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Kommentar Posten und Richtung

21.09.2005 ·  Es nähert sich der Zeitpunkt, da Partei und Fraktion mit Wolfgang Gerhardt keine Zukunftshoffnungen mehr verknüpfen können. Andererseits ist unsicher, ob sich die FDP in Zukunft ganz alleine auf Westerwelles Führung verlassen möchte. Der Streit in der FDP.

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In der FDP steht eine Klärung bevor. Drei Jahre lang haben Guido Westerwelle und Wolfgang Gerhardt die Führung geteilt. Der eine blieb an der Parteispitze, der andere führte die Bundestagsfraktion.

Westerwelle war in dieser Zeit nach der Wahlniederlage 2002 und der Affäre mit und um Möllemann ein Parteivorsitzender auch von Gerhardts Gnaden. Ein kleiner Schubs hätte genügt. Doch Gerhardt wollte nicht zurück an die FDP-Spitze, ein anderer Kandidat war nicht zu finden.

Also blieb Westerwelle, und Gerhardt glaubte, ihn kontrollieren zu können. Das gelang ihm bis zum Wahlsonntag. Sichtbarstes Zeichen seines Einflusses war der Verzicht Westerwelles auf das Außenministerium. Mit der Wahl endeten auch die bisherigen Absprachen.

Jetzt wirken in der Partei andere Gewichte. Westerwelle hat die Gelegenheit, sich von Gerhardt zu befreien, und scheint entschlossen, ihn zu verdrängen, um erstmals uneingeschränkt die Richtung der Freien Demokraten prägen zu können. Dieser Gedanke wird manche ihrer Anhänger erschrecken und auch diejenigen in der größer gewordenen Fraktion, die zu wissen glauben, daß die Seriosität Gerhardts und der Fleiß seiner Bundestagsfraktion die Bundespartei vor dem Zerfall bewahrt haben.

Gerhardt, nicht Westerwelle, repräsentierte über Monate das, was die FDP sich nach dem mißratenen Wahlkampf und dem brutalen Männerkrieg zwischen Möllemann und Westerwelle verordnet hatte. Seit er wieder zu politischem Leben erwachte, imitiert der Vorsitzende konsequent diesen neuen alten Stil der FDP. Westerwelle (und Möllemann): das waren im Jahre 2002 „18 Prozent“, Kanzlerkandidatur und Spaßwahlkampf. Als Wirtschafts-Programmpartei mit dem Willen zur Beteiligung an einer CDU/CSU-geführten Koalition, als Außenminister-Gerhardt-Partei hat die FDP 2005 Stimmen gewonnen.

Doch ob sich aus Gerhardts Verdiensten Ansprüche ableiten lassen, scheint fraglich. Gerhardt hat seine dritte Gelegenheit, etwas Bedeutendes zu werden (Außenminister, Bundespräsident, Außenminister), womöglich verpaßt. Diesmal kann Westerwelle nichts dafür, daß es wieder nicht reicht. Das ist bedauerlich für Gerhardt. Es nähert sich der Zeitpunkt, da Partei und Fraktion mit Wolfgang Gerhardt keine Zukunftshoffnungen mehr verknüpfen können. Andererseits ist unsicher, ob sich die FDP in Zukunft ganz alleine auf Westerwelles Führung und Inspiration verlassen möchte. Es geht nicht bloß um Posten, es geht um die Richtung.

Quelle: pca.; F.A.Z., 22.09.2005, Nr. 221 / Seite 10
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