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Kommentar Kant, Kritik und Königsberg

Von Lorenz Jäger

Kants Bedeutung in der philosophischen Welt unterliegt keinen Konjunkturen mehr. Wie für Shakespeare oder für Mozart, so gilt auch für den Königsberger Philosophen, daß sein Rang außer Zweifel steht, daß er sogar für alles andere zum Maßstab geworden ist. Ein Philosoph ist jemand, so hat es Richard Rorty kürzlich formuliert, der sich mit Platon und Kant auseinandergesetzt hat. Diese Schlüsselstellung unterscheidet Kant von den Denkern, die unmittelbar auf ihn folgten und denen er einen neuen Kontinent eröffnet hatte: von Fichte, Schelling und Hegel. Wenn ein Philosoph nicht mehr umstritten ist, ist aber auch das Ende seiner unmittelbaren Wirkung gekommen. Eine Renaissance, wie sie vor hundert Jahren der Neukantianismus versuchte, der noch einmal mit Kant die neuzeitlichen Wissenschaften begreifen wollte, steht nicht mehr ins Haus. Die Wissenschaftstheorie ist seither andere Wege gegangen; Letztbegründungen von Forschungsergebnissen, die Kant vorschwebten, haben wohl auf immer ausgespielt. Noch immer vorbildlich wird man den Stil seiner Schriften nennen: lauter in der Argumentation, zuweilen durchaus umständlich, aber niemals gewollt dunkel oder orakelnd.

Was also ist vom Kant-Jahr zu hoffen, das sich um den zweihundertsten Todestag Kants am 12. Februar 2004 mit Kongressen und Publikationen gruppieren wird? Zunächst aktuelle Antworten auf die Kantische Frage "Was ist Aufklärung?". Doch dabei gilt es, diese Vorschläge genau und kritisch zu prüfen. Gewiß: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. So hat es Kant formuliert. Zu erwarten ist aber mehr und durchaus Fragwürdigeres. Schon jetzt ist vorauszusagen, daß dieses oder jenes politisch zeitgemäße Anliegen, sei es hier das Abhängen von Kreuzen oder dort die multikulturelle Toleranz, als zwingende, verpflichtende Erbschaft der Aufklärung verkündet wird. Mit dem Namen Kant wird die Nobilitierung von maßlosen Ansprüchen der Vernunft verbunden sein, gegen die sein kritisches Werk gerade gerichtet war. Tatsächlich nämlich müßte sich eine an Kant orientierte Haltung eher darum bemühen, die Skepsis gegenüber der Reichweite von Vernunftkonstruktionen zu schärfen und sich ihrer Grenzen bewußt zu werden.

Keine Gefahr droht dagegen von einer nationalistischen Vereinnahmung des Denkers in das stolze Pantheon deutscher Dichter und Denker. Ausgerechnet der junge Bertolt Brecht, der später auch mit dem Lob anderer GroßHerrscher nicht gerade zurückhaltend war, hatte bei Kriegsausbruch ein Gedicht auf Wilhelm II. geschrieben, in dem man die Zeilen "König des Lands / Immanuel Kants" als Rechtfertigung der Kriegsziele fand.

Kants Werk steht im Zeichen der Kritik. Drei Bücher dieses Titels hat er geschrieben: Die "Kritik der reinen Vernunft", die der praktischen Vernunft und die der Urteilskraft. Freiheit und Kritikfähigkeit haben in Europa eine mehr als tausendjährige Bildungsgeschichte. Die feine, immer wieder umkämpfte Balance von Institutionen, von Kaiser und Papst, Bürgertum und Adel, war es, in der Europa zu sich und zur geistigen Unterscheidung fand. Wer sich diesen mühevollen Weg vergegenwärtigt, wird zur Vorsicht neigen gegenüber den optimistischen Versuchen, in fremden Weltgegenden binnen weniger Jahre zu "implementieren", was auf der Grundlage vielfältiger Voraussetzungen über lange Zeit gewachsen ist. Geschichtsfremdheit ist noch kein Ausweis des aufgeklärten Menschen.

Kaum eine Stadt verdeutlicht den sozialgeschichtlichen Vorlauf, den Freiheit und Aufklärung in Europa hatten, so sehr wie Königsberg, Kants Heimat, die er nie verließ. Unter den Wünschen für das Kant-Jahr wäre deshalb der erste: eine Geistesgeschichte dieser Stadt von der Gründung durch den Deutschen Orden bis zu ihrer Vernichtung im Jahr 1945. Wir brauchen eine Geschichte Königsbergs, die uns den Sprachdenker Johann Georg Hamann, Kants rätselhaften Antipoden, ebenso schildert wie den Barocklyriker Simon Dach und die anderen Königsberger Dichter, die Romantiker E. T. A. Hoffmann und Eichendorff - der "Taugenichts" wurde in Königsberg geschrieben - und Rudolf Borchardt, den Mathematiker David Hilbert, auch Käthe Kollwitz. Aber wir brauchen mehr als ein erbauliches Leporello-Heft der großen Königsberger Namen. Wir brauchen eine Untersuchung, die uns erklärt, warum gerade hier der Gedanke von Freiheit und Kritik formuliert werden konnte.

Alles deutet darauf hin, daß dieser Wunsch von dem Literaturwissenschaftler Jürgen Manthey erfüllt werden wird, der in diesen Wochen ein umfangreiches Buch zur Königsberger Stadtgeschichte abschließt. Das Bild, das Manthey zeichnet, ist alles andere als eine Apologie des "preußischen Militarismus": Königsberg galt vielmehr als die "Hauptstadt der Kritik". Hier, am östlichen Rand Deutschlands, forderte man Freiheitsrechte, und Kant war es, der ihnen den präzisen Ausdruck gab, der eine andere als die absolutistische Monarchie für möglich hielt. Ein preußischer König des neunzehnten Jahrhunderts beklagte deshalb den "ewigen Oppositionsgeist", der ihm aus Königsberg entgegenwehe. Und der Schriftsteller Felix Dahn, durch seinen unverächtlichen Schmöker "Ein Kampf um Rom" auch heute bekannt, erzählt in seinen Lebenserinnerungen, Kritik gelte unter den Königsbergern geradezu als die "oberste Tugend". Mantheys Darstellung zeigt, wie sehr der Ortsgeist dem Unternehmen Kants günstig war. Das Ende der Stadt im Jahr 1945 kann man nur mit der Auslöschung Trojas oder Karthagos vergleichen. Es war das zweifache Unrecht, das sich hier ineinander verbissen hatte. Was ist Königsberg? Zunächst und vor allem: vorbei. Wiederkommen wird nichts. Den Deutschen bleibt die Erinnerung. In Abwandlung des Brecht-Verses und mit aller Bescheidenheit können sie sagen, sie seien "Bürger des Lands / Immanuel Kants".

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.01.2004, Nr. 1 / Seite 1

 
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