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Kommentar : Nordkorea – Blick in das Inferno

Nordkorea ist der sonderbarste Staat des Planeten – und ein gefährlicher Spannungsherd. Doch können Donald Trumps Gedankenspiele über eine einseitige (militärische) Aktion schwerlich zu handfesten Ergebnissen führen.

          Nach der Wahl Donald Trumps hat Werner Herzog, ein Kenner und zugleich ein Liebling der Vereinigten Staaten, in einem kurzen Statement das Wahlergebnis erklärt und dabei zugleich Sorgen wegen dieses Präsidenten zerstreut – das traditionsreiche und ausgezeichnet konstruierte Amt sei bedeutender als der Mann, und es werde auch diesen Präsidenten prägen.

          Das ist in den letzten Wochen vielfach erkennbar geworden. So hat Trump die Wichtigkeit der Nato für die amerikanischen Interessen nun doch entdeckt; das rasant verschlechterte Verhältnis zu Russland entspricht dem rücksichtslosen russischen Machtstreben und der Doppelzüngigkeit russischer Diplomatie; und schließlich setzt Trump im Verhältnis zu China, anders als es seine Reden verhießen, auf vernünftige Absprachen statt auf Drohungen und Konfrontation. Dahinter steckt jedoch nicht allein das Amt, das den Präsidenten in vielerlei „checks und balances“ und Kompetenzstrukturen einbindet, sondern auch die Wirkungsmacht der Geopolitik.

          Der befremdlichste Staat des Planeten

          Ein gefährlicher Spannungsherd ist Nordkorea. Seit einigen Tagen droht eine Eskalation – wegen der Atomwaffen Pjöngjangs mit Folgen für die Region, die auszudenken man sich sträubt, auch weil mit China und den Vereinigten Staaten zwei Atommächte in den Konflikt verstrickt wären.

          Nordkorea ist zweifellos das sonderbarste und befremdlichste Staatswesen auf unserem Planeten. Und Werner Herzog konnte dort drehen. In seinem Vulkan-Film „Into the Inferno“ vom letzten Herbst kann man diese nordkoreanischen Szenen sehen, wie stets kommentiert vom Autor selbst. Am besten schaut man sich die amerikanische Fassung an, wegen Herzogs herrlichem englischen Singsang, den manche „hypnotisch“ nennen. Herzog geht jetzt auf die achtzig zu, seine meisterlichen Dokumentarfilme sind von Weisheit durchdrungen.

          Mitunter fragt man sich, warum dieser weitgereiste Filmautor Nebengeschichten, oder was man dafür halten möchte, so viel Raum schenkt. Einfach weil sie ihm begegnet sind? Aber irgendwann kommt man darauf, dass es in diesen Filmen keine Nebengeschichten gibt. Vielleicht auch nicht in Herzogs Denken, vielleicht im ganzen Leben nicht. Herzog lässt den Geschichten und Menschen in seinen Filmen die Zeit, die sie brauchen, sogar zum Schweigen. So ist aus dem Besuch am heiligen Vulkan „Paektusan“ im Dokumentarfilm auch ein Dokumentarfilm über Nordkorea geworden. Ein bestürzender Film im Film, für den derselbe Titel gelten muss: Into the Inferno. Er zeigt allerdings eine kalte Hölle, ein Land, das sich zutiefst verschlossen hat, ausgeschlossen auch im Innersten. Ein Land, das seine Verbindungen gekappt, das Geist und Gesellschaft einer womöglich einmaligen Dressur unterworfen hat. Es schmerzt, das zu sehen; am meisten bei den Aufnahmen, die das Verhalten und die Gesichter der Kinder zeigen. Das ganze Land scheint gefangen in einem selbsttragenden politischen Wahnsystem, auch die Führung. Alles ist von Angst bestimmt.

          Man kann schwerlich von der Hand weisen, dass neben Japan auch Amerika seinen Anteil daran hatte, weil es Anfang der fünfziger Jahre etwa ein Zehntel der nordkoreanischen Zivilbevölkerung mit Napalm verbrannte. Wohl nur der Einfluss der europäischen Bündnispartner (die russische Vergeltung fürchteten) verhinderte damals, dass der Norden der koreanischen Halbinsel auch noch zum atomaren Schlachtfeld gemacht wurde.

          Von Feinden umgeben

          Das heutige Nordkorea sieht sich immer noch von Feinden umgeben. Die letzten Tage haben gezeigt, dass der chinesische Einfluss auf Pjöngjang ebenfalls zurückgegangen ist. Umgekehrt bedroht nun Nordkorea seine Nachbarn mit Atomwaffen, Südkorea und die Hauptstadt Seoul darüber hinaus mit schwerer Artillerie. Auf südkoreanischem Boden sind etwa 30.000 amerikanische Soldaten stationiert. Wie in Europa schaffen sie damit Sicherheit für die Bündnispartner, weil ein Angriff auf diese einem auf die Vereinigten Staaten gleichkäme.

          Umgekehrt gilt aber auch, dass Gedankenspiele über eine einseitige (militärische) Aktion gegen Nordkorea wegen Atomtests, wie sie Trump diese Woche anstellte, schwerlich zu handfesten Ergebnissen führen können. Der bereits angekündigte nordkoreanische Gegenschlag würde Amerika und vor allem seine lokalen Verbündeten selbst überaus hart treffen. Denn dass Kim Jong-un seinen Drohungen Taten folgen ließe, muss man ihm abnehmen.

          Dieses Regime hat nichts zu verlieren, es steht sowieso und immer mit dem Rücken zur Wand. Deshalb können die Vereinigten Staaten keine chirurgischen Militärschläge – wie zuletzt in Syrien und Afghanistan – auf nordkoreanischem Boden ausführen. Zu diesem Ergebnis wird auch Trump finden. Das gewährleistet das Amt. Wenn Werner Herzog recht behält.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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          Quelle: F.A.S.

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