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Kommentar Professor Knecht

14.01.2005 ·  Von Heike Schmoll

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Nach Humboldt hat es in Deutschland keine Hochschulreform gegeben, die Universitäten so grundlegend verändert hätte wie die derzeitige Umstellung des akademischen Studiums. Was sich augenblicklich unter dem Vorwand der Internationalisierung und Europäisierung abspielt, erschüttert Geist und Verfaßtheit der Hochschulen. Unter dem Lobpreis der international wettbewerbsfähigen Eliteuniversität wird die Provinzialisierung der Universität vorangetrieben. Denn ein deutscher Professor, der aufgrund seiner wissenschaftlichen Leistungen einen Ruf an eine ausländische Universität bekommt, ist hier nicht mehr zu halten.

Der deutsche Professor droht unter der Hochschulreform zu dem zu werden, was Friedrich Schiller in seiner Antrittsrede in Jena, kurz vor der Französischen Revolution 1789, als Schreckensvision des Brotgelehrten beschrieben hat: "Beklagenswerter Mensch, der mit dem edelsten aller Werkzeuge, mit Wissenschaft und Kunst, nichts Höheres will und ausrichtet, als der Tagelöhner mit dem schlechtesten - der im Reiche der vollkommensten Freiheit eine Sklavenseele mit sich herumträgt."

Schillers Antrittsrede ordnet sich ein in eine Reihe von programmatischen Schriften, in denen an der Wende zum 19. Jahrhundert die neuen Leitbilder des bürgerlichen Akademikers als Bestandteil der neuen Universitätsidee propagiert wurden. Im Zuge der gegenwärtigen Neuordnung der Hochschulen ist der deutsche Professor vom Herrn zum Knecht geworden. Er wird sich seit Januar dieses Jahres sogar davor hüten, von einer deutschen Hochschule zur anderen zu wechseln, denn die komfortable C-Besoldung mit ruhegeldfähigen Bezügen hat dann ein Ende. Unweigerlich fällt er in die neue leistungsbezogene W-Besoldung, die zwar zu Dienstzeiten manche Attraktion verspricht, jedoch ein schmales Ruhegehalt zur Folge hat, weil Leistungsprämien nicht ruhegeldfähig sind. Vor allem unter den Naturwissenschaftlern bewerben sich schon jetzt nur noch diejenigen um Hochschulstellen, die keine gutdotierte Arbeit in der Wirtschaft gefunden haben.

Neue Studienordnungen sorgen dafür, daß in riesigen Seminaren und Vorlesungen unzählige schriftliche Prüfungen abgenommen werden müssen. Anstatt sich der eigenen Forschung und Lehrvorbereitung zu widmen, verschlingen Korrekturen fast die doppelte Zeit wie bisher. Es folgt Sitzung auf Sitzung, Gutachten sind zu schreiben, und anstatt zu forschen, verzehren sich die meisten in Wissenschaftsorganisation. Sie sind zum Wissenschaftsmanager geworden, aber sie partizipieren nicht mehr am internationalen wissenschaftlichen Gespräch. Weil sie jenen Abschied aus der wissenschaftlichen Öffentlichkeit ahnen, haben viele auch die Flucht in eine andere Welt angetreten.

Sie lehren zwar an der Hochschule und erfüllen dort ihr Pflichtpensum - wie der von Schiller beschriebene Brotgelehrte, aber ihre Bestätigung suchen sie etwa in den Feuilletons großer Tageszeitungen oder in Rundfunk und Fernsehen. Die mediale Präsenz tritt im Extremfall an die Stelle des wissenschaftlichen Rangs. Auch diese Gefahr hat Schiller gesehen: "Nicht bei den Gedankenschätzen sucht er seinen Lohn, seinen Lohn erwartet er von fremder Anerkennung, von Ehrenstellen, von Versorgung . . . er hat umsonst nach Wahrheit geforscht, wenn sich Wahrheit für ihn nicht in Gold, Zeitungslob, in Fürstengunst verwandelt", so Schillers treffliche Einschätzung.

Der beschriebene Brotgelehrte entspricht dem Typus des heutigen Wissenschaftsmanagers, der seine Laufbahn schnell und erfolgreich absolviert, von dessen Forschung niemand spricht, der sich aber in allen entscheidenden Gremien wiederfindet, von denen er sich Macht und Vorteile verspricht. In dem Großvorhaben, das Hochschulen nach Marktprinzipien reformieren will, spielt er nur noch die Nebenrolle. Der Wissenschaftler soll nach Leistung beurteilt und bezahlt werden. Doch bei den Leistungskriterien fängt die Kleinkrämerei an. Es werden schlicht Erbsen gezählt - erfolgreiche Abschlüsse, Veröffentlichungen in internationalen Zeitschriften und ähnliches mehr. Der Staat hat ein privatwirtschaftliches System etabliert mit Akkrediteuren, Evaluierern, Bildungsplanern und Bildungsspitzeln, denen der ergebnisoffene, vor allem freie Charakter von Forschung und Lehre ein Rätsel ist und bleibt, ja schlimmer noch, die beides für ein Unglück halten, das ihre Reißbrettplanung zu durchbrechen droht.

Das Bündnis zwischen dem verantwortlichen Staat und einer freiheitlich forschenden und lehrenden Universität ist zerbrochen, das ist das eigentlich Fatale an der derzeitigen Hochschulkrise. Aus der einstigen Lehranstalt für Begabte ist ein öffentlicher Dienstleister geworden, der mit weniger Geld mehr Qualität schaffen soll und dazu noch die zum Scheitern verurteilte Aufgabe erfüllen muß, die Massenbildung mit der Elitenbildung zu vereinen. Was sich in Deutschland hochschulpolitisch abspielt, ist die mutwillige Zerschlagung europäisch und international konkurrenzfähiger Universitäten, die sich trotz aller Widrigkeiten aus Überzeugung darum bemühten, die Einheit von Forschung und Lehre zu wahren.

Die Hochschule der Zukunft muß Individualität, fachliche Kompetenz, Kreativität, Selbstbewußtsein und Verantwortlichkeit ihrer Absolventen fördern. Das gebietet eine realistische Einschätzung der wirtschaftlichen Lage ebenso wie die Verpflichtung auf Humboldt und Schiller. Vor allem aber können Hochschulen nur so gut sein wie ihre wissenschaftlichen Köpfe unter den Lehrenden. Elite- oder Spitzenuniversitäten bleiben so lange ein politischer Wunschtraum, wie die Elite unter den Hochschullehrern entweder zu wenig gefördert oder nicht zu halten versucht wird. Wer Professoren zu entmündigten Angestellten herabwürdigt und ihnen ihr kostbarstes Gut, die Freiheit, raubt, fördert keine internationale Konkurrenzfähigkeit, sondern mangelndes Niveau und Provinzialität.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.01.2005, Nr. 12 / Seite 1
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