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Kommentar Globalisierte Hilfsbereitschaft

 ·  Nicht nur neigt die zivilisierte Menschheit dazu, ihre Einflußchance auf den Weltlauf zu überschätzen, sie unterschätzt zugleich, in welchem Maß die Natur auf den Menschen keine Rücksicht nimmt.

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Jede Katastrophe ist die erste. So viele Tsunamis es in den vergangenen Jahrhunderten gegeben haben mag, die Riesenwelle, die die Gestade Südostasiens verwüstete, trifft auf eine andere Welt als ihre Vorgänger, und sie läßt die Welt verändert zurück. Noch nie war eine ferne Katastrophe so nah wie diese.

Sie traf nicht nur einsame Inseln und exotische Gesellschaften, sondern auch die künstlichen Paradiese der westlichen Weihnachtsurlauber. Daß ihre Schicksale im Vordergrund der Berichterstattung stehen, daß die Erzählungen der Geretteten und die verzweifelte Suche der Verwandten nach ihren Angehörigen die größte Aufmerksamkeit auf sich ziehen, ist nicht verwunderlich und nicht zu tadeln.

Ausgedehntes Nachbarschaftsverständnis

Die Hilfsorganisationen, die aus Europa Rettungskräfte entsandt haben, unterscheiden nicht nach Herkunft und nationaler Zugehörigkeit. Das eindrucksvollste Zeugnis der Globalisierung unserer kleinen Welt liefern all jene Helfer, die sich auf die ersten Notrufe hin nach Südostasien aufgemacht haben. Und auch die Spendenaufrufe und ihr Echo zeigen, daß die Hilfsbereitschaft einer Moral entspringt, die nicht viele Worte macht, die sich nicht lange in Klagen ergeht, bevor sie handelt.

Diese Moral, die ein uraltes Fundament zu haben scheint, ist in ihren praktischen Formen noch nicht so alt, wie man denken möchte. Hilfsbereitschaft war lange auf die nächste Umgebung begrenzt, sie reichte kaum darüber hinaus - es war Hilfe der glücklich Davongekommenen für ihre unglücklichen Nachbarn. Ein solches Nachbarschaftsverhältnis scheint sich im Augenblick der großen Katastrophe über den Erdball auszudehnen, als seien alle Menschen Nachbarn.

„...und in Paris wird getanzt"

Die großen Hilfsorganisationen, die dabei tätig werden, stehen alle in der Nachfolge des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, das ein Kriegskind war, entstanden in der Schlacht von Solferino 1859. Auf dem Schlachtfeld faßte Henri Dunant den Gedanken, eine internationale Organisation zur Rettung und Pflege von Verwundeten zu schaffen. Einzelne, wie Florence Nightingale, waren im Krimkrieg als selbstlose Helfer vorangegangen. Es war ein gewaltiger Schritt von Klage und Anklage zur helfenden Tat.

Hundert Jahre zuvor, beim Erdbeben von Lissabon, als die Stadt am 1. November 1755 völlig zerstört wurde und man hunderttausend Tote vermutete, war Europa zwar publizistisch auf der Höhe und informierte sich über das Unglück, aber die helfende Tat blieb aus. Voltaire schrieb ein langes Gedicht über das Erdbeben von Lissabon, in dem er mit der Vorstellung einer guten, dem Menschen zugewandten Weltordnung aufräumte.

Er nutzte die allgemeine Bestürzung, um den Glauben an eine fürsorgliche Schöpfung zu erschüttern. Er sah aber auch, daß auf einem Vulkan die Moral nicht gedeihen konnte: „Lissabon stürzt in den Abgrund, und in Paris wird getanzt."

Kaum einen Beitrag zum Weltgefühl zu erwarten

Die moralischen Lektionen, die aus der Katastrophe zu ziehen waren, weckten einen Pessimismus, der die Philosophie seither nicht mehr verlassen hat. Die Lehre des Erdbebens von Lissabon war philosophisch vielleicht nicht sehr gehaltvoll, aber sie hat tiefe Spuren hinterlassen. In seinem Roman „Candide" hat Voltaire später ein düsteres, wenn nicht gar zynisches Bild gezeichnet von der Fähigkeit des Menschen, in großen Katastrophen seine Humanität zu bewahren.

Es ist das einzige Buch des achtzehnten Jahrhunderts, in das die Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts mühelos eingetragen werden können. Daß moralisch bedeutsame Betrachtungen über die Welt und den Weltzustand nicht mehr zum Repertoire der Gegenwart gehören, ist eine späte Folge auch jenes Erdbebens, das Lissabon in Trümmer legte. So kann man auch von der jüngsten Katastrophe wohl kaum einen Beitrag zum Weltgefühl erwarten, das unbeeindruckt von Bedrohungen sich an paradiesischen Nischen zu ergötzen liebt.

Unterschätzung der Naturgewalt

Während die Klagen über die menschlichen Einwirkungen auf die Natur, in Klimakonferenzen und bei Umweltforen, noch die Vorstellung suggerieren, es gelte vor allem den Einfluß der Zivilisation auf die Natur einzudämmen und in geregelte Bahnen zu lenken, bringt das Seebeben in Südostasien die Natur als von alldem unbeeindruckten Akteur in Erinnerung. Die oft und nicht ohne Selbstgefälligkeit verkündete Verantwortung der Menschen für die Schöpfung könnte sich handgreiflich als die Vermessenheit erweisen, die sie ist.

Nicht nur neigt die zivilisierte Menschheit dazu, ihre Einflußchance auf den Weltlauf zu überschätzen, sie unterschätzt zugleich, in welchem Maß die Natur auf den Menschen keine Rücksicht nimmt. Für den fürsorglichen Umgang mit ihr hat sich in den westlichen Ländern eine Gärtnermoral herausgebildet, die der Pflege der Kulturlandschaften entstammt. Gelegentlich aber erinnert die Natur daran, daß sie nicht für Gärtner gemacht ist. Nicht einmal im Umgang mit Menschen hat die Gärtnermoral das letzte Wort.

Eine nüchternere Moral

Nicht nur kosmisch gesehen ist die menschliche Existenz von hoher, von geradezu aberwitziger Unwahrscheinlichkeit, auch die irdische Natur läßt den Menschen keine unbegrenzten Spielräume für Paradiese oder für das, was sie dafür halten mögen. Die Zerstörung der Existenzgrundlagen von Hunderttausenden meist ohnehin Armen in wenigen Augenblicken erinnert jetzt wieder einmal an die Disproportion von Sicherheitsgefühl und tatsächlicher Sicherheit. Die Menschen pflegen ihr Glück sogar dann zu überschätzen, wenn dieses bescheidener gar nicht gedacht werden kann.

Es mag an Bußpredigten vergangener Zeiten erinnern, wenn man die Unterschätzung der Einwirkungen der Natur auf den Menschen, bei gleichzeitiger Überschätzung der menschlichen Einwirkungsmöglichkeiten auf sie, beklagt. Die Hilfsaktionen und die breite Unterstützung, die sie hierzulande finden, entspringen dagegen einer nüchterneren Moral, die sich nicht wortreich in Klagen ergeht, sondern so rasch wie möglich das Nötige zu tun versucht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2004, Nr. 306 / Seite 1
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30.12.2004, 19:01 Uhr

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