10.12.2004 · Wer soll für die Schäden aufkommen, die dem Klimawandel zugerechnet werden? Die Klimamodelle der Wissenschaftler liefern nicht unbedingt eine Basis für fundierte Antworten auf diese Frage.
Von Joachim Müller-JungAuf unsanfte Art sind wir in diesen Tagen an einen für viele unvergeßlichen Sommer erinnert worden. Der "Jahrhundertsommer 2003", mit vergnügungsträchtigen Rekordtemperaturen vom Juli bis weit in den August hinein, soll den deutschen Wald - und der genießt, wie jeder weiß, mystischen Rang - an den Rand des Abgrunds gebracht haben. Ganz plötzlich. Und ganz plötzlich wird ein Begriff reanimiert, "Waldsterben", den Bundesforstministerin Künast Ende 2003 selbst offenbar unter dem Einfluß der sinntrübenden Spätsommertage endgültig für erledigt erklärt hatte. Nun also doch. Ein Sprung auf fast ein Drittel "deutlich geschädigter Bäume" im Bundesdurchschnitt sei eindeutig zuviel. Die Versauerung der Böden vor allem durch Stickstoffeinträge aus dem Verkehr sei zu beklagen - was zwar nicht wegzudiskutieren ist, aber seit Jahrzehnten nahezu unverändert gilt und den abrupten Schadensanstieg kaum zu erklären vermag. Und dann war da dieser ungnädige Sommer vor einem Jahr, der uns jetzt alle teuer zu stehen kommen soll.
Die lange Trockenheit hat den Bäumen geschadet. Gegen diesen Verdacht läßt sich empirisch wenig einwenden. Dürre ist eine uralte Erfahrung. Die ökologischen Wirkungen solcher Naturextreme lassen sich plausibel erklären. Die Bundesregierung oder jedenfalls ihre grünen Minister Künast und Trittin jedoch machen eine ganz andere Rechnung auf. Und sie greifen damit - wohlkalkuliert womöglich - in ein wissenschaftliches und ökonomisches Wespennest. Die beispiellose Hitzewelle des Jahres 2003 nämlich, die nicht nur die Wälder geschwächt, sondern einigen Rechnungen zufolge in ganz Europa bis zu 35 000 ältere und kranke Menschen das Leben gekostet haben soll, sei direkt dem Treibhauseffekt und damit dem vom Menschen verursachten Klimawandel zuzuschreiben. Entscheidend ist: Nicht das Wetter, also eine meteorologische Ausnahmesituation, sondern eine großräumige, langfristige Erhöhung der Lufttemperatur wird zum Auslöser erklärt.
Bis vor kurzem waren solche Unterscheidungen ein rein ideologisches Erkennungsmerkmal, weder für Behörden, Juristen noch für andere Pragmatiker jedoch von Bedeutung. Die Behauptung, dieses Hochwasser oder jener Orkan gehe auf das Konto der globalen Klimaerwärmung, wurde zwar von Politikern und einigen extrovertierten Klimaforschern gerne benutzt, war aber von den wissenschaftlichen Daten kaum gedeckt. Ernstzunehmende Experten jedenfalls haben vor einer kausalen Zuordnung stets zurückgeschreckt. Nicht der Klimawandel insgesamt, aber der Zusammenhang zwischen einzelnen meteorologischen Extremen und der Globalerwärmung blieb Spekulation.
Das hat sich inzwischen geändert. Zumindest sind die Schranken seriöser Zurückhaltung gefallen, seitdem drei britische Klimaforscher in einem der renommiertesten Wissenschaftsjournale eine statistische Untersuchung veröffentlichten, in der sie den Hitzesommer 2003 als ein zunehmend häufiger wiederkehrendes Ereignis überführten, das mit großer Wahrscheinlichkeit auf die Anreicherung der Luft mit Treibhausgasen zurückzuführen sei. Daß die Hitze von einem meteorologisch zwar seltenen, aber keinesfalls unnatürlichen stabilen Hochdruckgebiet über Mitteleuropa verursacht worden war, spielt keine Rolle. Auch der Umstand, daß man die natürliche Schwankungsbreite kaum kennt und die seriöse meteorologische Datenbasis, die man einer solchen Kalkulation zugrunde legen müßte, für bestenfalls hundertfünfzig Jahre zur Verfügung hat, vermochte die Forscher nicht von der fatalen Versuchung abzuhalten - von der Verlockung nämlich, die Deutungshoheit der Wissenschaft zu überstrapazieren.
Ob man die Konsequenzen dieser halbgaren Erkenntnis bedacht hat, läßt sich aus den Worten der Klimaforscher nicht ermessen. Aber die Diskussionen darüber haben längst begonnen. Und diese könnten, wenn man die Entwicklung der politischen Klimaschutzverhandlungen, wie zur Zeit in Buenos Aires zu beobachten ist, richtig deutet, den Aktionsradius der Klimaschutzpolitiker nicht erweitern, sondern eher einschränken. Es geht nämlich um die Frage, wer eigentlich die Kosten für die Schäden aufbringt, die dem Klimawandel angelastet werden. Wer zahlt künftig, wenn der Ölkonzern wegen der "Klima"-Kapriolen seine Bohrinseln verlegen oder ein Eskimovolk seine Heimat aufgeben muß? Der Steuerzahler, die Firma, die Versicherung? Wann wäre der Staat haftbar zu machen, wenn, wie heute spekuliert, in fünfzig Jahren Hitzeperioden wie 2003 durchschnittlich alle zwei Jahre wiederkehren und Kranke wie Bäume strapazieren?
Daß es sich bei solchen Fragen um wilde Gedankenspiele mit ernstem Hintergrund handelt, zeigt die Entwicklung in den Vereinigten Staaten, wo in Produkthaftungsprozessen über astronomische Summen gestritten wird. Dort haben im Laufe dieses Jahres acht Bundesstaaten und die Stadt New York gegen fünf amerikanische Energiekonzerne wegen deren Beitrag zum "gefährlichen Klimawandel" geklagt. Amerika hat sich zwar dem Kyoto-Prozeß nicht angeschlossen, aber wie mittlerweile an die zweihundert Staaten mit der Unterschrift unter die Klimarahmenkonvention vor zehn Jahren genau diese "gefährlichen" Klimaänderungen zu verhindern versprochen.
Die Frage wird am Ende sein, wieviel Glauben die Rechtsprechung dem Urteil der Wissenschaftler schenkt. Wie deren Wahrscheinlichkeitsaussagen gewichtet werden. Es liegt in der Natur der Sache, daß die Kausalität der Schadensereignisse nie vollständig und zweifelsfrei dem globalen Klimawandel zugerechnet werden kann. Um so größer wird die Versuchung der Jurisprudenz sein, der statistischen Beweisführung, auch wenn diese auf lückenhaften Klimamodellen beruht, frühzeitig Vertrauen zu schenken. In dem Irrglauben womöglich, der von denselben Computermodellen gesät wird, daß man die Komplexität und Nichtlinearität des Klimas auch in der Wirklichkeit so weit zu steuern vermag, daß Hitzesommer wie der vor einem Jahr künftig ausgeschlossen werden könnten.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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