06.07.2007 · An diesem Samstag wird im Vatikan ein Dokument veröffentlicht , das allen Priestern erlaubt, die Messe wieder nach dem zuletzt im Jahr 1962 reformierten „römischen“ Ritus zu feiern. Die Bischöfe haben die Symbolkraft der Liturgie unterschätzt. Daniel Deckers kommentiert.
Von Daniel DeckersGeschichte wiederholt sich nicht. Aber in der Geschichte sind immer gleiche menschliche Kräfte am Werk, die hinter einmaligen Ereignissen eine gewisse Regelhaftigkeit, ja Wiederholungsstrukturen aufscheinen lassen. Hatte nicht schon die Reformation im 16. Jahrhundert revolutionäre Kräfte entfesselt, deren Dynamik nicht zu einer Rückkehr zu den Ursprüngen des Christentums führte, sondern zu einem bilderstürmerischen Bruch mit vielem, was der Christenheit über Jahrhunderte heilig war? Die katholischen Bischöfe hätten also gewarnt sein müssen, als sie im Herbst 1962, gleich zum Auftakt des Zweiten Vatikanischen Konzils, einer tiefgreifenden Reform der Liturgie der römisch-katholischen Kirche den Weg bereiteten.
Gewiss hatten die Bischöfe die besten Absichten: Seelenlose Unterwerfung der Priester unter „Rubriken“ und teilnahmslose Anwesenheit der Gläubigen bei der Feier des Mysteriums sollten der Vergangenheit angehören, die neuen Riten den Glanz edler Einfachheit verströmen. Der Gottesdienst sollte der Fassungskraft der Gläubigen angepasst, die Begegnung mit der Heilsbotschaft in Wort und Sakrament durch die durchgängige Verwendung der Muttersprache erleichtert werden. Doch unterschätzten sie die Wirkung ihres Tuns und die Symbolkraft dessen, was sie zu ändern sich anschickten.
In der Praxis zeigte sich schon bald, dass von behutsamen Veränderungen nicht die Rede sein konnte, denn die „römische“ Liturgie war nur eine, aber die symbolträchtigste der Bastionen, deren Schleifung als notwendige Anpassung der Kirche an die Welt von heute angesehen wurde. So lesen die Traditionalisten in der Gefolgschaft des französischen Erzbischofs Lefebvre das Verbot des alten Ritus bis heute als Bruch mit der Tradition der Kirche, den das Konzil auch auf anderen Feldern befördert habe. Für sie symbolisiert das Festhalten am alten Ritus die „Wahrheit“ ihres Weges, für die sie die Strafe der Exkommunikation auf sich genommen haben.
Einen unheilvollen Bruch in der Liturgiegeschichte beklagen aber bis heute auch viele, die den Reformanliegen des Konzils im Grunde positiv gegenüberstanden und -stehen. Ihr Kronzeuge ist seit den siebziger Jahren Joseph Ratzinger, damals Theologieprofessor in Regensburg, mittlerweile als Papst Benedikt XVI. geistliches Oberhaupt der mehr als eine Milliarde Menschen zählenden römisch-katholischen Christenheit. Ratzinger erkannte schon früh, dass Absicht und Wirkung der konziliaren und nachkonziliaren Reform auseinanderfielen. Die angestrebte radikale Vereinfachung mündete in die weitgehende Auflösung des Ritus.
Zwei Elemente der Liturgiereform schienen Ratzinger diese Entwicklung befördert zu haben: die Umkehrung der Zelebrationsrichtung des Priesters hin zum Volk, in der er einen Klerikalisierungsschub sondergleichen erkannte, und eine dem Zeitgeist des Jahres 1968 geschuldete Mentalität der „Demokratisierung“ der Kirche, die vor einer Zerstörung der Liturgie aus dem Geist der „Kreativität“ der mündigen Gemeinde nicht haltmachte.
Der Augenschein gibt Joseph Ratzinger recht. Mittlerweile singen zwei Generationen von Katholiken von hektographierten Zetteln neue Lieder, deren sprachliche Banalität und musikalische Abgeschmacktheit auf das Niveau volkstümlicher Schlager abgesackt ist. Sogenannte Familiengottesdienste zeichnen sich dadurch aus, dass Märchen aus Irland die Lesung aus der Bibel ersetzen. Wer sich diesen Formen der Selbstverweltlichung der Kirche verweigert, gilt inzwischen als reaktionär und „vorkonziliar“, selbst wenn er nur darauf dringt, dass die Liturgie der Kirche ebenso wenig ein Übungsobjekt für klerikale Heimwerker sein sollte wie der Altarraum die Bühne, auf der verunsicherte Priester, auf Selbstdarstellung versessene Laien und Gleichberechtigung heischende Frauen ihre Rollenkonflikte austragen.
Doch besteht das Grundproblem der neuen Liturgie nur in einem Vollzugsdefizit, das durch „liturgische Bildung“ oder wortreiche Dokumente wie etwa das „Über die Eucharistie“ aus dem vergangenen Frühjahr zu beheben wäre? Ist der Bruch mit der Tradition dadurch zu heilen, dass der Papst an diesem Samstag das Verbot des alten römischen Ritus rückgängig macht?
Der Frankfurter Soziologe Alfred Lorenzer hat vor mehr als einem Vierteljahrhundert beschrieben, wie sich die „klassische“ Liturgie hinter der Ikonostase der lateinischen Kultsprache in einer rituellen Eigenständigkeit und Fremdheit zugleich entfaltete, die den Laien Freiraum für Selbstbeschäftigung und einen Spielraum für Phantasie bis hin zu persönlichkeits-, gruppen- und kulturspezifischen Interpretationen des heiligen Geschehens bot. Das Konzil hingegen sah es als seine Aufgabe an, die Einheit von Mythos und Ritual aufzuheben, das Sinnlich-Präsentative des alten Kults durch die Intellektualität des Wortes zu ersetzen und das heilige Spiel der Formen und Gesten durch katechetisch-pädagogisierende Indoktrination zu profanieren. Sinnbild dieses liturgischen Bildersturms war Lorenzer der Priester, der, dem Volk zugewandt, am Altar agiert wie ein Fernsehkoch und der das sinnlich-unmittelbar wirksame religiöse Symbolsystem der modernen hedonistischen Konsumgesellschaft anheimgegeben hat.
Sicher schoss Lorenzers marxistisch und psychoanalytisch inspirierte Kritik an vielen Stellen über das Ziel hinaus. Jedoch ist nicht bekannt, dass Anfragen wie diese, zu denen auch Martin Mosebachs Klage über die „Häresie der Formlosigkeit“ zu zählen wäre, unter Bischöfen und im Klerus zu einem neuen, vertieften Nachdenken über den Umgang der katholischen Kirche mit dem ihr anvertrauten Schatz der Riten und Symbole des christlichen Abendlandes geführt hätten. Dazu musste erst Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI. werden.
Daniel Deckers Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
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