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Kommentar Geht es ohne Hauptschule?

27.06.2011 ·  Das Zweisäulenmodell setzt sich zu recht durch. Der Hauptschulabschluss wird weder von Eltern mit Migrationshintergrund noch von deutschen Eltern wirklich gewollt.

Von Heike Schmoll
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Es wäre fatal, wenn sich die CDU nach dem Beschluss eines Zweisäulenmodells mit Gymnasium und Oberschule in genau jene Schulstrukturdebatten verstrickte, die sie den Sozialdemokraten jahrelang vorgeworfen hat. Der bildungspolitische Leitantrag der CDU vollzieht nur, was sich selbst in den traditionellen Stammländern der Union immer schärfer herauskristallisiert hat: Der Hauptschulabschluss wird weder von Eltern mit Migrationshintergrund noch von deutschen Eltern wirklich gewollt. In Baden-Württemberg sind es nur noch drei Prozent der Eltern, die ihr Kind auf eine Hauptschule schicken möchten. Zum bürgerlichen Standardabschluss ist längst die mittlere Reife geworden. Sowohl Baden-Württemberg als auch Bayern und die CSU, die jetzt besonders auffällig auf Distanz zur Schulpolitik der Schwesterpartei geht, haben längst verschiedene Hintertüren geöffnet, um aus dem Hauptschuldilemma herauszukommen.

In den ländlichen Gebieten sind Hauptschulen mit kleinen Klassen schon jetzt fast so teuer wie eine Universität, in den Städten mit hohem Migrantenanteil werden sie leicht zu sozialen Brennpunkten. Schulklassen mit niedrigem Leistungsniveau und einer äußerst ungünstigen sozialen Zusammensetzung verstärken die Effekte einer bildungsfernen Herkunft. Wäre die CDU in Baden-Württemberg an der Macht geblieben, hätte sie auf den Ausbau der Werkrealschulen gesetzt und allmählich den Abschied von der Hauptschule vollzogen. Das jedenfalls hatte ihr die von der früheren Kultusministerin Schick (CDU) eingesetzte Expertenkommission unter Leitung des Bildungsforschers Jürgen Baumert empfohlen. Dass Bundesbildungsministerin Schavan (CDU) dann im Landtagswahlkampf noch für die Aufrechterhaltung der Hauptschule gekämpft hat, mutet der Psyche der Unionswähler einiges an Veränderungsbereitschaft zu.

„Magnetschulen“ überzeugen wenig

Auch im Südwesten, der mit seinem Migrantenanteil von 26 Prozent an der Gesamtbevölkerung erheblich über dem Bundesdurchschnitt liegt, stehen den Schulen allerdings schwierige Zeiten bevor. Spätestens in zehn Jahren wird der Anteil der ausländischen Schüler schon in der Grundschule bei 50 bis 70 Prozent liegen. Auch in den weiterführenden Schulformen wird er entsprechend steigen. Gleichzeitig nimmt die Zahl der deutschen Schüler vor allem in den ländlichen Gebieten erheblich ab. Wenn es den Schulen nicht gelingt, die Gruppe der Risikoschüler, die weder richtig lesen noch rechnen lernen, in den ersten Schuljahren zu verringern, werden auch Baden-Württemberg und Bayern ihre Pisa-Erfolge verspielen. Triumphieren wird dann nur der Osten, der kaum ausländische Schüler hat oder Einwanderer aus asiatischen oder osteuropäischen Ländern, die sich zumeist als wissbegierige Schüler erweisen. Wichtiger als alle Strukturdebatten wären konkrete Vorschläge, wie die Unionsländer im Westen mit dem Dilemma des Bevölkerungsrückgangs und wachsenden Migrantenanteilen fertig werden wollen.

Hier bleibt der Leitantrag der CDU erstaunlich vage. Die „Magnetschulen“ überzeugen wenig. Es handelt sich um eine euphemistische Bezeichnung für soziale Brennpunktschulen, die angeblich allen Kindern und Jugendlichen, vor allem denen aus schwierigem familiären Lebensumfeld, durch innovative Lehrkonzepte gerecht werden und zusätzliche Fachlehrer erhalten sollen. Wenn aber eine bildungsferne soziale Herkunft und Sprachdefizite die Hauptgründe für bleibende und sich steigernde Leistungsmängel sind, müssen die Länder möglichst früh in systematische und intensive Sprachförderung investieren und sie bei Bedarf auch während der gesamten Schulzeit anbieten. Sie werden zusätzliche Lerngelegenheiten an Wochenenden, in den großen Ferien und nachmittags schaffen müssen, um die herkunftsbedingten Unterschiede zumindest zu schmälern.

Viel wahltaktisches Kalkül

Dass die Union in ihrem Leitantrag unter diesen Bedingungen auch noch den Fremdsprachenunterricht von der ersten Klasse an fordert, ist nicht nur realitätsfern, sondern missachtet auch die Erkenntnisse der Bildungsforschung. So hat die Expertenkommission in Baden-Württemberg dazu geraten, den ohnehin von wenig Erfolg gekrönten Fremdsprachenunterricht unzureichend fortgebildeter Grundschullehrer allenfalls in der dritten Klasse, am besten erst in der weiterführenden Schule beginnen zu lassen.

In der gegenwärtigen Bildungsdebatte über die Abschaffung der Hauptschule, die den Ländern weder verordnet werden kann noch soll, gibt es viel wahltaktisches Kalkül – in den Ländern wie im Bund. Wenn die Union den Mut hätte, die gymnasialen Anforderungen wieder zu schärfen, träfe sie den Nerv der gebildeteren Schichten, denen es schon lang ein Dorn im Auge ist, dass sich das Gymnasium vielerorts zu einer Art Einheitsschule für alle entwickelt, weil die ehrgeizigen Eltern, die ihrem Kind zu viel zumuten und gern mit dem Rechtsanwalt drohen, überhandnehmen. Ein gymnasiales Profil mit hohen Anforderungen und Leistungsorientierung hätte außerdem zur Folge, dass die Zahl der Studienanfänger sich nicht unbegrenzt steigern lässt. Den Universitäten wäre das nur zu wünschen.

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Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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