21.06.2004 · Von Jochen Buchsteiner
Seit zweieinhalb Jahren bemüht sich der Westen um die Stabilisierung und den Wiederaufbau Afghanistans. Der Erfolg ist dünn. Die wirtschaftliche Entwicklung kann nur deshalb als "Aufschwung" bezeichnet werden, weil sie bei Null begann. Getragen wird sie von internationalen Hilfsgeldern und vom Opiumgeschäft. Die politische Lage bleibt brüchig. Übergangspräsident Karzai führt eine von Tadschiken beherrschte Regierung, die bei der paschtunischen Mehrheit kein Vertrauen genießt und außerhalb "Kabulistans" wenig Einfluß hat. Daß sie sichtbar von Amerika im Amt gehalten wird, trägt zu ihrem Ansehen nicht bei. Trotz offizieller Beteuerungen glauben die wenigsten in Kabul, daß die schon einmal verschobenen ersten freien Wahlen wie angekündigt im September abgehalten werden können.
Die vergangenen zwei Wochen haben ermessen lassen, wie es um die Sicherheit am Hindukusch bestellt ist. Die Angriffe islamistischer Extremisten im Südosten des Landes weiten sich aus. Gleich zweimal war der vermeintlich ruhige Norden Schauplatz von Verbrechen. Erst metzelten Terroristen - wahrscheinlich Rebellen des Islamisten Hekmatyar - elf chinesische Aufbauarbeiter und einen afghanischen Wächter im Schlaf nieder, dann sprengten Unbekannte ein Fahrzeug der Bundeswehr in die Luft; daß der Anschlag Einheimische traf und keine deutschen Soldaten, war Zufall.
Erste Spuren von Resignation sind nicht zu übersehen. Großbritannien, dem im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung der Kampf gegen den Rauschgiftanbau angetragen wurde, hat seine Arbeit weitgehend eingestellt. Die Niederlande, die noch im letzten Jahr den Oberbefehl der Isaf-Schutztruppe mit Deutschland geteilt hatten, wollen nicht mehr an ihre Zusage erinnert werden, ein neues gemeinsames Unternehmen in Faisabad einzugehen. Auch in Deutschland schwindet die Unterstützung.
Da die jüngsten Gewalttaten in der Nähe des Bundeswehr-Außenpostens in Kunduz stattfanden, stellen Außen- und Verteidigungspolitiker aller Parteien das sogenannte "PRT-Konzept" in Frage, mit dem "Regionale Wiederaufbauteams" das Land von den Rändern her stabilisieren sollen. Hinter dieser Fachdiskussion verbirgt sich eine tiefe Verunsicherung. Auch wenn kaum jemand darüber reden mag: Der deutsche Einsatz als Ganzes steht in Frage.
Eine Auseinandersetzung über das Für und Wider des Einsatzes kann durchaus nutzen. Die Berliner Entscheidung, sich des Falles Afghanistan anzunehmen, war erstaunlich schnell getroffen worden. Sie stand nicht am Ende einer Grundsatzdebatte über deutsche Interessen in Zentralasien, sondern unter dem Eindruck der Terroranschläge vom 11. September 2001 in Amerika. Danach wurde der Afghanistan-Einsatz rasch zur Geißel der deutschen Irak-Politik. Da er Schröder und Fischer von militärischer Hilfe am Golf zu entbinden schien, zeigte Berlin wenig Neigung, an ihm zu zweifeln.
Eine breite Diskussion über die "Struck-Doktrin", der zufolge die Sicherheit Deutschlands auch am Hindukusch verteidigt wird, kann helfen, die deutsche Präsenz auf ein festeres, weil durchdachtes Fundament zu stellen. Die Skeptiker, welche die Verfolgung deutscher Interessen gerne an den Außengrenzen Europas beendet sähen, wären gezwungen, zu erklären, wie das Land auf die Herausforderungen der internationalen Politik antworten soll. Umgekehrt hätten die Befürworter von "out of area"-Einsätzen Gelegenheit, ihre strategischen Perspektiven darzulegen.
Nicht strittig dürfte mittlerweile sein, daß der internationale Terrorismus nicht nur auf Amerika zielt; spätestens seit dem Anschlag in Madrid ist die Gefahr für Europa offenkundig. Kein Zweifel besteht auch, daß Zentralasien, insbesondere Afghanistan und Pakistan, zu den Brutstellen des islamischen Extremismus zählen. Die verbliebenen Kommandozellen der Al Qaida um Usama Bin Ladin operieren - nach allem, was man weiß - noch immer aus dem sogenannten Paschtunengürtel im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet.
Den "Anti-Terror-Kampf" in dieser Weltgegend den Amerikanern zu überlassen kann nur denen verführerisch erscheinen, die den Globus als strukturell friedlichen Ort mit gewissen Ausreißern wahrnehmen. Wer die Welt sieht, wie sie ist, entdeckt hingegen durchaus elementare Bedrohungen, deren Epizentren beunruhigend nah an Europa sind. Die ruchlosen Händler von Nuklearmaterial und die interessierten Terroristen islamistischer Provenienz verkehren vor der europäischen Haustür, nicht vor der amerikanischen.
Zur Risikoabwägung gehört die Berücksichtigung des Schadens, der entsteht, wenn sich Deutsche und Europäer kein eigenes Bild mehr von den Orten der Bedrohung machen können. Die (nicht nur nachrichtendienstliche, sondern politische und wirtschaftliche) Bedeutung verläßlicher Informationen aus einer unberechenbaren Nachbarschaft wird bislang unterschätzt wie auch die langfristige Wirkungsmöglichkeit der Anwesenheit in Asien.
Die begrenzte militärische Fähigkeit Europas ist das eine, das eingeschränkte politische Geschick Amerikas das andere: Nicht nur im Nahen und Mittleren Osten, in ganz Asien beklagen die regierenden, meist dem Westen zugeneigten Eliten die Belastung durch die Regierung Bush. Insbesondere das Vorgehen Washingtons im Irak und in Israel erschwert ihnen den Versuch, gegen die Islamisten im eigenen Land vorzugehen.
Europa genießt zwischen Islamabad und Jakarta einen besseren Ruf. Mit seinen historischen Beziehungen zur Region, seiner multilateralen Tradition und seiner stärker auf Ausgleich zielenden Politik kann die sowohl nach klassischer als auch nach Rumsfeldscher Definition "alte Welt" in Asien manches voranbringen, was Washington versagt bleibt. Dies könnte im eigenen Interesse liegen, aber auch dem Interesse Amerikas und damit dem westlichen Zusammenhalt dienen. Geduld und Zähigkeit gehören allerdings dazu, auch Rückschläge.