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Kommentar Nicht das Vierte Reich

 ·  Die Demonstrationen gegen Angela Merkel zeigen, wie schnell Europa in alte Denkmuster und Reflexe zurückfallen kann, wenn der Schmierfilm des Einigungsmotors – Wohlstand für alle – abreißt.

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So ist die Bundeskanzlerin noch nirgends empfangen worden: mit militärischen Ehren und mit Hakenkreuzfahnen. Man möge die Proteste nicht überbewerten, hieß es in Athen und Berlin schon, bevor Angela Merkel überhaupt losgeflogen war - an einer noch größeren Belastung des deutsch-griechischen Verhältnisses hat keine der beiden Regierungen Interesse. Frau Merkels Besuch sollte vielmehr eine Geste des guten Willens darstellen und ein Zeichen dafür sein, dass Berlin Griechenland noch nicht abgeschrieben habe.

Ob die leisen Sympathie- und Empathiebekundungen der Kanzlerin das Ohr der Demonstranten erreicht haben, ist freilich fraglich. Am lautstark präsentierten Gemütszustand der Griechen hätten vermutlich allenfalls Gastgeschenke in Milliardenhöhe etwas ändern können. Doch das Handgepäck der Kanzlerin war leer.

Weil der Troika-Bericht noch nicht vorliegt, blieb es auch bei dieser Zusammenkunft bei Absichtserklärungen, anerkennenden Worten und der Aufforderung, noch viel mehr zu tun. Frau Merkel äußerte ihren Wunsch, dass Griechenland in der Eurozone bleibe. Ministerpräsident Samaras bekräftigte, Athen werde alle Zusagen einhalten. Alle Beteiligten wissen indes, dass Griechenland bisher nur einen Bruchteil der Verpflichtungen erfüllt hat, die es eingegangen ist. Es mangelt mitunter sogar noch an den Instrumenten, mit denen die Beschlüsse zum Sparen oder zum Verbessern der Einnahmen ausgeführt werden könnten.

Der Anpassungsdruck wird nicht rasch nachlassen

Vor allem aber wird es immer schwerer, diese Maßnahmen durchzusetzen: Der Anpassungsschock für ein Land, das jahrzehntelang ganz gut auf Pump gelebt hatte, wird so schnell nicht nachlassen. Das von der Kanzlerin beschworene Licht am Ende des Tunnels werden die Griechen jedoch erst dann sehen, wenn sie begreifen, dass nicht das „Vierte Reich“ schuld an ihrer Misere ist.

Die Anti-Merkel-Demonstrationen sollten aber auch den anderen Europäern zu denken geben. Sie zeigen, wie schnell und leicht Europa in alte Denkmuster und Reflexe zurückfallen kann, wenn der Schmierfilm des Einigungsmotors, der Wohlstand, abreißt. Den Griechen geht es inzwischen weit schlechter als den meisten ihrer Gläubiger. Doch auch in den reicheren Geberländern wird die Frage immer lauter gestellt, warum man dauerhaft milliardenschwere „Solidarität“ mit Staaten üben solle, die diese Hilfe mit Verunglimpfung vergelten.

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Jahrgang 1961, Herausgeber.

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