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Kommentar Papst und Politik

12.09.2006 ·  Passend zum Jahrestag der Anschläge vom 11. September hat der Papst einen Ausdruck für die westliche Haltung gefunden: „Zynismus“ - als die fehlende Ehrfurcht vor dem, was anderen etwas gelte.

Von Volker Zastrow
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Der öffentliche Rückblick auf den 11. September 2001 hat sich schon nahezu institutionalisiert. In den Massenmedien verfestigt sich das Datum zu einem Gedenktag; über kurz oder lang wird die Politik folgen. Das Fanal am Beginn des 21. Jahrhunderts wird damit in der westlichen Welt, wie früher in Deutschland der Sedanstag, zu einem Identitätsmerkmal: Das wiederholende Gedenken gleicht einem Akt ideologischer Selbstschöpfung oder -vergewisserung.

Es zeigt uns in einem Krieg, zumindest in einem „Kampf der Kulturen“ - und führt uns tiefer in sie hinein. Beide Begriffe und die dahinterstehenden Meinungen besitzen, so fragwürdig sie auch sein mögen, eine ungeheure geistige Durchsetzungskraft. Der Westen definiert sich damit.

Welt- und zukunftsgestaltende Theorien

Der Beginn des Besuchs von Papst Benedikt in Deutschland fiel mit dem vorweggenommenen Gedenken an die Anschläge vom „11. September“ zusammen. In das mediale „Gedenken“, das immer auch eine Form von Infotainment ist, schob sich störend das Bild einer Kirche, die sich in diesem Zusammenhang seit Jahren anhaltend sowohl dem Begriff des Krieges als auch dem vom Kampf der Kulturen verweigert.

Beides sind nicht etwa nur Wahrnehmungen und Deutungen der Welt, sondern welt- und zukunftsgestaltende Theorien, wenn nicht Ideologien. Und wie alle Ideologien entfalten sie bindende und formende Kräfte. Der Papst verweigert, wie schon sein Vorgänger, mithin die Zustimmung zu einer Politik, die sich unter einen manichäischen Primat (der Terroristenbekämpfung) stellt.

Nichts mehr heilig

Oft hatte schon der Kardinal Ratzinger die Zerstörungskraft des Relativismus beschrieben, nun hat er als Papst einen schärferen Ausdruck für die westliche Haltung gefunden: „Zynismus“ - als die fehlende Ehrfurcht vor dem, was anderen etwas gelte. Der Rest der Welt erschrecke vor einer westlichen „Art von Vernünftigkeit“, der im Grunde nichts mehr heilig ist.

Und ist dieser Zynismus nicht auch die Sicht des Westens auf sich selbst, im Satellitenzeitalter überall auf der Welt nachvollziehbar? Eigentlich ist es kaum eine Frage, ob der Westen nach dem Ende der Blockkonfrontation an geistiger oder gar moralischer Ausstrahlungskraft auf dem Erdball gewonnen hat: Er hat viel davon verloren. Dafür kann man nicht die anderen verantwortlich machen.

Quelle: F.A.Z., 12.09.2006, Nr. 212 / Seite 1
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Jahrgang 1958, verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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