Gibt es in Deutschland ausreichend Mittel für die Erforschung des Botenmoleküls RNS, das Biologen neuerdings so wichtig finden wie das Erbmolekül DNS und als Schlüssel zu neuen Gen-Therapien ansehen? Warum sind die vom Staat mit erheblichen Mitteln geförderten deutschen Geisteswissenschaftler im Gegensatz zu ihren amerikanischen Kollegen nicht in der Lage, die Erkenntnisse der Hirnforschung ernsthaft aufzugreifen? Braucht Deutschland, wie der Jahrhundertbiologe James Watson meint, wenigstens ein großes Gensequenzierzentrum, von denen Amerika vier hat, oder eine "Biobank" mit Gen- und Gesundheitsdaten der Bevölkerung, wie sie in Großbritannien entsteht? Warum baut der Pharmariese Novartis sein biomedizinisches Forschungsflaggschiff in Boston und nicht in Berlin?
Fragen über Fragen zur Biologie und zur Gentechnologie in Deutschland, die zweierlei gemeinsam haben: Mit embryonalen Stammzellen haben sie nichts zu tun. Und der Bundeskanzler hat sich in den vergangenen Jahren schlichtweg nicht für sie interessiert. "Ohne Scheuklappen": Mit dieser Redewendung ist Schröder am 22. Dezember 2000 mit einem Namensbeitrag in der damals noch existenten Zeitung "Die Woche" in die sogenannte Biodebatte eingestiegen. Doch er selbst hat die Scheuklappen nie abgelegt. Schröder starrt auf einen Punkt: die Frage, ob man zur Gewebezucht ausgerechnet menschliche Embryonen benutzen soll. Der Embryo ist eine Chiffre für das, was der Kanzler fälschlicherweise unter Modernität versteht.
Die eigentlichen Aufgaben der Forschungspolitik bleiben im Kanzleramt deshalb seit Jahren unerledigt liegen, das zuständige Ministerium wurde sträflich vernachlässigt. Schröders Verengung ist so bizarr, als würde er die gesamten Herausforderungen, die der demographische Wandel, das Rentensystem und der Arbeitsmarkt bergen, auf die ethische Erörterung der Sterbehilfe reduzieren. Für die Bioethik und die Rechtspolitik ist die Embryonenfrage natürlich von hoher Bedeutung, weshalb die Auseinandersetzung auch so tiefgründig und ausdauernd geführt werden mußte. Doch wer sich der Bio- und Gentechnologie von der Perspektive der Innovations- und Forschungspolitik aus nähert, kann sich Wichtigerem zuwenden.
Für Entwicklungsbiologie und Gewebezucht stehen dank gesetzlicher Vorkehrungen mehr Stammzellinien zur Verfügung, als selbst die Deutsche Forschungsgemeinschaft zu hoffen wagte, als sie im Mai 2001 in einem Memorandum den Zugang deutscher Forscher zu embryonalen Stammzellen forderte. Auf lange Zeit können alle wichtigen Fragen mit diesen und mit tierischen Zellen geklärt werden. Es gibt gutbegründete Hoffnung, daß die kreative Wissenschaft für den Einsatz am Patienten Gewebe zu züchten lernt, ohne dafür Embryonen zu töten.
Niemand kann ernsthaft die Bedeutung der regenerativen Medizin leugnen, gerade angesichts des demographischen Wandels und der damit einhergehenden Zunahme degenerativer Erkrankungen aller Art, die mit Stammzellen vielleicht gelindert oder gar geheilt werden können. Wie wäre es dann, wenn die so stammzellversessene Bundesregierung mehr als lächerliche drei Millionen Euro jährlich für die Stammzellforschung ausgäbe, wo doch in Italien, Australien, Amerika und China riesige Forschungszentren für regenerative Medizin entstehen?
Für den Kanzler ist der ständige Rekurs auf die embryonalen Stammzellen nicht mehr als eine bequeme Abkürzung, ein PR-Gag. Das ist unwürdig, bequemlich, ja faul, was ihm weder die eigene Koalition noch die Opposition durchgehen lassen sollte - und die Wissenschaft, der eine neuerliche Embryonendebatte mehr schaden als nutzen würde, erst recht nicht. Jetzt ist die Zeit gekommen, um dem Kanzler vorzubuchstabieren, was not tut.
Einige konkrete Beispiele: Die Max-Planck-Gesellschaft hat soeben die wissenschaftliche Planung für ein neuartiges "Institut für Alternsforschung" abgeschlossen, das die molekularen Prozesse der Alterung klären und damit einen der wichtigsten gesellschaftlichen Prozesse verstehen helfen soll. Weil in Deutschland die Mittel fehlen, überlegt man nun, sich in Richtung Schweiz zu orientieren. Den Kanzler sollte dies interessieren. In Dresden hat eine Forscherin soeben versucht, gentechnisch veränderte Apfelbäume anzupflanzen, die gegen Apfelkrankheiten resistent sind. Schröders Verbraucherministerin Künast hat den Versuch untersagt, nur weil es vor Ort eine kleine Bürgerinitiative gibt. Sieht so Innovationspolitik aus?
In Berlin und seinem Umland ist in den vergangenen zehn Jahren ein phantastisches Netz der universitären und kommerziellen Genforschung entstanden, das Mitte Januar in einem "Zentrum für funktionelle Genomik" offiziell gebündelt wird. Hat man des Kanzlers Einspruch gehört, als der SPD-geführte Berliner Senat beschloß, den unzähligen Landesbeamten eine Beschäftigungsgarantie zu geben, aber mit der Wissenschaft die Lebensquelle der Stadt zu schröpfen? Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit, ist in Deutschland eine Nano- und Nanobiotechnologieszene der Spitzenklasse entstanden. Doch Japan und Amerika investieren mehr und besser. Hat Schröder sich dafür eingesetzt, daß Milliardenbeträge statt in nordrhein-westfälische Makrolöcher künftig in zukunftsweisende Nanostrukturen fließen werden?
Im "Jahr der Innovation", das der Kanzler ausgerufen hat, gibt es für ihn viel zu tun: Er könnte durch weitere Sozialreformen Mittel für avantgardistische Felder wie die RNS-Forschung und für Gensequenzierzentren mobilisieren. Er könnte die Bevölkerung mit der Sinnhaftigkeit von Biobanken und der Bedeutung der Nanotechnologie vertraut machen und den wissenschaftlichen Nachwuchs so pflegen, daß die natürliche Wahl für das nächste Pharmaforschungszentrum auf Deutschland fällt. Wiederholte Debatten um Embryonenschutz würden davon nur ablenken.