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Kommentar Ohne Müntefering

 ·  Einem weniger geradlinigen Mann als Müntefering hätte man die privaten Gründe dieses Rücktritts nicht abgenommen. Bei allem Respekt - manche in der SPD werden diesen überraschenden Abgang mit einer gewissen Erleichterung aufnehmen. Stefan Dietrich kommentiert.

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Gerade hatte er sich noch zurückgemeldet. Mit ironischem Unterton und kampfeslustig wie eh und je kam Franz Müntefering auf einen Rat zurück, den vor mehr als dreißig Jahren Herbert Wehner dem Bundestagsneuling Müntefering auf den Weg gegeben hatte: Er möge aufpassen, dass sein Idealismus nicht austrockne. „Es ist noch was da“, rief Müntefering auf dem Hamburger Parteitag den Genossen zu, „ich bin noch nicht ausgetrocknet.“

Niemand sollte glauben, er gebe sich geschlagen, weil ihm der Parteivorsitzende Beck vor dem Parteitag in einem wichtigen Punkt, der Verlängerung des Arbeitslosengelds I, eine Niederlage beigebracht hatte. Selbst ein zweiter Misserfolg wie der vom Montagabend, das vorläufige Scheitern einer Einigung über den Mindestlohn, hätte einen Müntefering unter normalen Umständen nie dazu hinreißen können, alles hinzuschmeißen und - wie er selbst es bisweilen verächtlich ausdrückte - „den Lafontaine zu machen“. Einem weniger geradlinigen Mann als ihm hätte man allerdings die privaten Gründe dieses Rücktritts nicht abgenommen.

„Eine Säule der Koalition“

Bei allem Respekt, der ihm nun von Freunden und Gegnern dafür gezollt wird - manche in der SPD werden diesen überraschenden Abgang mit einer gewissen Erleichterung aufnehmen. Müntefering passte schon seit einiger Zeit nicht mehr in die Architektur der SPD. Bezeichnend dafür ist, wie sehr man ihn jetzt als „eine Säule der Koalition“ lobt und wie wenig als einen Eckpfeiler der Sozialdemokratie. Müntefering war der einzige in der SPD-Führung, der sich dem Kurswechsel Becks offen in den Weg stellte. Steinmeier und Steinbrück, die seine Bedenken teilten, gingen in Deckung. Beide gaben ihre Überzeugungen an der Parteitagsgarderobe ab und traten als stellvertretende Vorsitzende ins Glied.

Auch an einem Arbeitsminister Scholz wird der Parteichef nun leichter vorbeikommen als an einem Vizekanzler, der seine Schlüsselstellung machtbewusst zu nutzen verstand. Die Frage ist, ob Beck selbst weiß, wohin er mit dieser SPD will, und ob nicht gerade dieser Vorsitzende einen Widerpart vom Zuschnitt Wehners an der Spitze brauchte. Becks Harmoniestreben hat zwar die Partei fürs Erste befriedet, aber ihre Wählerschaft irritiert. Man wird Müntefering vermissen, wenn eine SPD gebraucht wird, die nicht nur um Zustimmung buhlt, sondern auch zu Überzeugungen steht.

Quelle: F.A.Z., 14.11.2007, Nr. 265 / Seite 1
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