Der Irak hat gewählt. Noch vor kurzem hatten viele das nicht für möglich gehalten und vermutet, der Termin werde angesichts der fortdauernden Gewalt verschoben. Angesichts der vierzig Terror-Toten, die auch am Wahltag zu beklagen waren, spricht die geschätzte Wahlbeteiligung von etwa sechzig Prozent für den Mut der Iraker. Jetzt können ein nationales Parlament gebildet und eine Verfassung ausgearbeitet werden. Kurdistan wird ein Regionalparlament erhalten.
Daß sich so viele in die Wahllokale trauten, widerlegt auch Weisheiten wie: Die Araber oder die Muslime haben überhaupt kein Interesse an der Demokratie. Sie haben es sehr wohl. Etwas anderes sind traditionelle Strukturen, altehrwürdige, für altehrwürdig gehaltene oder (v)erklärte, versteinerte religiöse und politische Traditionen, die nicht so einfach über Bord zu werfen sind. Sie werden von den jeweiligen "starken Männern", oft genug Autokraten, im Sinne ihres Machterhalts benutzt; bisweilen sogar, wie bei Saddam Hussein, im Dienste einer weltlichen Herrschaft. Hinzu kommen Fundamentalisten, Islamisten, Dschihadisten, die immer noch die Demokratie für ein Werk des "großen Satans" in Washington halten, der den Menschen ihre Religion, den Islam, austreiben wolle.
Freilich war die Wahl nur ein erster Schritt, denn mit einer funktionierenden Demokratie hat man im Irak ebensowenig Erfahrungen wie in anderen Ländern der Region - bis hinein in die Mentalitäten, die zunächst auf die Herrschaft und Machtausübung der eigenen Konfession oder des eigenen Clans festgelegt sind. Daß man in der arabischen Nachbarschaft des Iraks die Wahl, wie es hieß, "mit Sorge" beobachtete, kann man durchaus doppelsinnig deuten: als Furcht vor dem unbekannten Neuen, aber auch als Furcht so manches arabischen Diktators, die jetzt dank der entschlossenen irakischen Wähler so unerwartet kraftvoll sprießenden demokratischen Keimlinge im Irak könnten bald doch Ableger in der Region plazieren.
Ein Sieg ist die Wahl auch für den irakischen Ministerpräsidenten Ijad Allawi. Dieser nicht besonders beliebte Mann, der wie alle aus dem langen Exil heimgekehrten führenden Iraker eine nicht unproblematische Vergangenheit hat, ist fest geblieben und verschloß sich - trotz hoher persönlicher Gefährdung - von Beginn an dem Wunsch, dem Druck der Terroristen nachzugeben und die Wahlen aufzuschieben. Es nähme nicht wunder, wenn die "Irakische Liste", zu der seine Partei "Irakische Nationale Eintracht" gehört, hinter der Allianz der Schiiten auf dem zweiten Platz einkäme. Allawi ist ein säkularisierter Schiit.
Daß sich die arabischen Sunniten im Unterschied zu den Kurden, die auch Sunniten sind, der Wahl teilweise verweigerten, wird nun - neben dem wohl andauernden Terrorismus - das größte Problem einer politischen Neuordnung sein. So enthusiastisch sich die bisher unterdrückten Schiiten und die Kurden offenbar an der Abstimmung beteiligten, so sehr folgten die arabischen Sunniten, etwa ein Fünftel der Gesamtbevölkerung, offenkundig den Boykottaufrufen ihrer politischen Führer und religiösen Prediger, wenn auch weniger als zunächst befürchtet. Hintergrund war der so gut wie sichere Machtverlust angesichts der schiitischen Bevölkerungsmehrheit von annähernd sechzig Prozent. Seit 1921, und zuletzt unter Saddam, hatten die arabischen Sunniten den Irak beherrscht. Damals hatten sich die Schiiten aus Enttäuschung über ihre Hintansetzung durch ihre arabischen Brüder und durch die britische Kolonialmacht weitgehend zurückgezogen. Ihr Hang zu einem gewissen mystischen Quietismus hatte ihnen das über Jahrzehnte hinweg erleichtert.
Diesen Quietismus kennen die Sunniten aber nicht. Sie werden Widerstand leisten, es sei denn, die neue Regierung bemüht sich um sie. An sich könnte man es dabei belassen, daß jemand eben leer ausgeht, der Wahlen boykottiert. Doch so einfach ist die Sache nicht. Wer verfolgt hat, wie bestialisch die Dschihadisten Zarqawis im sunnitischen Dreieck hausen, versteht, daß unter den arabischen Sunniten die Todesangst angesichts der Drohungen noch weitaus größer war als beim Rest der tapferen irakischen Bevölkerung. Die Wahlsieger müssen sich in den kommenden Wochen Schritte überlegen, die geeignet sind, Vertrauen bei jenen Sunniten zu schaffen, die jetzt aus insgesamt vielschichtigen Motiven ihre Stimmabgabe verweigert haben, jedoch für eine Mitarbeit zu gewinnen wären. Präsident Ghazi al Jawar, ein sunnitischer Stammesführer, wird da gefragter sein als bisher.
Einen Zarqawi und seine Fanatiker wird man nicht belehren können. Doch wenn es gelingt, den so beeindruckenden Schwung der Wahl in einen zügigen Aufbau funktionierender politischer Strukturen umzumünzen, besteht wenigstens die Chance auf eine gewisse Konsolidierung der Verhältnisse. Es bedeutet schon etwas, daß der Irak in der Zeit nach dem Krieg nicht, wie manche auch vorhergesagt hatten, in drei Teile auseinandergefallen ist und es bis zu dieser Wahl geschafft hat. Die Amerikaner werden mindestens noch eineinhalb Jahre bleiben, was den meisten Irakern mißfällt, wozu es aber keine realistische Alternative gibt.
Es ist wahr: Diese Wahl war nur möglich, weil Washington den Despoten stürzte. Doch damit erschöpft sich schon die amerikanische Wahrheit. "Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen", könnte man mit Goethe über eine komplexe Wirklichkeit sagen, so auch Wahlen nach einem gewaltsamen Umsturz ("regime change") von außen. Daß Präsident George W. Bush, dessen Kriegsgründe sich im Wüstensand aufgelöst haben, nun ob der einigermaßen gelungenen Wahl frohlockt, ist verständlich. Doch wer wollte, daß seine Handlungsweise zur allgemein akzeptierten Maxime und Methode würde? Die von der Weltmacht Amerika praktizierte und verteidigte Strategie, durch einen Angriffskrieg aus eigener Machtvollkommenheit zur Besserung der Welt beizutragen, wird auch durch diese Wahlen nicht gerechtfertigt.