30.12.2008 · Als Otto Graf Lambsdorff seinerzeit Bundeswirtschaftsminister wurde, war er schon wohlbestalltes Vorstandsmitglied eines Versicherungsunternehmens. Gegenwärtig stellt sich die Rekrutierung des politischen Personals anders dar: Der Nachwuchs ist oft kaum der Universität entwachsen - und Politik längst ein gewöhnlicher Beruf.
Von Majid SattarAls Otto Graf Lambsdorff kürzlich in Heppenheim die Festrede zum 60. Gründungstag der FDP hielt, kam er kurz darauf zu sprechen, wie es war, als ihm 1977 das Amt des Bundeswirtschaftsministers angetragen wurde. Als wohlbestalltes Vorstandsmitglied eines Versicherungsunternehmens habe er zunächst seine Frau gefragt, ob die Familie sich den beruflichen Wechsel leisten könne. So war das einmal: In die Politik gingen gestandene Leute; Männer und Frauen, die ihre erste Bewährung in einem Brotberuf schon hinter sich hatten.
Gegenwärtig stellt sich die Rekrutierung des politischen Personals so dar: Philipp Mißfelder, Vorsitzender der Jungen Union, ist seit 2005 Mitglied des Bundestages; er hat in der laufenden Wahlperiode sein Studium abgeschlossen, wurde kürzlich ins CDU-Präsidium gewählt und wird beim Spaziergang entlang des Spreeufers schon mal einen Blick auf das Kanzleramt geworfen haben.
Björn Böhning, bis 2007 Vorsitzender der Jungsozialisten, arbeitet seit Abschluss seines Studiums in der Senatskanzlei Klaus Wowereits, hat den Chefposten der Demokratischen Linken in der SPD übernommen und kann sich Hoffnung machen, mit der Wahl 2009 in den Bundestag einzuziehen. Das Gleiche gilt für Johannes Vogel, den Vorsitzenden der Jungen Liberalen, der pünktlich zum beginnenden Bundestagswahlkampf im Frühjahr sein Studium beendet haben wird.
Deutschland ist eine Parteiendemokratie
Diese Beispiele könnten Anlass sein, Max Weber zu bemühen und in die Klage zu verfallen, dass der Bundestag voller Leute sei, die von der Politik lebten, nicht aber für diese. Der Soziologe stellte 1919 fest, dass das deutsche Parlament aufgrund seiner Machtlosigkeit und einer kleinbürgerlichen Führungsfeindschaft keine charismatischen Personen anzieht. Das mag seinerzeit so gewesen sein. Heute ist die jahrzehntelange, überaus erfolgreiche Wirkungsgeschichte seines Vortrages „Politik als Beruf“ letztlich Ausdruck einer idealisierten Parlamentarismusvorstellung der Deutschen - und einer ausgeprägten Parteienskepsis.
Deutschland ist eine Parteiendemokratie. Es sind die Parteien, die das politische Personal hervorbringen - nicht das innovationsfreudige Unternehmertum, nicht die Wissenschaft und auch nicht das anspruchsvolle Beamtentum. Wer sich politisch einsetzen will, muss es in den Parteien tun. Und wer sich entschließt, die Politik zum Beruf zu machen, der erhält in den Parteien und ihren Nachwuchsverbänden seine einschlägige Ausbildung, Legitimation und Kontrolle. Das hat seinen Preis: Die ordentliche Berufsausbildung oder das Studium der Nachwuchspolitiker müssen eher nebenher laufen, Auslandssemester kann man sich nicht leisten, und etwaige Promotionsvorhaben dienen dem Titelgewinn.
Nachwuchspolitiker müssen ständig anwesend sein auf Parteitagen, Vorstandssitzungen und Kongressen - nur so werden sie erkannt und anerkannt, nur so lassen sich Posten in den Gremien absichern, nur so werden sie mit einem Wahlkreismandat oder einer erfolgversprechenden Listenplazierung belohnt. Ein paar Jahre die Partei hintanzustellen, sich anderweitig beruflich einzurichten, um dann in die politische Arena zurückzukehren - das ist oft illusorisch. Der väterliche Rat, erst einmal mit beiden Beinen im eigentlichen Leben zu stehen, bevor man sich in die politische Parallelwelt begibt, ist heute auch von Parteivorsitzenden zu hören, die selbst nur dreieinhalb Fälle vor dem Amtsgericht vertreten haben, bevor sie endgültig in die Politik gingen.
Die Speichen des Rades der Geschichte
Gewiss, diese Art der Personalgewinnung führt zu einer Eintönigkeit derer, die ihre Hände in die Speichen des Rades der Geschichte legen wollen, wie Max Weber sagte. Die Werdegänge der Vorsitzenden der Nachwuchsverbände gleichen sich denn auch auf wenig überraschende Weise. Dass diese sich weltanschaulich dennoch unterscheiden, liegt immer weniger an ihrem gesellschaftlichen Herkommen, sondern daran, dass sie - fast von Kindesbeinen an auf der Suche nach der großen Chance - recht ergebnisoffen den Marktplatz der großen und kleineren Ideologien betreten.
Wer das alles bedauert und einfach nach mehr Quereinsteigern aus Wirtschaft oder Wissenschaft ruft, den ernüchtert ein Blick auf die Bilanzen jener Quereinsteiger, die es in der Bundesrepublik immer wieder gegeben hat: Viele von ihnen sind gescheitert und enttäuscht in ihr früheres Leben zurückgekehrt, zuletzt der Wissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker und schon bald auch der Wissenschaftsmanager Konrad Schily. Gescheitert sind sie nicht am Kartell der Durchschnittspolitiker, sondern am eigenen Politikverständnis. Politik ist eben nicht die erkenntnistheoretische Suche Einzelner nach sachadäquater Problemlösung, sondern das Ringen um zustimmungsfähige Problemminderung. Genau das lernt man auf „Deutschlandtagen“ der Jungen Union und Bundeskongressen der Jusos.
Politik ist längst ein gewöhnlicher Beruf und Broterwerb geworden. Das schließt nicht aus, dass sich auch künftig so manche zur Politik berufen fühlen - und es nur einige tatsächlich sind.