Mufti aus dem fernen Baschkirien sind bisweilen islamistische oder antiamerikanische Parolen zu hören. Rußlands Konflikt mit den Tschetschenen verliefe milder und könnte vielleicht gelöst werden, wenn das Land eine westlich-demokratische und rechtsstaatliche Zivilgesellschaft wäre. Das ist aber nicht der Fall.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.09.2004, Nr. 206 / Seite 1
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Jahrgang 1946, Redakteur in der Politik.

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