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Kommentar Ohne Augenmaß

20.02.2006 ·  Die Bilder von den toten Schwänen auf Rügen haben eine fast panische Stimmung hervorgerufen, die Insel wird schon als „Todesinsel“ bezeichnet. Es ist kaum noch zu vermitteln, daß es diese Katastrophe überhaupt nicht gibt.

Von Frank Pergande
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Die Vogelgrippe weitet sich unaufhaltsam aus. Sie täte es auch dann, wenn es keine weiteren Fälle infizierter Tiere mehr geben würde. Denn im Fernsehen sind Bilder einer Katastrophe zu sehen. Und eine Boulevardzeitung beschrieb die Insel Rügen, wo das Virus erstmals entdeckt wurde, schon als „Todesinsel“.

Es ist kaum noch zu vermitteln, daß es diese Katastrophe überhaupt nicht gibt. Schon gar keine „Todesinsel“. Die Katastrophe wurde in der langen Reihe der Fernsehübertragungswagen an der Wittower Fähre im Nordwesten der Insel erst produziert. Aber die dort hergestellten Bilder bestimmen nun einmal die Diskussion.

Eine fast panische Stimmung

Daß die Vogelgrippe gefährlich ist, weiß jeder. Daß vor allem die Nutztiere geschützt werden müssen und die Menschen vorsichtig sein sollten, ist ein Allgemeinplatz. Immerhin ist der Ausbruch der Tierseuche im Nordwesten von Rügen sofort erkannt worden. Und schnell ist dort auch reagiert worden. Aber die Bilder von den toten Schwänen, aufgenommen an der Wittower Fähre, haben eine fast panische Stimmung hervorgerufen, und zwar bis in Bundestag und Bundesregierung hinein. Das mag Minister Seehofer (CSU) nicht gemeint haben, als er beim Besuch in Mecklenburg-Vorpommern sagte, es gehe um ein „lokales Geschehen mit globalen Auswirkungen“. Aber es läßt sich mit dem Blick auf die Fernsehbilder kaum besser sagen.

Thomas Mettenleiter, der Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts auf der Insel Riems, der derzeit Abend für Abend die neuen positiven Befunde in seiner ruhigen, vollkommen panikfreien Art nennt und erläutert, hat es so ausgedrückt: „Wir machen Risikobewertungen zu Zugvögeln, die aus Afrika nach Europa fliegen. Dabei geht die größte Gefahr derzeit von den Journalisten aus.“ Mettenleiter dürfte kaum in dem Verdacht stehen, die Lage auf Rügen und möglicherweise bald schon auf dem Festland zu verharmlosen.

Man ahnt, wie es weitergehen wird. In den nächsten Tagen sind Bundeswehrsoldaten auf den Bildschirmen zu sehen. Die Insel Rügen als Feldlager, in dem Soldaten an Seuchenmatten desinfizieren, die eigentlich dazu ausgebildet sind, bakteriologische Waffen zu bekämpfen. Das ist einfach albern. Etwas mehr Augenmaß wäre im Umgang mit der Vogelgrippe angebracht.

Quelle: F.A.Z., 20.02.2006, Nr. 43 / Seite 1
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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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