05.10.2004 · Von Daniel Deckers
Man zählte das Jahr 1874, das dritte des preußischen Kulturkampfs. Im Bistum Paderborn, dem zweitgrößten in Deutschland, war schon jede vierte Pfarrstelle verwaist, Hoffnung auf ein Ende der staatlichen Repressionen gab es nicht. Wie sollte die Seelsorge unter diesen Umständen aufrechterhalten werden? Bischof Konrad Martin, ein angesehener Theologe, veranlaßte die Drucklegung eines Handbuchs. Es hieß "Gemeinden ohne Seelsorger" und ist heute vielleicht noch aktueller als seinerzeit.
Und nicht nur aktuell, sondern fast revolutionär klingen die zehn Ratschläge des "Lehr- und Trostbüchleins": Die Laien sollten den Glauben bewahren, in Gemeinschaft mit Papst, Bischöfen und Priestern bleiben, alle Art von Sekten fliehen, einander im Glauben stärken, die Kinder katholisch erziehen, am Sonntag ohne Priester Gottesdienst feiern, selbst die Ehe schließen, selbst die Kinder taufen, selbst die Kranken und Sterbenden trösten, selbst die Toten beerdigen.
Doch Martins guter Rat wurde bald unnötig. Der Kulturkampf ging schon zu Ende. Bald nahm auch die Zahl der Priester wieder zu, so daß die Spendung der Sakramente wieder sichergestellt war. Die Laien fanden sich unter der Woche in Wohltätigkeits-, Handwerker- oder Arbeitervereinen wieder, die Jungen bildeten Bünde, Volksfrömmigkeit mit ihren einfachen Ritualen prägte den Alltag. Sonntags wurde der Gottesdienst gefeiert, bestenfalls wurde ein "deutsches Hochamt" gesungen.
In den Großstädten der Weimarer Republik gab es diesen Halt, der durch Familie und Dorfgemeinschaft gesichert wurde, nicht mehr. Bald erteilten Frauen, sogenannte Gemeindereferentinnen, Religionsunterricht und organisierten in den Pfarrgemeinden die Glaubensunterweisung der Kinder, die Katechese. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde daraus eine eigene Berufsgruppe mit eigenen Ausbildungsstätten.
Nicht viel später entstand ein weiterer "kirchlicher Beruf". Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre entschieden sich zunehmend weniger Männer für den Priesterberuf als seit langem üblich. Doch dank der Kirchensteuer, die um so reichlicher floß, je höher die Lohnsteigerungen ausfielen, war in vielen Bistümern guter Wille und noch genug Geld da, um den drohenden Priestermangel durch die Einstellung von "Pastoralreferenten" auszugleichen: Männer wie Frauen sollten nach einer Ausbildung, die an die der Priester angelehnt war, mit diesen zusammenarbeiten. Der Theorie nach sollten sie nicht in der unmittelbaren Gemeindeseelsorge eingesetzt werden, um Rollenkonflikte mit den Priestern zu vermeiden. Heute sind die meisten die ersten und einzigen Ansprechpartner in den Pfarrgemeinden und Krankenhäusern, in der Jugendarbeit und der Militärseelsorge.
All das wird bald der Vergangenheit angehören. Der Priestermangel hat inzwischen ein Ausmaß angenommen, das vor wenigen Jahrzehnten unvorstellbar schien. Im Bistum Limburg werden in wenigen Jahren auf rund 700 000 Katholiken etwa 80 Priester kommen. Niemand kann vorhersagen, wie unter diesen Umständen auch der elementarste Selbstvollzug der Kirche, die Feier der Eucharistie, garantiert werden kann. Frauen, das hat Papst Johannes Paul II. in den vergangenen 25 Jahren seines Pontifikats immer wieder eingeschärft, sind aus biologischen Gründen nicht in der Lage "in persona Christi" zu handeln. Daran dürfte sich mit einem neuen Papst wahrscheinlich genauso wenig ändern wie an der Verpflichtung der Priester zur Ehelosigkeit.
Um die kirchlichen Berufe steht es nicht viel besser als um die Priester. Seit fast zwei Jahrzehnten geht das Interesse am Theologiestudium stetig zurück. Und selbst wenn es genug Laien gäbe, die sich nicht von dem ungeklärten Berufsbild abschrecken ließen und in den Dienst der Kirche treten wollten, so fehlt aufgrund der rückläufigen Steuereinnahmen das Geld, um sie zu besolden. Entlassung statt Einstellung, das sind seit Wochen die Botschaften. Gemeinden ohne Seelsorger - das wird überall in Deutschland bald nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sein.
Sicher entspricht dem dramatischen Priestermangel ein nicht weniger dramatischer Gläubigenmangel. Das ist aber auch eine der Ursachen des Priestermangels - und seine Folge. Wo die Zahl der Geistlichen seit Jahren zurückgeht, verschlechtert sich die Seelsorge quantitativ wie qualitativ. Die hauptamtlichen Laien, die die immer größer werdenden Lücken notdürftig ausfüllen sollen, helfen da wenig. Viele tragen mit ihrer Fixierung auf die Frage, was sie denn nun als Laien am Altar oder sonstwo dürften, eher zur Klerikalisierung der Laiendienste bei, als daß sie in den Gemeinden die Kräfte weckten, den Glauben im Leben zu bezeugen und weiterzugeben. Doch darauf, nur darauf kommt es an.
Nicht an die hauptamtlichen Laien, an alle Christen müßte daher die Mahnung ergehen, die Bischof Martin schon vor 130 Jahren an seine Gläubigen gerichtet hat: Jedem einzelnen ist es aufgegeben, den Glauben zu bewahren, und das in Gemeinschaft mit Papst, Bischöfen und Priestern, der Kirche, der Sozialgestalt des Glaubens. Sekten, vor denen die Katholiken fliehen können, gibt es auch heute zuhauf. Einander im Glauben stärken, die Kinder katholisch erziehen - das geschieht nicht von selbst, das muß gelernt, dafür muß die weitverbreitete Sprachlosigkeit in Schulen des Glaubens überwunden werden. Müssen dann der Papst und die Bischöfe Angst haben, wenn diese Laien am Sonntag mitunter ohne Priester Gottesdienst feiern? Und wenn sie selbst die Ehe schließen, selbst die Kinder taufen, selbst die Kranken und Sterbenden trösten, selbst die Toten beerdigen? Es geht nicht darum, aus der Not eine Tugend zu machen, sondern in Gemeinden ohne Seelsorger das Evangelium, wie der Erfurter Bischof Wanke es ausdrückt, wieder auf den Leuchter zu stellen. Dann gäbe es womöglich auch wieder Seelsorger.