28.11.2007 · Die deutschen Grundschulen haben sich enorm weiterentwickelt, wie die Iglu-Studie zeigt. Offensichtlich hat der Pisa-Schock gewirkt. Jedoch haben sich soziale Ungleichheiten weiter verschärft. Nicht eine Einheitsschule hilft, sondern nur gezielte und unvoreingenommene Förderung.
Von Heike SchmollDie internationale Iglu-Studie zur Lesefähigkeit der Viertklässler zeigt, dass sich die deutschen Grundschulen seit den neunziger Jahren enorm weiterentwickelt haben. Deutschland nimmt inzwischen eine Spitzenstellung in Europa ein und hat Schweden beim Lesen überholt. Die internationalen Ranglisten verfälschen das Ergebnis in unzulässiger Weise, weil die meisten Länder zwischen sieben und acht Prozent der Schüler vom Test ausgeschlossen haben, in Deutschland waren es nur 0,7 Prozent.
Erfreulich ist vor allem, dass die Jungen beim Lesen aufgeholt haben, weil die Lehrerinnen in der Grundschule bei der Textauswahl deren Interessen stärker berücksichtigt haben. Es ist erfreulich, dass die Leistungsunterschiede zwischen der schwächsten und der stärksten Schülergruppe sich so verringerten. Offenbar hat der Pisa-Schock als Initialzündung für gezielte Veränderungen im Schulsystem gewirkt.
Die Grundschullehrer leisten gute Arbeit
Allerdings haben sich durch den wachsenden Druck zu höheren Bildungsabschlüssen auch die sozialen Ungleichheiten verschärft. Es ist bedenklich, dass ein Kind aus gebildeten Schichten auch bei schwächerer Leistung größere Chancen auf das Abitur hat als ein Kind, das genauso gute oder bessere Leistungen zeigt, aber aus bildungsfernen Schichten oder aus ausländischen Familien stammt. Durch eine Einheitsschule lässt sich diese Schwierigkeit nicht beheben, sondern nur durch eine gezielte und unvoreingenommene Förderung der leistungsstarken Kinder in allen Bevölkerungsschichten.
Die schwach ausgeprägte Spitzengruppe in Deutschland zeigt, dass der Mut zur Elitenförderung bei gleichzeitiger Unterstützung der Schwächsten fehlt. Für solche spät entdeckten oder unzutreffend eingeschätzten Kinder muss das Schulsystem noch durchlässiger werden. Durch eine Verlängerung der Grundschulzeit ist nichts gewonnen, wohl aber durch leichtere Übergänge etwa an berufsbildende Gymnasien.
Die Grundschullehrer leisten gute Arbeit. Nun geht es darum, auch in den fünften Klassen der weiterbildenden Schulen fächerübergreifend das Lesen zu trainieren und die Lehrer darauf auch vorzubereiten. Deutschland kann es sich nicht leisten, etwa 25 Prozent einer Altersgruppe auf dem Leistungsstand des vierten Schuljahrs zu belassen und von einem erfolgreichen Berufsleben auszuschließen. Der so entstehende soziale Sprengsatz droht ungeahnte Ausmaße anzunehmen.
Quantität geht wieder vor Qualität
carsten jung (cjung)
- 29.11.2007, 12:13 Uhr
Heike Schmoll Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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