03.01.2006 · Der Wunsch, staatliche Fesseln abzustreifen, ist in Deutschland zu einem Mantra politischer Modernisierung geworden. Die Katastrophe von Bad Reichenhall könnte diesen Glauben an die befreiende Kraft der Entbürokratisierung erschüttern.
Kontrolle ist gut, Freiheit ist besser. Der Wunsch, staatliche Fesseln abzustreifen, ist in Deutschland zu einem Mantra politischer Modernisierung geworden. Die Katastrophe von Bad Reichenhall könnte diesen Glauben an die befreiende Kraft der Entbürokratisierung erschüttern. Denn unabhängig davon, wen im einzelnen die Schuld trifft für den verheerenden Einsturz, lassen sich Versäumnisse erkennen, wie man sie im vermeintlich überregulierten Deutschland nicht erwartet hätte.
So mögen die Bauvorschriften, über deren enge Auslegung so mancher Bauherr klagt, eingehalten worden sein. So werden auch hier die Bauingenieure auf dem besten Stand der Technik von 1970 gearbeitet haben, als die Materialien und die Leimbautechnik noch nicht so gut waren wie heute, aber die handwerkliche Verarbeitung in der Regel besser. Die Zeichnungen und statischen Berechnungen werden von Prüfingenieuren, wenn auch nur in der Planungsphase, genau kontrolliert worden sein. Wir wären nicht in Deutschland, wenn die DIN-Norm 1055 nicht präzise festhielte, welche Schneelast auf ein Dach drücken darf. Aber wenn der Bau vollendet ist, schmückt er die Gemeinde oder das Unternehmen - und geht auch in deren Verantwortung über.
Die Kontrolle übernimmt dann der Bauherr. Und spätestens hier beginnen die Schwierigkeiten. Regelmäßige verbindliche Überprüfungen gibt es dann nur noch bei Brücken. Hallen und Hochhäuser werden in Deutschland seltener auf ihre Standsicherheit kontrolliert als Autos und Mopeds auf ihre Fahrtüchtigkeit. Die im Zuge von Sparmaßnahmen oft personell ausgedünnten Bauaufsichtsbehörden kommen nicht nach mit den Kontrollen. Leider ist es nicht gängige Praxis, daß der Bauherr Sachverständige zur Sicherheit auf die Gebäude schauen läßt.
Man kann nicht alles überprüfen. Aber daß Bauvorhaben "im vereinfachten Genehmigungsverfahren" durch die Kontrollen geschmuggelt werden, daß Betonkonstruktionen drei Jahrzehnte der Witterung ausgesetzt sind und niemand es sieht - das müßte sich ändern. Immerhin hat die Katastrophe so manch säumigen Bauherrn aufgeweckt: Gemeinden, Städte und Landratsämter werden nun mit neuem Blick auf ihre alten Gebäude schauen. Und Hausmeister werden in Zukunft eher warnen, wenn sich Träger verformen oder wenn es im Gebälk knistert.